Open Air St.Gallen wird Teil eines neuen Unternehmens – grösster europäischer Tickethändler wird Mehrheitsaktionär

Neuer Name, neue Strukturen, bekannte Gesichter: Die Firmenholding hinter dem Open Air St.Gallen wird umgebaut. Bei der neuen Firma steigt auch der deutsche Ticketing-Gigant CTS Eventim ein. Damit dürfte das Festival im Sittertobel langfristig gesichert sein.

Andri Rostetter
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Das Open Air St.Gallen im Sittertobel: Dank neuer Firmenstruktur ein besserer Zugang zu internationalen Künstlern.

Das Open Air St.Gallen im Sittertobel: Dank neuer Firmenstruktur ein besserer Zugang zu internationalen Künstlern.

Bild: Michel Canonica

Der Schweizer Musikmarkt wird neu sortiert. Die Firmenholding Wepromote, zu der auch das Open Air St. Gallen und das Summerdays Festival in Arbon gehören, und die Künstler- und Konzertagentur Gadget legen ihre Geschäfte zusammen. Gleichzeitig steigt CTS Eventim, Europas grösster Ticketverkäufer mit Sitz in München, als Mehrheitsaktionär bei dem neuen Unternehmen ein. CTS Eventim bringt zudem seinen Schweizer Ableger ABC Production mit in die Ehe, die Firma von André Béchir, dem Doyen der Schweizer Musikveranstalter. CTS Eventim hatte bereits 2013 die Mehrheit an Béchirs Firma übernommen.

Christof Huber, Direktor Open-Air-St.Gallen

Christof Huber, Direktor Open-Air-St.Gallen

Bild: Ralph Ribi

Die neu gegründete Firma nennt sich Gadget abc Entertainment Group AG und gehört zu 60 Prozent zu CTS Eventim und somit zu einem börsenkotierten Konzern. Die restlichen 40 Prozent der Aktien bleiben im Besitz von fünf der sieben bisherigen Wepromote-Eigentümer, darunter Christof Huber, Direktor des Open Air St.Gallen, und Cyrill Stadler, Finanzchef der Wepromote-Gruppe. Béchir fungiert als Berater des neuen Unternehmens. Der langjährige Verwaltungsratspräsident des Open Air St.Gallen und Verwaltungsrat von Wepromote Martin Zahner tritt zurück.

Viel privates Geld eingeschossen

Genaue Zahlen zum neuen Unternehmen gibt es nicht, über die Geldflüsse wurde Stillschweigen vereinbart. Für die bisherigen Wepromote-Inhaber dürfte sich der Deal aber finanziell nur bedingt lohnen. Das Geschäft mit den Festivals ist ein Hochrisiko-Business, in erster Linie geht es um die langfristige Sicherung der Anlässe. Insbesondere die St.Galler Festivalmacher haben in den vergangenen Jahren viel privates Geld in die Wepromote-Firmen eingeschossen. Mit dem Verkauf der Aktienmehrheit an den CTS-Eventim-Konzern fliesst nicht nur ein Teil des Geldes an sie zurück, auch die Risiken werden neu verteilt.

CTS Eventim ist zudem ein finanzstarker Partner. Der Konzern erzielte 2018 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 118,5 Millionen Euro. Der Börsenwert von CTS Eventim ist in den vergangenen zehn Jahren um satte 600 Prozent gestiegen. Damit spielt das Unternehmen «in der Liga der absoluten Börsenlieblinge», wie das deutsche Portal «Wallstreet online» schreibt.

Hinter CTS Eventim stehen wiederum eine ganze Reihe potenter Investoren mit Anteilen im einstelligen Prozentbereich, darunter der weltgrösste Vermögensverwalter Blackrock oder der niederländische Versicherungskonzern NN Group. Hauptaktionär ist Firmengründer Klaus-Peter Schulenberg, mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden Euro einer der reichsten Männer Deutschlands. Schulenberg hält nach wie vor 43 Prozent an CTS Eventim und via Stimmrechtsaktien auch die Kontrollmehrheit.

Deutsches Kartellamt ermittelt gegen CTS Eventim

Das ungebremste Wachstum von CTS Eventim hat in Deutschland mittlerweile die Behörden auf den Plan gerufen. Seit 2015 ermittelt das Kartellamt wegen möglichem Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Schulenberg ist zudem ins Zwielicht geraten, weil sein Name im Zusammenhang mit dem Cum-Ex-Skandal auftauchte, dem grössten Steuerbetrug in der Geschichte Deutschlands.

