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Open Airs: Das Geschäft mit dem organisierten Kontrollverlust

An heutigen Open Air Festivals regiert das Geld statt die Hippie-Ideale von Woodstock. Dabei hofften die Organisatoren schon damals auf das grosse Geld.
Kaspar Enz

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Der Himmel ist blau, die Kleider bunt und die Wiese noch mehrheitlich grün. Das Bier ist kühl, die Luft ist warm. Sie riecht nach Gras und anderen Gräsern. Die Musik ist gut. Die Open-Air-Saison hat begonnen. Wer den Traum von Woodstock noch immer träumen will, hat die Qual der Wahl, auch in der Ostschweiz: Nächstes Wochenende gibt’s in Wil Rock am Weier und in Tägerwilen Krach am Bach.

Und die grössten der Region gehören zu den grössten der Schweiz: Das traditionsreiche Open Air St. Gallen oder das Open Air Frauenfeld, das grösste Hip-Hop-Festival Europas. Nur sei der Geist von Woodstock gerade dort verflogen, stänkern Open-Air-Romantiker seit Jahren. Der Traum von Friede, Liebe und guter Musik verloren gegangen zwischen Sponsoren­plakaten, Verkaufsständen und elektronischen ­Bezahlsystemen.

Geld verdienen mit der Gegenkultur

Dabei hofften die Woodstock-Gründer selber in erster Linie auf einen guten Verdienst. So haben die grossen Festivals von heute, die Organisatoren des Open Air St. Gallen oder die Musikkonzerne wie Live Nation, die das Frauenfelder Open Air geschluckt haben, eigentlich geschafft, was die Väter von Woodstock planten: den Leuten geben, was sie wollen, und damit gutes Geld verdienen.

Heute, 50 Jahre nach Woodstock, sind Open-Air-Festivals nicht mehr Symbole einer Gegenkultur. Der Kapitalismus hat ganze Arbeit geleistet und für jede Zielgruppe gesorgt: Es gibt Festivals für Schlagerfans und alte Rock ’n’ Roller, für Hard Rocker wie Rap-Fans, Freizeitcowboys oder Raver. Während die Zahl der Open Airs und die Zahl der Besucher steigt, liefern sich die Veranstalter im Hintergrund einen Kampf ums Überleben. Immer weniger und dafür grössere Konzerne bieten dem Publikum immer gigantischere Festivals, noch zielgruppengerechter, noch besser durchorganisiert.

Ohne Unfall kein Mythos

Nur sollten sie eines nicht vergessen: Zum Mythos wurde Woodstock nicht, weil die Veranstalter alles perfekt organisierten und einen ordentlichen Gewinn erwirtschafteten, sondern weil sie die Kontrolle verloren hatten. Zehntausende kampierten schon auf dem Gelände, bevor Ticket­stände und Zäune standen, Hunderttausende mehr waren im Anmarsch. Überrumpelt schlugen die Veranstalter ihre Gewinnabsichten in den Wind, machten Woodstock zum Gratisfestival, schafften grössere Boxen heran und versuchten irgendwie, die halbe Million Hippies zu versorgen. Die folgenden Tage wurden zur Legende.

Die Jugendlichen, die heute an Festivals pilgern, kennen diesen Mythos vielleicht nur noch vage. Aber auch sie suchen, was die Hippies damals fanden: drei Tage Kontrollverlust. Das versprechen die Veranstalter immer noch – und wagen ­damit einen Spagat, der kaum zu bewältigen ist. Denn was in Woodstock tatsächlich geschah, können und wollen sie sich gar nicht leisten.

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