Nach dem tödlichen Messerangriff auf den Sozialamtsleiter: Das Opfer wies Täter vor 10 Jahren aus

Der Leiter der Sozialabteilung im Verwaltungsbezirk Dornbirn hatte das Aufenthaltsverbot jenes Mannes unterschrieben, der ihn am Mittwoch erstochen hat. Die Polizei spricht von kaltblütigem Mord ohne Reue.

Gerhard Somm
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Polizisten nehmen den Tatverdächtigen, einen 34-jährigen Türken, wenige Minuten nach der Tat fest. (Bild: vol.at)

Polizisten nehmen den Tatverdächtigen, einen 34-jährigen Türken, wenige Minuten nach der Tat fest. (Bild: vol.at)

«Die Erstaussagen des Täters waren schockierend, er zeigte weder Betroffenheit noch Reue. Es war ein kaltblütiger Mord», sagte der Chefermittler der Landespolizei am Donnerstag bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz über den 34-jährigen türkischen Staatsbürger, dem die Tötung des 49-jährigen Sozialamtsleiters der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn angelastet wird.

Der Tatverdächtige war am Mittwoch direkt in das Büro des leitenden Beamten vorgedrungen (Ausgabe vom 7. Februar). Bereits das zweite Mal an diesem Tag, und zwar stets mit den Worten «Wo ist das Geld?» Es war gegen 15.15 Uhr, als er laut Polizei mit einem langen Küchenmesser mehrfach auf sein Opfer eingestochen habe. Eine Mitarbeiterin im Vorzimmer hatte laute Schreie gehört und umgehend Alarm geschlagen. Laut den Behörden hat sich der mutmassliche Täter während der Tat selbst im Handbereich verletzt und musste nach seiner Verhaftung zunächst operiert werden.

Asylsuchender reiste illegal ein

Das Motiv des Verdächtigen ist offenbar eine noch nicht erfolgte Auszahlung eines staatlichen Unterstützungsbetrags, mit dem die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens gedeckt werden können. Der getötete 49-Jährige hatte Ende 2009 gegen den mehrfach straffällig gewordenen Türken, der 1985 in Lustenau geboren wurde, ein rechtskräftiges Aufenthaltsverbot für den gesamten Schengenraum erwirkt. 2010 verliess der Türke Österreich, kehrte aber Anfang 2019 offenbar über Schlepper zurück. Am 18. Januar stellte er als angeblicher Kurdenkämpfer in Thalham in Oberösterreich einen Asylantrag und reiste illegal nach Vorarlberg ein, wo sein Bruder lebt. In den Folgetagen wurde der Mann mehrfach auf der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn vorstellig, weil er die Grundversorgung für Asylsuchende erhalten wollte. Da die Unterlagen aus seiner Wohngemeinde Lustenau noch nicht eingetroffen waren, wurde er abgewiesen. Bereits bei diesen Besuchen hatte sich der 34-Jährige «ziemlich aggressiv» verhalten.

Trotz des mehrfach auffälligen Verhaltens des Mannes sei niemals die Exekutive verständigt worden, hiess es am Donnerstag seitens der Behörden. Es gebe immer wieder Fälle, bei denen die Leute aggressiv werden. Da bestehe kein Grund, gleich die Polizei zu rufen.

Vorarlberg verschärft Sicherheitsvorkehrungen

Der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner, der sich tief bestürzt über das Attentat in Dornbirn zeigte und seine Brüsselreise abgebrochen hatte, äusserte nach der Tötung des Sozialamtsleiters an der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn sein «völliges Unverständnis» darüber, dass das Asylverfahren des Täters trotz des bestehenden Aufenthaltsverbotes eingeleitet worden sei. Wallner kündigte als erste Massnahme die Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen in allen Landesgebäuden an.

Beim Landeshaus und bei den vier Bezirkshauptmannschaften wurde ein externer Sicherheitsdienst mit der Kontrolle der Hauptzugänge beauftragt (siehe Zweittext). Alle weiteren Zugänge wurden versperrt. Man nehme eine zunehmende Besorgnis bei Behördenmitgliedern wahr, sagte Wallner am Donnerstag vor den Medien. Nun würden alle Gebäude einem Sicherheitscheck unterzogen: «Wir müssen und werden für bestmöglichen Schutz der Landesbediensteten sorgen.»

«Ich hörte zur Tatzeit plötzlich Schreie»

Es ist ruhig vor der grossen Tür des Verwaltungsgebäudes der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn. Kein Kommen und Gehen wie sonst. Links und rechts vor dem Eingang liegen Blumen auf den gemauerten Trennwänden der Zugänge. Zwei Securitys haben sich postiert. Sie sind freundlich. «Das Gebäude ist geschlossen. Trotzdem kommen immer wieder Menschen vorbei. Sie legen Blumen hin und reden», erzählt einer der beiden.

Die Belegschaft hat am Tag nach der Tat frei. Doch der Leiter der Hauptverwaltung, Joachim Kerschbaumer (54), ist im Haus: «Mich martern dauernd Fragen: Was hätten wir nur tun können, um das zu vermeiden. Warum ist das nur geschehen?», fragt er. Der getötete Leiter der Sozialabteilung habe sich nicht so schnell gefürchtet. «Er war ja früher Polizist», sagt Alois Rinderer (63). Deswegen habe er wohl auch nicht daran gedacht, Schutz anzufordern. «Ich hörte zur Tatzeit plötzlich Schreie. Aber das hat mich noch nicht beunruhigt. Dass es gelegentlich laut wird, kommt immer wieder vor. Aber als die Schreie nicht aufhörten, und ich Stimmen erkennen konnte, wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches passiert sein musste.»

Klaus Hämmerle
ostschweiz@tagblatt.ch