Opfer klagt gegen Hersteller

HERISAU. Ein 13-Jähriger hat 2010 mit einem Feuerwerk einen Brand ausgelöst. Vor dem Ausserrhoder Kantonsgericht geht es nun um verweigerte Versicherungsleistungen des Feuerwerksherstellers.

Margrith Widmer
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Auch die Feuerwehrleute konnten am 1. August 2010 nicht verhindern, dass der komplette Dachstock des Hauses ausbrannte. (Bild: Kapo AR)

Auch die Feuerwehrleute konnten am 1. August 2010 nicht verhindern, dass der komplette Dachstock des Hauses ausbrannte. (Bild: Kapo AR)

Am 1. August 2010 zündete ein 13-Jähriger einen Albatros-Feuerwerkskörper – im Volksmund «Bienchen» genannt. Eigentlich sollten diese «Riesenfeuervögel» unter heftigem Funkensprühen kerzengerade aufsteigen. Dieser flog aber nach einem Meter Höhenflug nahezu waagrecht gegen eine 18 Meter entfernte Hausfassade.

Später brach in diesem Holzhaus ein Brand aus. Das Dachgeschoss brannte vollständig aus. Die Gebäudeversicherung ging von einer vollständigen Zerstörung des Dachgeschosses und Räumen im zweiten Obergeschoss und Teilschäden in den übrigen Räumen aus.

Existenz durch Brand zerstört

Die Existenz der Hauseigentümerin wurde durch den Brand zerstört. Sie verlor nahezu vollständig ihr Hab und Gut; fünf Katzen und ein Leguan starben. Zwei Hunde mussten später eingeschläfert werden, weil sie durch den Brand völlig traumatisiert waren. Das Feuer war beim Zugladen eines Fensters im zweiten Stock ausgebrochen. Die Polizei fand den Feuerwerkskörper direkt unter dem Fenster. Die kriminaltechnischen Dienste schlossen eine elektrische Brandursache aus. Die Blitzauswertung der Gebäudeversicherung Assekuranz ergab: In einem Radius von 110 Metern um das Brandobjekt hatte an jenem Abend kein Blitz eingeschlagen. Mehrere Zeugen sagten aus, ein Feuerwerkskörper sei auf Höhe des zweiten Stocks gegen die Fassade geflogen.

Laut Polizei hatte der 13-Jährige ein «Bienchen» gezündet. Dieses Feuerwerk besteht aus einer Kartonhülse sowie einem Propeller und wird mit einer Zündschnur abgefeuert. Beim Test der Polizei flog der «Albatros» 24 Meter weit. Laut Warnhinweis muss ein Sicherheitsabstand von zehn Metern eingehalten werden. Schraubt sich der Feuerwerkskörper in die Höhe, entsteht starker Funkenwurf. Als die Polizei einen «Albatros» zu Testzwecken auf ein Brett schraubte, brannte er ein Loch hinein. Die Polizei ging davon aus, dass Funken in den Schaft des Zugladens gefallen waren und den Brand ausgelöst hatten. Es gebe keine Hinweise auf irgend eine andere Brandursache.

Fehlerhaftes Produkt

Der Anwalt der Klägerin forderte vom deutschen Feuerwerkshersteller aus Produktehaftung 173 000 Franken plus fünf Prozent Zinsen ab August 2010. Vom Hersteller seien im Warnhinweis zehn Meter Sicherheitsabstand gefordert worden. Der «Albatros», dessen Flugbahn nicht zu steuern sei, sei horizontal weggezischt. Es habe sich um ein fehlerhaftes Produkt gehandelt; der Warnhinweis sei falsch.

Inzwischen darf der «Albatros» nur noch an Personen ab 18 Jahren verkauft werden. Der Hersteller bestritt den Produktfehler – die horizontale Flugphase könne der Wind verursacht haben. Bei der Messstation Hörnli seien Windböen bis 55 Kilometer pro Stunde gemessen worden.

Der Anwalt der Klägerin legte dar, die Hauseigentümerin sei seit dem Brand nur noch zu etwa 40 Prozent arbeitsfähig. Tatsache sei, dass der «Albatros» acht Meter weiter als der vom Hersteller vorgeschriebene Mindestabstand geflogen sei. Der Flugkörper, den die Polizei getestet habe, sogar 24 Meter. Wind habe keinen Einfluss auf die Flugbahn haben können. Die Schäden seien ausreichend belegt. Wer gefährliche Produkte herstelle, solle dafür geradestehen: Entweder sei der «Albatros» von der Flugbahn abgewichen oder der Gefahrenhinweis sei falsch gewesen.

«Es machte, was es sollte»

Der Anwalt der Beklagten erklärte, der Produktefehler müsse nachgewiesen werden. Der Brand sei erst eine Stunde und vierzig Minuten nach dem Zünden des «Albatros» ausgebrochen. So lange dauere ein Schwelbrand nicht. Ausserdem sei vor dem Haus noch anderes Feuerwerk gezündet worden. Ursache und Wirkung müssten hieb- und stichfest bewiesen werden. Das «Bienchen» habe richtig funktioniert. «Es machte, was es sollte.»

Der Anwalt der Klägerin erklärte den verzögerten Brandausbruch: Erst nach 22 Uhr sei Wind aufgekommen. Dadurch sei Sauerstoff in den Schaft des Zugladens gelangt – und das Feuer sei explosionsartig ausgebrochen. Das Urteil wird im Januar erwartet, wie die Gerichtsschreiberin erklärt.

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