Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

OSTSCHWEIZ: Das Geschäft mit den Asylunterkünften

Gemeinden und Städte müssen unter Zeitdruck Wohnraum für Flüchtlinge schaffen. Im Modulbau werden ganze Siedlungen in nur wenigen Monaten hochgezogen. Ostschweizer Holzbauunternehmen sind daran massgeblich beteiligt.
Michael Genova
Ruedi Heim Kifa AG, Aadorf (Bild: Reto Martin)

Ruedi Heim Kifa AG, Aadorf (Bild: Reto Martin)

In nur drei Monaten entsteht in der Stadt Basel zurzeit eine Siedlung für 250 Asylsuchende. Anfang Oktober begann die Produktion der Wohnmodule, und bereits im Dezember wird der Bau auf dem Werkareal der Basler Verkehrsbetriebe fertiggestellt sein. Möglich macht es das Holzbauunternehmen Kifa AG mit Sitz in Aadorf. Der Thurgauer Traditionsbetrieb hat sich schon länger auf den Systembau spezialisiert und kürzlich das Geschäft mit Asylunterkünften aus Holz entdeckt. «Im Moment sind wir damit beschäftigt, die Schweizer Nachfrage zu bewältigen», sagt Geschäftsführer Ruedi Heim.

Ruedi Heim Kifa AG, Aadorf (Bild: Reto Martin)

Ruedi Heim Kifa AG, Aadorf (Bild: Reto Martin)

In den Produktionshallen der Kifa AG wird im Dreischichtbetrieb gearbeitet. Anders wäre die sportliche Zeitvorgabe gar nicht einzuhalten. Dazu kommt ein ausgeklügeltes Produktionsverfahren: die sogenannte Fliessfertigung, die auch in der Automobilindustrie zum Einsatz kommt. An sieben Stationen sind Mitarbeiter mit je einem Arbeitsschritt beschäftigt. An der letzten Station werden die Böden, Decken und Wände zu einem fertigen Modul zusammengefügt. Das spart Zeit. «Diese Geschwindigkeit würden wir mit einer konventionellen Bauweise nie erreichen», sagt Gebhard Schwarz, Leiter des Systembaus. Entscheidend ist, dass es auf der Produktionsstrasse zu keinem Stau kommt. Immer wieder werden deshalb Arbeitsabläufe verbessert.

Die Firma Kifa in Aadorf produziert Modulboxen als Flüchtlingsunterkünfte. (Bild: Reto Martin)

Die Firma Kifa in Aadorf produziert Modulboxen als Flüchtlingsunterkünfte. (Bild: Reto Martin)

Rund 30 Handwerker sind an der Produktion der Asylunterkunft beteiligt. Die Hälfte sind Holzbauspezialisten der Kifa AG, die anderen Mitarbeiter stammen von Subunternehmen. Sie streichen die Wände, verlegen die Fliesen, bauen Bad, WC und Küche ein. Der gesamte Innenausbau findet bereits in der Produktionshalle statt. Rund drei Tage dauert es, bis zehn Module fertiggestellt sind. Dann werden sie zur Baustelle nach Basel transportiert, zusammengebaut, an Strom und Wasser angeschlossen. Nach exakt 123 Modulen ist die Siedlung vollendet. «Das ist logistisch höchst anspruchsvoll», sagt Geschäftsführer Ruedi Heim.

Günstiger als der konventionelle Holzbau

Die Tragkonstruktion der Wohnmodule ist komplett aus Holz hergestellt, lediglich die Fassade der Siedlung besteht aus Wellblech. Holz hat laut Ruedi Heim einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Wohncontainer aus Metall. «Das Wohnklima ist angenehmer.» Das ist entscheidend, denn viele Flüchtlinge werden über längere Zeit in der Siedlung wohnen. Besser schneide Holz auch beim Brand- und Schallschutz ab. Und beim Preis? «Wir sind 30 Prozent günstiger als der konventionelle Bau», sagt Heim. Und müsse man vermeintlich billigere Stahlcontainer aufwendig aufrüsten, seien diese nicht mehr konkurrenzfähig. Rund sechs Millionen wird der Kanton Basel-Stadt für die Flüchtlingsunterkunft am Dreispitz ausgeben.

Für die Kifa AG ist es nicht das erste Wohnbauprojekt für Flüchtlinge. Im Sommer stellte sie in der Stadt Zürich die temporäre Wohnsiedlung Zihlacker für rund 120 Asylsuchende fertig. Zuvor realisierten die Thurgauer in Schlieren eine Asylunterkunft im Modulbau. Drei weitere Unterkünfte sind in Vorbereitung: in Forch, Gossau ZH und in der Stadt Zürich. Geschäftsführer Ruedi Heim freut sich über das neue Geschäftsfeld: «Wir erhalten so die Möglichkeit, uns auf dem Markt mit Grossprojekten zu beweisen.»

