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OSTSCHWEIZ: "Besorgniserregend": Ladensterben-Experte sieht vor allem für grenznahe Orte schwarz

Immer mehr Ladenflächen in der Ostschweiz stehen leer. Stefan Nertinger, Dozent an der St.Galler Fachhochschule, findet Menschen mutig, die heutzutage noch ein eigenes kleines Geschäft eröffnen.
Daniel Walt
Zu vermieten: An grenznahen Orten wie Romanshorn oder Kreuzlingen ist das Ladensterben besonders ausgeprägt. (Bild: Michel Canonica)

Zu vermieten: An grenznahen Orten wie Romanshorn oder Kreuzlingen ist das Ladensterben besonders ausgeprägt. (Bild: Michel Canonica)

Stefan Nertinger, wann haben Sie zuletzt etwas in einem kleineren Laden gekauft?
Das war am Montag vor einer Woche – und zwar Kaffee bei Baumgartner in der St.Galler Multergasse.

Für welche Artikel berücksichtigen Sie vorwiegend Lädeler und nicht grosse Ketten?
Vor allem für Süsswaren wie Schokolade oder Leckerli, Geschenke oder Kleider. Gerade beim Kleiderkauf braucht man online viel mehr Zeit als im Laden. Man verliert sich im Netz, beginnt, die Preise zu vergleichen… Im Geschäft geht das viel schneller und zielgerichteter – zumindest bei uns Männern… (schmunzelt)

Innert der letzten drei Jahre haben sich die leerstehenden Verkaufsflächen in der Ostschweiz laut einer Studie verdoppelt. Ein erschreckender Befund.

In der Tat. Bis 2010 hatte die Schweiz pro Kopf die höchste Ladendichte Europas. Ab 2015 dann haben wir die Effekte des Frankenschocks und eine zunehmende Akzeptanz des Online-Einkaufs festgestellt. Man kommt also von einem hohen Niveau, ist nach wie vor in den europäischen Top 3 bezüglich der Ladendichte – aber die Verschärfung der Probleme in den letzten drei Jahren ist schon besorgniserregend

Wenn vom Ladensterben die Rede ist oder wenn ein Geschäft schliesst, folgt oft das grosse Wehklagen. Trotzdem kaufen immer mehr Menschen online oder im grenznahen Ausland ein. Herrscht hier eine Art Doppelmoral?
Doppelmoral finde ich den falschen Begriff. Viele Leute würden wirklich gerne lokal einkaufen, den kleinen Händler an der Ecke unterstützen. Aber schliesslich geht es halt doch über das Portemonnaie. Gerade im Drogeriebereich ist der Preis ein wichtiges Argument. Produkte von Nivea oder Colgate werden irgendwo in einer Fabrik hergestellt, und bei den Preisen, die in der Schweiz dafür verlangt werden, fühlen sich die Leute einfach über den Tisch gezogen.

Auch Sie?
Ja.

Dann kaufen Sie Drogerieartikel nicht hier ein?
Nein. Die bestelle ich online oder kaufe sie im Ausland.

Ein Kommentator auf «Tagblatt Online» schrieb zu einem Beitrag über das Ladensterben, früher sei die St.Galler Innenstadt jeweils rappelvoll gewesen, wenn der Abendverkauf auf den Zahltag gefallen sei. Das ist nicht mehr der Fall.
Wenn Sie und ich am Donnerstag ab 19 Uhr in die Innenstadt gehen, ist die Chance gross, dass wir einander treffen werden. Weil wir nämlich die einzigen sind dort. Die Situation ist in der Tat traurig.

Wie können die Leute denn überhaupt noch in Scharen in die Innenstädte und die Läden gelockt werden – so wie beispielsweise an den Weihnachts-Sonntagsverkäufen, die zumeist gut besucht sind?
Das Einkaufserlebnis ist sicherlich ein wichtiger Punkt.

Sie meinen, dass die Weihnachtsverkäufe so attraktiv sind, weil man gleichzeitig noch einen Glühwein trinken, Marktstände besuchen und den Kindern beim Fahren auf der Reitschule zuschauen kann?
Ja. Wobei gerade die Stadt St.Gallen gar nicht so schlecht aufgestellt ist, was den Erlebnischarakter betrifft. Das Problem scheint mir eher darin zu liegen, dass man zu wenig rüberbringt, was die Innenstadt alles zu bieten hat.

Welche weiteren Punkte braucht es für eine attraktive Einkaufsstadt?
Vor allem eine Vielfalt in der Ladenstruktur. Weiter müssen die Ladenflächen anders gestaltet werden: Der Flächenbedarf für viele Geschäfte ist kleiner geworden, von daher wäre es auch möglich, mehrere Shops in einer Ladenfläche unterzubringen. Auch die Parkmöglichkeiten sind ein grosses Thema. Fest steht: Viele Lädeler in St.Gallen machen einen tollen Job – trotzdem reicht es nicht mehr.

Nicht nur in Grossstädten wie St.Gallen ist die Situation schwierig. Auch an kleineren Orten, an denen die Verbundenheit zu den Lädelern noch grösser sein sollte, wimmelt es vor leeren Liegenschaften.
Das Portemonnaie der Menschen ist auch hier Teil der Antwort. Trotz einer möglicherweise tatsächlich noch grösseren Identifikation mit den Gewerblern ist das Ladensterben an Orten wie Romanshorn oder Kreuzlingen teils massiv. Zudem befinden sich solche Orte im grenznahen Bereich – die Verlockung, den Grosseinkauf anderswo zu machen, ist einfach zu gross. Und selbst wenn der Franken wieder etwas schwächer geworden ist: Die abgewanderten Kunden wird man nicht mehr zurückholen. Es ist für viele zur Gewohnheit geworden, am Samstag nach Konstanz zu gehen.

