Ostschweiz braucht eine Vision

Wo spielt in Zukunft die Musik? Die Metropolen sind auf dem Vormarsch.

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Das Leben pulsiert in Zürich, Basel, Bern und in Genf. Diesen Eindruck vermittelt das neue Raumkonzept des Bundes. Es definiert, wo künftig Wachstum stattfindet, und teilt die Schweiz in Metropolräume, alpine sowie klein- und mittelstädtische Räume ein (siehe Grafik). Zu letzteren wird die Nordostschweiz mit den Kantonen St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell gezählt.

Schweiz setzt Prioritäten

Was bedeutet diese Einteilung für die Nordostschweiz? Dürfen hier nur noch begrenzt Baugebiete ausgewiesen werden? «Das Raumkonzept ist ein wichtiger Orientierungsrahmen, der bewusst Akzente setzt», erklärt Bernard Staub, Präsident der Kantonsplaner und Leiter Amt für Raumplanung Kanton Solothurn. Siedlungen und Industriezonen könnten nicht mehr überall entstehen. Er betont: «Wir wollen räumliche Prioritäten setzen.»

Die Metropolen sollen die Motoren der Schweiz sein. Daneben gebe es kleinere Motoren wie die Stadt St. Gallen und Zwischenräume wie den Kanton Thurgau. Doch räumt Staub ein: «Es wird auch Räume geben, die nicht mehr wachsen dürfen.» Zu den Räumen mit Wachstumspotenzial in der Nordostschweiz werden die Stadt St. Gallen, die touristischen Gebiete und die Grenzregionen gezählt. Für St.

Gallens Stadtpräsident Thomas Scheitlin ist die Stossrichtung, dass die Stadt als Zentrum der Nordostschweiz zu stärken sei, richtig. Die drei Hauptpfeiler Wirtschaftszentrum, Zentrum für Wissen und Forschung sowie Kultur seien richtig aufgeführt. «Für die Weiterentwicklung der Stadt ist es von wesentlicher Bedeutung, dass das Zentrum gestärkt und die Hauptpfeiler weiter gefördert werden», betont Scheitlin.

Bernard Staub hält es für notwendig, dass die Nordostschweizer Kantone ihre Siedlungsentwicklung noch mehr als bisher koordinieren. «Ziel ist, ein Raumbild für die ganze Nordostschweiz zu entwickeln.» Dass gemeinsames Handeln und die Entwicklung einer gemeinsamen Vision nötiger sind denn je, belegt der Tatendrang der Grossstädte. Bereits sind Zürich und Bern dabei, ihre Positionen als Metropolen auszubauen.

Für Zürich wurde die Vision einer neuen Grossstadt im Glatttal entworfen, für Bern die Idee einer Hauptstadtregion (siehe Kasten). Sollte beides zum Tragen kommen, könnte dies dazu führen, dass die Abwanderung aus der Nordostschweiz zunehmen wird, zumal das Pendeln teurer werden soll.

Zwei Metropolräume

Werden sich Zürich, Basel und Bern auf Kosten der Nordostschweiz weiterentwickeln? Alain Thierstein, Professor am Lehrstuhl für Raumentwicklung an der Technischen

Universität München, ist der Meinung, dass ein Kanton nur so stark sein könne wie seine Hauptstadt. «St. Gallen ist die Stadt in der Schweiz, die am längsten auf der faulen Haut gelegen ist», sagt der gebürtige St. Galler, der an der HSG promoviert hat. St. Gallen habe zu lange zugewartet. Luzern und Biel hätten viel früher begonnen, sich von ihrer industriellen Vergangenheit zu verabschieden und sich weiterzuentwickeln. Dies sei nicht so schnell aufzuholen.

Grundsätzlich ist Thierstein der Meinung, dass die Einteilung, die im Raumkonzept vorgenommen wird, zu kurz fasst. Im europäischen Kontext betrachtet wären für die Schweiz nur zwei Metropolregionen von Bedeutung: die Region um den Genfersee und die Nordschweiz. Zürich und die Region Basel bilden für ihn das Rückgrat der Metropolregion Nordschweiz, daran angehängt sind die umliegenden Kantone. Das «räumliche Schicksal» der Nordostschweizer Kantone liegt unmittelbar in diesem Raum begründet.

Für Thierstein steht der Kanton St. Gallen vor der Herausforderung, dem Sog des Zentrums Zürich standzuhalten und sich als eigenes Zentrum innerhalb der Metropolregion zu behaupten. Damit dies gelinge, müsse zum einen die Siedlungsentwicklung gebündelt werden, und zum anderen sollte die Region eine gewisse Aufmerksamkeit erhalten. Dazu wären drei «Leuchttürme» notwendig. Ausstrahlen könnten die Wirtschafts- und Wissenschaftsstadt St.

Gallen, die Bodenseestadt Rorschach/Arbon/Romanshorn und das Appenzeller Vorderland mit seiner Kultur und seinem Brauchtum. In der Bodenseestadt könnten Wohnen und Arbeiten ausgebaut, in der Region Appenzell der Bereich Gesundheit und Wellness gestärkt werden.

Agglo-Programme aufgegleist

Bereits arbeiten die Kantone daran, dass «Leuchttürme» entstehen.

Ein wichtiger Part kommt den Agglomerationsprogrammen zu, die die Entwicklung von Siedlung und Verkehr in Kreuzlingen, Wil, Arbon/Rorschach, Obersee, Rheintal und Werdenberg-Liechtenstein steuern. Bei der Ausarbeitung dieser Programme zeigen sich die Tücken, die in der Raumentwicklung stecken. Sollen bestimmte Regionen auf Entwicklung verzichten, führt dies zu Konflikten. Inge Staub

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