Die Schweizer Holzwirtschaft scheint im Bau von Flüchtlingsunterkünften eine grosse Chance zu wittern. Im Mai organisierte das Bundesamt für Umwelt gemeinsam mit Branchenverbänden eine Tagung zum Thema. Als Ergebnis entstand die Internetplattform Fluechtlingsunterkuenfte.ch, wo die Vorzüge der Holzbauweise angepriesen werden. Auffallend ist, dass vier der sieben aufgeführten Holzbauunternehmen aus der Ostschweiz stammen. So präsentieren sich neben der Kifa AG auch die Firma Blumer-Lehmann AG aus Gossau, die Gebhard Müller AG aus Steinach sowie Holzbau Ilg aus Ermatingen als Spezialisten für modulare Asylunterkünfte.

Die Blumer-Lehmann AG baut zurzeit in Kriens für den Kanton Luzern das Asylzentrum Grosshof mit rund 130 Plätzen. Die Auftragssumme beläuft sich auf 5,5 Millionen Franken. Für das Gossauer Unternehmen ist es das erste Projekt im Asylbereich, momentan sind aber weitere Bewerbungen am Laufen. «Wir sehen Asylunterkünfte als eine Erweiterung unseres Geschäftsfeldes», sagt Geschäftsführer Richard Jussel. Im Modulbau ist Blumer-Lehmann schon seit Jahren tätig. In der Vergangenheit baute das Unternehmen etwa Pavillons für Schulen, Kindergärten und Kinderhorte oder errichtete Provisorien für Banken.

Richard Jussel Blumer-Lehmann AG, Gossau (Bild: PD)

Richard Jussel Blumer-Lehmann AG, Gossau (Bild: PD)

Auch für Menschen in Wohnungsnot

Die Gossauer beraten Architekten bei der Planung von Asylunterkünften, haben aber auch ein eigenes Basismodell entwickelt. Es besteht aus drei Stockwerken, hat 50 Zimmer und kann in vier bis fünf Monaten geplant und gebaut werden. Modulbauten können laut Jussel leicht an vorhandene Grundstücke angepasst werden. So wird die Asylunterkunft in Basel auf einem bestehenden Werkareal errichtet, und das Asylzentrum in Kriens ist direkt neben einer Haftanstalt geplant. Dazu kommt ein weiterer Vorteil: Modulbauten können leicht abgebaut und an andere Standorte verlegt werden. Viele Städte fassen aber auch eine Umnutzung ins Auge, sollte die Zahl der Asylsuchenden wieder sinken. So kann sich die Stadt Basel vorstellen, die Siedlung am Dreispitz mittelfristig auch für andere Menschen in Wohnungsnot zur Verfügung zu stellen. Und in Kriens heisst es, das Asylzentrum könnte dereinst auch von Studenten genutzt werden.

Auch im Ausland hat die Holzwirtschaft das Geschäft mit den Flüchtlingen für sich entdeckt. Der Dachverband der deutschen Holzwirtschaft führt auf einer Website rund 30 bereits realisierte Asylunterkünfte. Wäre Deutschland angesichts der weitaus grösseren Zahl von Flüchtlingen ein Exportmarkt für Schweizer Holzbauunternehmen? Richard Jussel winkt ab. Preislich könne man mit deutschen Lösungen meist nicht mithalten. Oft kämen zudem günstigere Metallcontainer und Plattenkonstruktionen zum Einsatz. Dennoch gibt es Schweizer Holzbauspezialisten, die in Deutschland Projekte realisiert haben. So etwa der Luzerner Ingenieur Pirmin Jung, dessen Büro am Flughafen Frankfurt-Hahn eine Erstunterkunft für Flüchtlinge geplant hat.

Die Firma Kifa AG aus Aadorf hat die Produktion von Flüchtlingsunterkünften aus Holz als neues Geschäftsfeld entdeckt. Zurzeit werden in den Produktionshallen des Thurgauer Holzbauunternehmens die Module für die Siedlung Dreispitz in der Stadt Basel produziert. Bereits im Sommer realisierte die Kifa AG für die Stadt Zürich die Asylunterkunft Zihlacker. (Bild: pd)

Die Firma Kifa AG aus Aadorf hat die Produktion von Flüchtlingsunterkünften aus Holz als neues Geschäftsfeld entdeckt. Zurzeit werden in den Produktionshallen des Thurgauer Holzbauunternehmens die Module für die Siedlung Dreispitz in der Stadt Basel produziert. Bereits im Sommer realisierte die Kifa AG für die Stadt Zürich die Asylunterkunft Zihlacker. (Bild: pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.