Gastkommentar

Ostern findet erst recht statt!

In einer gemeinsamen Osterbotschaft schreiben der St.Galler Bischof Markus Büchel und Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen, worin sie die Rolle der Kirche in der Krise sehen.

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«An vermehrte Todesfälle dürfen wir uns nicht gewöhnen. Auch nicht an drohende Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit.» Bild: Ennio Leanza/Keystone

«An vermehrte Todesfälle dürfen wir uns nicht gewöhnen. Auch nicht an drohende Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit.» Bild: Ennio Leanza/Keystone

Ennio Leanza / KEYSTONE

Seit Wochen schwebt über jedem Termin die unsichere Frage: Kann das für den Mai oder Juni Geplante stattfinden? Oder wird das immer noch nicht möglich sein? Wie lange noch? Unerbittlich hat ein Rotstift unsere Planungen durchkreuzt, Grund für dieses Streichkonzert ist das Coronavirus. An ein gemächlicheres Tempo gewöhnt man sich, das würde sogar guttun, wären die Bremsen nicht durch diese bedrohliche Krankheit angezogen worden.

An vermehrte Todesfälle, liebe Menschen, die nur im engsten Kreis beigesetzt werden, dürfen wir uns aber nicht gewöhnen. Auch nicht an eine drohende Arbeitslosigkeit, Existenzängste oder vermehrte Einsamkeit durch das notwendige «bleiben Sie zu Hause».

Der St.Galler Bischof Markus Büchel.

Der St.Galler Bischof Markus Büchel.

Benjamin Manser

Wir befinden uns zurzeit alle in einer Situation, die wir so noch nicht erlebt haben und die uns alle stark herausfordert, manchmal auch überfordert. Sie merken vermutlich auch in Ihrem Umfeld, dass die Menschen unterschiedlich mit dieser Lage umgehen und dass sich auch die Beziehungen durch diese Situation verändern. Das fordert uns seelsorgerlich heraus. Wir wünschen uns daher, dass es uns gelingt, in Würdigung der je gewünschten Nähe und Distanz füreinander da zu sein und unsere Gemeinschaft nicht aufzugeben. Nach dem Motto: «Wir halten Abstand – und im Glauben zusammen.»

Wir staunen und sind dankbar dafür, dass gleichzeitig immer stärker eine positive Grundhaltung grosser Solidarität und Hilfsbereitschaft durch die Schweiz geht. Menschen trauern, leiden, haben Angst, dagegen gibt es unzählige, kraftvolle und fantasievolle Initiativen, um jetzt erst recht Solidarität und Mitmenschlichkeit zu leben.

In einem Brief wurde die Frage gestellt: «Ist die Coronakrise eine Chance für die Kirchen?». Auf der einen Seite ist es schwierig, wenn wir sagen müssen, es braucht eine Krise, um die Bedeutung der Kirchen deutlich zu machen, auf der anderen Seite wird der Einsatz und die Wichtigkeit von Dingen, die wir nicht selber planen können, die uns geschenkt werden, umso klarer. Es ist ein Geschenk, dass in all den Erfahrungen von Leiden, Angst und Schmerz Karwoche und Ostern gefeiert wird, anders als sonst, aber weder abgesagt noch mit Verschiebedatum. Ostern findet statt.

Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen.

Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen.

PD

Die «höhere Agenda», welche in diesen besonderen Tagen folgt, öffnet uns für eine Wirklichkeit, die uns Hoffnung und Zuversicht schenkt. Mit der Feier des Osterfestes bezeugen wir, dass der Tod nicht zerstört, sondern wandelt. Jesus braucht dafür das Bild vom Weizenkorn, das in der Erde sterben muss, um Frucht zu bringen.

Wenn wir die Ostergeschichten in den Evangelien betrachten, wird uns bewusst, wie sehr sogar die engsten Freunde von Jesus um diesen Glauben ringen mussten. Auf das leere Grab hatten sie keine Antwort. Erst eine lebendige, persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen löste ihre Trauerstarre. «Er lebt, wir sind ihm begegnet» – «Er hat uns das Brot gebrochen» – «Wir sahen ihn, und dann sahen wir ihn nicht mehr». Das sind Erfahrungen seiner Jüngerinnen und Jünger, die diese zu mutigen «Zeugen» machten. Sie trugen die Botschaft weiter in die ganze Welt – bis zu uns.

Ostern heisst Anbruch des neuen Lebens. Der Stein ist ins Rollen gekommen und das, was schwer wiegt, ist weg. Jetzt feiern wir diese Botschaft der Hoffnung mitten in der Herausforderung einer Pandemie. Für viele bedeutet es ein schmerzlicher Verzicht, dieses Jahr auf festliche Gottesdienstfeiern in Gemeinschaft verzichten zu müssen. Doch Ostern findet statt!

Jesus lehrt seine Jünger eine neue Sicht. Er lehrt eigentlich nichts Neues, aber er lässt sie das Altbekannte, das was jetzt ist, besser verstehen, ja zum ersten Mal richtig verstehen. Er öffnet, wie es hier heisst, seinen Jüngern die Schrift, er öffnet ihnen das Verständnis, er lässt sie durchblicken.

Ostern öffnet Horizonte – eine neue Dimension. Ostern zeigt, dass Dinge dieser Welt ganz anders sind, als wir meinten. Doch wer dem Auferstandenen in seinem Leben begegnet, der bekommt auf einmal einen anderen Durchblick. Ostern findet statt.

Das Fest wird zur Aufgabe wie zur Chance für die Kirchen dort, wo unser Einsatz den Menschen dient. Die Sorgfalt und Achtsamkeit, mit der Seelsorgende und viele Freiwillige Mitmenschen begleiten, sind österliche Hoffnungszeichen. Entschleunigung, Beziehungen neu erfahren, sensibel werden für kleine Aufmerksamkeiten sind Balsam für unser Miteinander.

Wir wünschen uns den Mut, Ostern als Begegnung mit dem Auferstandenen zu erfahren – in der Stille, im Meditieren, im Gebet, im persönlichen Mitfeiern eines Gottesdienstes über Radio, Livestream oder Fernsehen – und vor allem im Mitmenschen, der uns braucht.

Ostern findet statt – auch im «Gottesdienst des Alltags», ein Telefongespräch, ein Einkaufsdienst, eine Aufmunterung, jedes Zeichen, das anderen vermittelt: «Du bist nicht allein.» Beziehungen weiter zu pflegen und auch Formen zu finden miteinander zu feiern und zu beten, darin liegt die Aufgabe der Kirchen.

So werden Glaube, Hoffnung und Liebe zu tragendem Halt und zur österlichen Erfahrung: Das Leben ist stärker als der Tod. Denn: «Er lebt.» Ostern findet statt. Dazu schenke Gott uns allen Kraft und seinen Segen. Wir wünschen Ihnen allen ein frohes Osterfest. Bleiben Sie gesund.