ORTSNAME: Das offene Konto von Wald

Der Wald der Ausserrhoder Gemeinde Wald muss ein spezieller sein. Sonst würde das Dorf wohl kaum diesen Namen tragen. Dabei sind aus dem Wappen im Lauf der Zeit Bäume verschwunden – und ein Toter aus dem Unterholz.

Katharina Brenner
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Die Nadelbäume im Wald von Wald sind hochgewachsen. Dort, wo heute eine Blockhütte steht, wurde vor über 200 Jahren eine Leiche gefunden. (Bild: Jil Lohse)

Die Nadelbäume im Wald von Wald sind hochgewachsen. Dort, wo heute eine Blockhütte steht, wurde vor über 200 Jahren eine Leiche gefunden. (Bild: Jil Lohse)

Er wurde verspottet, der kurz geratene Kirchturm; war kaum höher als das Dach des Kirchenschiffs. Für ein neues Geläut wurde der Turm im Jahr 1902 verlängert. Seitdem ist seine Spitze dem Himmel sechs Meter näher. Die Kirche von Wald steht im Herzen der Ausserrhoder Gemeinde. Von dort geht der Blick über Wiesen, Gehöfte und Wälder. Dabei fällt auf, dass die grossen Waldflächen nicht in Wald, sondern in den Nachbargemeinden zu liegen scheinen. Und tatsächlich: Dort gibt es mehr Wald als in Wald. In Rehetobel macht er 35 Prozent des Gemeindegebiets aus, in Trogen über 40 Prozent, in Wald nicht einmal 30 Prozent.

Warum also heisst Wald Wald? Diese Frage führt in die Kirche, in eine Zeit als ihr Turm noch kurz war. 1687 wurde der Bau fertiggestellt, am 8. Mai desselben Jahres mit viel anwesendem Volk eingeweiht. Dieses Volk hatte sich von Trogen gelöst und eine eigene Kirche gebaut. Adam Holderegger hielt am Weihfest seine 40 Seiten lange Antrittspredigt. Unsere Kirchen, sagte der protestantische Pfarrer, seien nur Gott, keinem Heiligen gewidmet. Trotzdem gebe man Kirchen einen gewissen Namen, welcher meist von «der Gegne und dem Ort» herkomme, wohin sie gebaut werden. «Diese neue Kirche hat den Namen ‹zum Wald› oder ‹im Wald› zweifellos daher, weil diese Gegend einst von einem lustvollen und schönen Wald umgeben war. Daran mögen sich die Einwohner stets erinnern.» Denn: «Ein schöner und grosser Wald gibt uns grossen Nutzen, aus ihm können wir Holz zum Bauen und Brennen holen.» Der Wald sei Zuflucht der Tiere vor Jägern und ihren Hunden, Menschen und Vieh suchten dort Kühlung bei grosser Hitze. Der Pfarrer verglich die Kirchgänger mit den Bäumen des Waldes: «In einem Wald sind nicht alle Bäume und Tannen gleich beschaffen, die einen sind stark, andere sind schwach, der eine ist dick, der andere ist dünn, einer ist alt, ein anderer jung.» So müssten auch die Zuhörer in dieser Kirche, je nach Beschaffenheit, mit geistiger Kost versorgt werden.

Fichten erinnern an schlaksige Jugendliche

Heute stehen im Wald von Wald vor allem dünne und hohe Bäume. Jugendlich schlaksig wirken die Tannen und Fichten. Als wären sie nicht über Jahrzehnte gewachsen, sondern überraschend in die Höhe geschossen. Ihre Äste sind kahl,  Sonnenlicht fällt nur auf den oberen Teil der Bäume. Wer die Wipfel sehen will, muss den Kopf in den Nacken legen und in die Sonne blinzeln. Der Boden ist weich und gesäumt von Gestrüpp, Tannennadeln, Hölzern und Zapfen. Jeder Schritt ein Knacken. Ameisen tragen kleine Klumpen über Zweige; für sie so mächtig wie Stämme von Mammutbäumen. Ein Krachen in den Kronen, ein Eichhörnchen ist von einem Ast auf einen anderen gesprungen. Und immer im Hintergrund: Glockengeläut. Nicht das der Kirche, das der Kühe. Eine Herde steht auf der Wiese vor dem Wald. Ihre Glocken sind bis weit ins Unterholz hinein zu hören, so als stünden die Tiere mitten im Wald, ihr braungraues Fell als perfekte Tarnung neben der Rinde.

