OSTSCHWEIZ: Der lange Weg in die Chefetagen

An der Spitze der Ostschweizer Unternehmen sind Frauen immer noch selten. Auch in den mittleren und oberen Kadern ist ihr Anteil tiefer als in der Belegschaft. Viele Firmen haben das Problem erkannt – doch Frauen stossen nur langsam zur Spitze vor.

Kaspar Enz
Drucken
Teilen
Frauen sind in Führungspositionen noch dünn gesät. (Bild: Fotolia)

Frauen sind in Führungspositionen noch dünn gesät. (Bild: Fotolia)

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Der Bundesrat will, dass in den Führungspositionen börsenkotierter Unternehmen mehr Frauen sitzen. Sein Vorschlag zum neuen Aktienrecht sieht eine Frauenquote vor: 20 Prozent in den Geschäftsleitungen, 30 Prozent in den Verwaltungsräten. Heute sind aber erst 8 Prozent der Geschäftsleiter und 16 Prozent der Verwaltungsräte der grössten Schweizer Firmen Frauen. Das zeigt der neuste Schilling-Report. Dafür befragte das ­Beratungsunternehmen Guido Schilling AG über 100 grosse Unternehmen. Erstmals erhob der Report auch die Frauenan­teile beim mittleren und oberen Kader. Das zeigt, wie gross das Potenzial an weiblichen Führungskräften wäre.

Dabei gibt es grosse Unterschiede zwischen den Branchen. In der Industrie sind nur 23 Prozent der Mitarbeitenden Frauen, heisst es im Report. Auch bei der Heerbrugger SFS stellen Frauen nur einen Fünftel der Belegschaft. Sie arbeiten vorwiegend in kaufmännischen Berufen, sagt Mediensprecherin Franziska ­Süess. Mit drei Frauen in den Divisionsleitungen ist der Frauenanteil beim Topkader mit 11 Prozent gar nicht so tief. Doch auch diese leiten eher kaufmännische Bereiche. «Im technischen Umfeld ist es herausfordernd, Frauen zu rekrutieren.» SFS will das ändern. Junge Frauen, die eine technische Lehre abgeschlossen haben, werden als Vorbilder im Berufswahlprozess positioniert. Initiativen wie «Chance Industrie Rheintal» wollen Mädchen an technische Berufe heranführen. Doch «solche Massnahmen brauchen Zeit, bis sie wirken.»

Männer führen Frauen

Im Verhältnis zum tiefen Anteil bei der Belegschaft sind die Frauen in den Kadern der Industrie gut vertreten, zeigt der Schilling-Report. Anders sieht es im Detailhandel aus. Die Migros Ostschweiz beschäftigt zwar 6700 Frauen und nur 3200 Männer. Doch nur gerade 108 der 490 ­Kaderstellen sind von Frauen ­besetzt. Das habe verschiedene Gründe, sagt Mediensprecher Andreas Bühler. «In der Familienphase wollen viele Frauen kürzertreten», sagt er. «Und gerade in den Führungspositionen im Verkauf ist Teilzeitarbeit nur begrenzt möglich.» Doch die Migros Ostschweiz will daran arbeiten. «Wir prüfen Arbeitsmodelle, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser gerecht werden.» Fortschritte seien erkennbar. «Der Anteil der Frauen in Kaderpositionen hat sich im Vergleich zu 2012 von 19 auf über 22 Prozent erhöht», sagt er. Auch bei Helvetia-Versicherungen will man mehr Frauen in Kaderpositionen bringen. «Neben Krippenplätzen und flexiblen Arbeitszeitmodellen setzen wir auf gezieltes Talentmanagement», sagt Mediensprecher Jonas Grossniklaus. «Aber das Thema bleibt eine Her­ausforderung.» Vorerst sinkt bei Helvetia der Frauenanteil in der Geschäftsleitung: Nach der Einführung einer integrierten Konzernstruktur ist dort ab 2017 keine Frau mehr vertreten. Innerhalb der Finanzbranche steht Helvetia aber noch gut da. Tief sind die Frauenanteile laut dem Schilling-Report bei den Kan­tonalbanken. Auch in den Geschäftsleitungen der St. Galler (SGKB) und der Thurgauer Kantonalbank (TKB) sitzen nur Männer. Und auch beim höheren ­Kader sind Frauen dünn gesät. «Rollenbilder und Strukturen spielen da ebenso mit wie das ­Betreuungsangebot in unserem ländlich geprägten Einzugs­gebiet», sagt TKB-Sprecherin Anita Schweizer. Zudem sei die Fluk­tuation auf hohen Kaderstufen tief. Frauen trauten sich auch weniger zu. «Oft erhalten wir für höhere Positionen keine Bewerbungen von Frauen.»

Massnahmen zeigen Wirkung

Die TKB will das ändern. Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden etabliert. Auch Führungskräfte können Teilzeit arbeiten oder von zu Hause aus. Es gibt ein internes Frauennetzwerk, «und wir sprechen bei der Rekrutierung von Führungskräften intern gezielt Frauen an». Das zeige schon Wirkung. «Der Frauen­anteil im Kader stieg in den vergangenen Jahren stetig.»

In der Einleitung zum Report schreibt Guido Schilling, dass ihn die Resultate positiv stimmten. Es wachse eine junge Generation von weiblichen Leadern heran. Bis diese aber die Karriereleiter erklommen haben, dürfte es noch eine Weile dauern. Bis in fünf Jahren, glaubt Schilling, steige der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen auf 10 Prozent.