OSTSCHWEIZ: Eine breite Front gegen die SBB

Der Protest gegen die Schliessungen von Billettverkaufsstellen weitet sich laufend aus. Gestern sind bei den SBB als Halbzeitbilanz 22 000 Unterschriften – fast die Hälfte aus der Ostschweiz – deponiert worden.

Silvan Meile
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Migrolino ist einer der SBB-Partner, der ab 2018 keine Billette mehr verkaufen darf. (Bild: Ralph Ribi)

Migrolino ist einer der SBB-Partner, der ab 2018 keine Billette mehr verkaufen darf. (Bild: Ralph Ribi)

Der Widerstand gegen die von den SBB geplanten Schliessungen der Billettverkaufsstellen Dritter bekommt Zulauf von allen Seiten. Der Protest gegen den Abbau des Service public werde von immer mehr Organisationen und Einzelpersonen getragen, sagt Matthias Müller vom Verkehrs-Club der Schweiz (VCS). Zusammen mit Parteien und betroffenen Gemeinden sammelt der VCS seit zwei Monaten Unterschriften gegen «diesen Kahlschlag», wie der St. Galler SP-Kantonsrat Ruedi Blumer den Entscheid der SBB wertet. In Sulgen beispielsweise, wo in der Post nicht länger Billette verkauft werden sollen, sind kurzerhand 1200 Unterschriften zusammengekommen, sagt FDP-Gemeindepräsident Andreas Opprecht: «Die Leute sind in unserer Gemeinde manchmal Schlange gestanden, um zu unterschreiben.»

Service für ältere Generation beibehalten

22 000 Personen haben die Petition des VCS bisher unterschrieben. Knapp 10 000 davon aus der Ostschweiz, viele auch aus dem Tessin. Gestern deponierte der Verband die Unterschriftenbögen beim Hauptsitz der SBB in Bern. Gleichzeitig trafen sich die verschiedenen Ostschweizer Exponenten der Protestbewegung in Weinfelden. Bis Ende Februar 2017 sollen noch weitere Unterschriften gesammelt werden, denn der Protest sei weiterhin ungebrochen. Die Forderung ist klar: Die SBB sollen die bedienten Billettverkaufsstellen durch Dritte beibehalten oder mit den Kantonen oder Gemeinden Lösungen finden.

«Es ist gewaltig, dass sich die Leute vereint über alle politischen Grenzen für den Service public einsetzten», sagt die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher. Die SBB-Schalter seien insbesondere für die älteren Menschen wichtig. Diese hätten Mühe, in den immer komplexeren Tarifsystemen die Billettautomaten zu bedienen, geschweige denn eine Fahrkarte mit dem Smartphone zu lösen. Und Graf-Litscher ruft auch den sozialen Aspekt in Erinnerung: «Wir brauchen gerade auch im digitalen Zeitalter den persönlichen Kontakt.» Diese Meinung teilt auch der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler, der in Bern mit einer Motion den SBB die Schliessung der Verkaufsstellen Dritter für die nächsten fünf Jahre verbieten will. «Es ist noch zu früh», so der siebenfache Grossvater Büchler. Es brauche noch die persönliche Beratung am Schalter. Seine Enkel würden hingegen die Billette bereits per Handy lösen.

In der Ostschweiz ist der Protest besonders stark

Auch Vreni Züger kam gestern nach Weinfelden. Der Entscheid der SBB hat die 59-Jährige aus der Bahn geworfen. Sie muss ihr Geschäft schliessen. Seit mehr als 16 Jahren betreibt sie den Bahnschalter in Islikon auf privater Basis. «Jährlich konnte ich meinen Umsatz steigern», sagt sie. Doch an Silvester 2017 wird die Stationshalterin wegen des Entscheids der SBB gezwungen sein zu schliessen. 51 weitere Verkaufsstellen – etwa solche von Post, Migrolino und Avec – müssen dann ebenfalls aufhören, Billette zu verkaufen. Fünf Millionen Franken sparen die SBB dadurch nach eigenen Angaben. Die Protestierenden kritisieren, dass dies vor allem auf dem Buckel der älteren Generation geschehe, die auf die persönliche Bedienung angewiesen sei. Besonders betroffen ist die Ostschweiz. 20 der betroffenen Verkaufsstellen befinden sich in den Kantonen St. Gallen und Thurgau. Deshalb ist hier der Protest gegen die SBB besonders stark.