Der Wald bei Chozeren ist hügelig. Nach der ersten Steigung steht eine Blockhütte, erstellt vom Männerturnverein. Davor eine Tafel: «Hier hat sich vor über 200 Jahren das Folgende zugetragen.» Ein Leichenfund. «Die Obrigkeiten» der ausserrhodischen Gemeinde Wald und des innerrhodischen Bezirks Oberegg eilten herbei. Beide wollten die Leiche. Denn damals fiel das Vermögen eines unbekannten Verstorbenen ohne direkte Erben an diejenige Gemeinde, die ihn bestattet hatte. Die Herbeigeeilten konnten sich nicht einigen, also beschlossen sie, die Leiche vorläufig liegen zu lassen und «den Streit höheren Ortes vorzutragen». «Gutgläubig gingen die Wäldler nach Hause», heisst es auf der Tafel, um am nächsten Morgen «erbost» festzustellen, dass die Leiche weg war. Die Oberegger waren in der Nacht zurückgekommen, hatten die Leiche mitgenommen und «an geheimer Stelle im Innerrhodischen» verscharrt. Das Verdikt hiess: Die nächste Leiche gehört den Wäldlern. Die Geschichte ist belegt im Schweizerischen Bundesblatt. Auf der Tafel hat sie in Klammern den Zusatz: «Das Konto ist immer noch offen...»

Statt Streit Liebe und Freundschaft

Heute gibt es an dem Ort keine Grenzstreitigkeiten mehr, dafür Ausflügler, Freunde und Verliebte. Herzen und die Buchstaben BFF, kurz und englisch für «beste Freunde für immer», sind in das Holz der Blockhütte geschnitzt. In den Tisch sind kreuz und quer kleine Kerben geritzt. Als könnte sich, wer ohne ein Messer in die Hütte kommt, an den Strichen bedienen und seine eigene, passende Botschaft damit formulieren.

Die Wäldler hätten eine innige Beziehung zum Wald, sagt Gemeindepräsidentin Edith Beeler. «Schon 200 Meter vom Schulhausplatz entfernt beginnt bereits ein Wald.» Beeler verweist auf das Projekt «Wald im Wald», das Teil des Naturkundeunterrichts ist und auf zwei Schreinereien in der Gemeinde. Von den 195 Hektaren Waldfläche sind knapp zehn Prozent in öffentlicher Hand, der Rest ist privat. Die Gemeinde zählt rund 860 Einwohner. Das Wappen hat im Lauf der Jahre einige Bäume verloren. Während in der Version von 1881 noch ein ganzer Wald zu sehen ist, sind es heute nur noch drei Bäume. 1915 wurde das Wappen im Auftrag des Kantons für die Errichtung des Regierungsgebäudes überarbeitet. «Der Heraldiker fand drei Bäume als Stellvertreter für den Wald wohl angemessen», sagt Renate Bieg vom Ausserrhoder Staatsarchiv.

Drei Bäume, stellvertretend für einen Wald, passen gut zum Namen der Gemeinde, die an den «lustvollen und schönen Wald» erinnern soll, der die Gegend einst umgab. Dabei müssen sich die Wäldler gar nicht erinnern, sie können einfach in den Wald von Wald gehen. Der umgibt die Gegend noch heute. Er verläuft nämlich hauptsächlich entlang der Gemeindegrenze.