Die Neuordnung der Firmenstruktur und der Verkauf der Anteile an CTS Eventim soll nicht als Verzweiflungstat gesehen werden, sondern als «logische Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte», wie es in der Medienmitteilung des neuen Unternehmens heisst. «Wir haben uns schon länger gemeinsam auf diesen Schritt vorbereitet», lässt sich Christof Huber zitieren.

Festivals als lukrative Anlagemöglichkeit

Die Megafusionen im Geschäft mit der Livemusik sind einerseits ein Resultat des Konkurrenzkampfs, der seit Jahren mit voller Härte tobt. Es herrscht ein Überangebot an Festivals, zugleich gelten gut funktionierende Veranstaltungen heute als einträgliches Geschäft, wie das deutsche Branchenmagazin «Musikexpress» schreibt. «Neben den grossen Playern Live Nation und CTS Eventim mischen inzwischen auch grosse Investmentgesellschaften mit, die Festival anscheinend als lukrative Anlagemöglichkeit entdeckt haben.»

Das Zusammengehen von Wepromote und Gadget mit CTS Eventim hat auch mit dem anderen starken Wettbewerber zu tun. Seit einigen Jahren ist der US-Konzern Live Nation Entertainment daran, seine ohnehin schon grosse Machtbasis in Europa zu vergrössern. Der US-Konzern hat Künstler wie Madonna oder Jay-Z unter Vertrag, weltweit veranstaltet er jährlich über 20000 Shows. Seit 2007 hält Live Nation die Mehrheit an der Academy Music Group, dem grössten Betreiber von Konzerthallen in Grossbritannien. Im Juli 2017 übernahm Live Nation die Mehrheit am Openair Frauenfeld.

Wechselvolle Vergangenheit in Frauenfeld

Für das Ende der 1980er Jahre gegründete Festival war das der endgültige Befreiungsschlag. Zuvor hatte das Open Air Frauenfeld eine höchst wechselvolle Vergangenheit durchlebt, mit mehreren Absagen, Standort- und Richtungswechseln. Festigen konnte es sich in den vergangenen 13 Jahren, als es sich zum grössten Hiphop-Festival Europas wandelte und damit attraktiv für den amerikanischen Megakonzern wurde.

Das Open Air St.Gallen hat eine ganz andere Geschichte. 1977 als Hippiefestival gegründet, werden die Restbestände der Love&Peace-Kultur bis heute gepflegt. Was heisst das für St.Gallen, wenn künftig weltweit tätige Unternehmen und Investoren hinter dem Festival stehen? «Sobald Unternehmen eine gewisse Grösse erreichen und börsenkotiert sind, ergeben sich unvermeidlich Zielkonflikte», sagt Huber. «Die Nostalgie des Beginns der Festivalgeschichte in der Schweiz hat nichts mehr mit den heutigen komplexen Wirkungszusammenhängen zu tun.» Was nach wie vor bleibe und verbinde, sei die Liebe zur Musik, zum Event, zum gemeinsamen Happening. «Über das lokale Management stellen wir auch die Ausrichtung der Events und ihre Seele sicher.»

Die Folgen für das Open Air St.Gallen

Das Open Air St.Gallen (OASG) soll von der neuen Firmenstruktur gleich in mehrfacher Hinsicht profitieren, wie der scheidende Verwaltungsratspräsident Martin Zahner sagt. Zum einen könne so eine langfristige Sicherung des Open Air St.Gallen sowie der Summerdays erreicht werden kann. «Die Synergienutzung innerhalb der neuen Organisation führt zu einem Knowhow-Gewinn, von dem auch die Besucherinnen und Besucher profitieren werden.» Was Zahner damit meint: Ein besserer Zugang zu Acts auf der internationalen Ebene kann auch attraktiveres Programm für St.Gallen mit sich bringen. Die Einbindung des Open Air St.Gallen in eine grössere Organisation ist allerdings keine grundlegende Neuerung. Das OASG ist seit Jahren Teil der Wepromote-Holding. Zwei Drittel der OASG-Aktien gehören der 2015 gegründeten Wepromote, der Rest ist in Streubesitz. Unter dem Dach von Wepromote versammelt sind das Open Air St. Gallen, das Summerdays in Arbon, das Seaside Festival in Spiez sowie die Booking- und Künstleragenturen Wildpony und Incognito. Die Holding bietet das volle Programm: Künstlermanagement, Booking, Marketing, eigene Festivals und die Produktion von Drittveranstaltungen. Auf das Konto von Wepromote gehen jährlich rund eigene 250 Veranstaltungen und 300000 verkaufte Tickets, von der Clubshow mit 100 Leuten bis zum Stadionkonzert mit 13000 Besuchern. Die Fullservice-Agentur Gadget wiederum treibt die Karrieren von Musikern wie Baschi, Stress, Hecht und Pegasus voran. (ar)