Oftmals entstehen in leeren Ladenlokalen an solchen Orten Kebab-Lokale oder Takeaway-Betriebe. Ist diese Entwicklung überhaupt noch umkehrbar?

Praktisch nicht mehr. Das Einkaufserlebnis wird vor allem auch durch ein attraktives Angebot beziehungsweise die Vielfalt an Läden ermöglicht: Man kann möglichst viele Besorgungen auf einmal erledigen. Sobald an einem Ort zu viele Angebote fehlen, ist es unglaublich schwierig, den Trend nochmals zu kehren. An Orten wie St.Gallen hingegen ist man, wenn überhaupt, erst am Anfang einer solchen Spirale, hier kann man noch Gegensteuer geben.

Gerade in der Stadt St.Gallen heisst es aber immer wieder, die Mietpreise für Lädeler seien zu hoch. Welchen Einfluss haben die Mietzinsen Ihrer Ansicht nach auf das Ladensterben?
Klar ist: Wenn der Ertrag pro Quadratmeter Ladenfläche sinkt und der Mietzins gleichbleibt, entsteht irgendwann ein Problem. Dann müssen die Kosten gesenkt werden. Es ist aber auch völlig logisch, dass sich die Immobilienbesitzer schwer damit tun, die Mieten zu senken – vor allem dann, wenn die Liegenschaft einem Fonds gehört. Gehen die Mietzinsen runter, muss der Wert der Immobilie nach unten korrigiert werden. Deshalb fahren Immobilienbesitzer teils sogar besser, wenn sie die Ladenflächen leerstehen lassen, statt die Mietzinsen zu senken.

Welche Rolle spielen grosse Einkaufszentren, die oftmals an der Peripherie entstehen? Sie locken die Leute doch weg vom Ortskern.
Das ist unbestritten. Als die Shopping-Arena in St.Gallen eröffnet wurde, wanderten viele Kunden von der Innenstadt dorthin ab.

Ist jemand, der heutzutage noch einen eigenen kleinen Laden eröffnet, verrückt?
Verrückt nicht, aber sicher mutig.

Mit welchem Angebot hat man heutzutage noch am ehesten die Chance, erfolgreich einen Laden zu betreiben?
Wichtiger als das «Was» ist vor allem das «Wie». Man muss sich klar positionieren und ein attraktives Sortiment haben, welches den lokalen Bedürfnissen entspricht. Und der Service muss stimmig sein. Bieten Sie Luxusprodukte an, braucht es einen Premium-Service. Das Gegenteil – sehr günstige Produkte und sehr wenig Service – kann aber ebenfalls funktionieren, beispielsweise in Outlet-Läden.

Online ist heutzutage allgegenwärtig. Kann man es sich als Lädeler überhaupt noch leisten, keinen zugehörigen Online-Shop zu betreiben?
Absolut. Jedes Geschäft braucht eine Strategie, wie es mit der Digitalisierung umgeht und wie es seine Kernkompetenz online ausspielen kann. Wenn aber am Schluss der Entscheid herauskommt, online gar nichts anzubieten, kann das in bestimmten Fällen Sinn machen. Das Allerschlimmste sind diese völlig austauschbaren Online-Shops – die bringen erwiesenermassen gar nichts. Wenn man seine Produkte online anbieten will, soll man dies auf eine Art machen, die unverwechselbar und stimmig ist.

Der ganze Strukturwandel sei unumkehrbar, ist teils zu hören – das Schicksal sämtlicher kleinerer Läden sei besiegelt. Teilen Sie diesen Pessimismus?
Nein. Der Strukturwandel ist da und führt zu Veränderungen. Aber er muss proaktiv gestaltet werden. Ich bin überzeugt, dass es den stationären Handel weiterhin geben wird und unsere Innenstädte auch in zehn, fünfzehn Jahren diesbezüglich noch attraktiv sind. Fest steht allerdings: Sie sind das nicht mehr einfach so - diese Attraktivität muss gestaltet werden. Und: Händler mit einem austauschbaren Sortiment und keinem klaren Preis-/Leistungs- beziehungsweise Serviceprofil werden verschwinden.

Angenommen, ein junges Paar kommt zu Ihnen und fragt Sie um Rat, ob es einen neuen Laden eröffnen soll. Was antworten Sie den beiden?
Dass sie ein sehr gutes Konzept brauchen und ihre künftigen Kunden gut verstehen müssen. Auch der Standort muss passen – ein Laden kann an einem Ort nicht funktionieren, 100 Meter weiter entfernt dafür schon. Berücksichtigt man diese Punkte, kann es auch heute noch ein spannendes und margenträchtiges Business sein, einen Laden zu betreiben.

Experte für Einzelhandel: Stefan Nertinger

1983 in Augburg geboren, studierte Stefan Nertinger in Deutschland Betriebswirtschaftslehre und war als Berater im Einzelhandel tätig – beispielsweise, was die Optimierung der Auslagen angeht. Seit vergangenem Jahr ist er Dozent für strategisches Management an der St.Galler Fachhochschule. Dort beschäftigt sich der 34-jährige Nertinger insbesondere mit den durch die Digitalisierung eingetretenen Veränderungen im Einzelhandel. (dwa)

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