Oper: Titus nimmt in Bregenz den Notausgang

Sandalenfrei und philosophisch ihrer Zeit voraus ist Mozarts Römeroper «La Clemenza di Tito» am Vorarlberger Landestheater Bregenz.

Bettina Kugler
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Vitellia mal zwei: Zoe Hutmacher, Narine Yeghiyan.

Vitellia mal zwei: Zoe Hutmacher, Narine Yeghiyan.

Anja Köhler

Im Zentrum der Macht flackert eine der vielen Neonröhren; kalt ist es hier und ziemlich einsam. Da steht er nun, der beste Herrscher, den Rom je hatte – unschlüssig, ob er strafen soll oder verzeihen. Streng genommen ist Titus, römischer Kaiser aus Mozarts später Oper «La Clemenza di Tito», in der Bregenzer Regielesart von Henry Arnold in diesem Augenblick nicht mehr leibhaftig da; sein Freund Sesto hat ihn erdolcht. Jetzt ist der Tote Spielfigur seiner eigenen Utopie einer milden, menschenfreundlichen Regierung: der Schatten eines Gedankenspiels. Am Ende bleibt ihm nur der Notausgang.

Nicht nur in diesem Punkt geht Arnolds Inszenierung der lange vernachlässigten, inzwischen wieder gern gespielten Oper (Mozart schrieb sie anlässlich der Krönung Leopolds  II. und unterbrach dafür die Arbeit an der «Zauberflöte») frei und eigenwillig mit der Vorlage um. Grundsätzlich schadet ihr das nicht – schon zu Mozarts Zeiten war die huldigende Opera seria ein Auslaufmodell. Dieser Herrscher ist einfach zu gut geraten, die Dramaturgie schwächelt im zweiten Akt, die Figuren wirken schablonenhaft. Aufgepasst, in Bregenz ist das anders!

Cleane Bühne, gespaltene Persönlichkeiten

Thomas Stimmel als Publio und Christopher Sofolowsky als Titus.

Thomas Stimmel als Publio und Christopher Sofolowsky als Titus.

(Bild: Anja Koehler)

Klare Signale kommen schon in der Ouvertüre aus dem Graben. Druckvoll und lodernd spielt das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Karsten Januschke hier den Soundtrack zu Videoprojektionen, die daran erinnern, dass der Vesuv Feuer gespuckt hat, das Capitol brennen soll in dieser Oper: CNN live aus dem Alten Rom. Sandalen trägt hier keiner; Bühne und Ausstattung verorten das Geschehen im Theater. Titus und Sesto sind philosophisch ihrer Zeit voraus, man zitiert Hobbes und Morus, Nietzsche und Schopenhauer.

Widersprüche und innere Konflikte

Mozart-Traumpaar: Sophie Körber als Servilia und Sarah Romberger als Annio.

Mozart-Traumpaar: Sophie Körber als Servilia und Sarah Romberger als Annio.

(Bild: Anja Koehler)

Noch kühner als diese Anachronismen ist die Idee, die beiden Schlüsselfiguren der Oper, Sesto und die rachsüchtige Vitellia, aufzuspalten. So bekommen Annelie Sophie Müller und Narine Yeghiyan beide ein Alter Ego an die Seite gestellt: Die Schauspieler David Kopp und Zoe Hutmacher übernehmen grosse Teile der gesprochenen Rezitative; sie verkörpern ihre Widersprüche und inneren Konflikte. Das mag zu Beginn verwirren und auch später nicht durchweg einleuchten, macht die Figuren aber zweifellos interessanter. Ein Muss auf der so cleanen Bühne.

Das Zittern und Beben, das Herzklopfen und die vielen Tränen wirken hier freilich umso heftiger – was auch ein Verdienst des prall und plastisch, sehr präsent aufspielenden Orchesters ist. Ein wenig blass bleibt Christopher Sokolowski als Titus; Narine Yeghiyan gibt der Vitellia viele dramatische Facetten, klingt in der Tiefe aber sehr gepresst. Sarah Romberger als Annio und Sophia Körber als Servilia sind ein Mozart-Traumpaar, und Annelie Sophie Müller kann die Partie des Sesto berührend ausleuchten – während ihr Schauspieler David Kopp nicht nur den Mord an Titus abnimmt.

Nächste Vorstellungen: 7./11./13./ 15.2., 19.30 Uhr, 2./9.2. 16 Uhr, Theater am Kornmarkt, Bregenz

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