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«Kein Eintritt – kein Smoking – keine Konsumenten»: Das erste St.Galler Open Air Sitter-In von 1969

Das erste St.Galler Open Air fand 1969 im Sittertobel statt – also lange vor dem 1977 in Abtwil begründeten OASG. Der damalige Mitveranstalter, HSG-Student und Poch-Aktivist Willi Gerster, erinnert sich.
Marcel Elsener
Das Originalplakat von 1969 – der Festplatz musste dann verschoben werden. (Bild: Privatarchiv)

Das Originalplakat von 1969 – der Festplatz musste dann verschoben werden. (Bild: Privatarchiv)

HSGler mit Gitarren, Flöten, Trommeln, mit Räucherstäbchen, Wolldecken und einem Traktor? Wirtschaftsstudis, die ohne Eintritt und ohne Konsumzwang unter freiem Himmel eine Gegenveranstaltung zum Hochschulball veranstalten?

Unvorstellbar, aber Realität im Sommer 1969: Am 6. Juni veranstalten die HSG-Gruppe «Inform» und Aktivisten aus der Region das «Sitter-In». Ein wildes Musikfest unter der Ganggelibrugg in Haggen, das rund um ein Dutzend Feuerstellen die ganze Nacht dauert; ein Love-and-Peace-Festival am Vorabend von Woodstock und das erste St.Galler Open Air.

Zwischen 500 und 1000 Leute sollen es gewesen sein, gegen Mitternacht «immer mehr Pärchen vom steifen Hochschulball, in langen Roben und Smokings, aber so locker wie möglich», wie sich Willi Gerster lachend erinnert.

«Statt Walzer tanzten sie dann zu Rock.»

Willi Gerster um 1970 als feuriger Student und «Revoluzzer». (Bild: pd)

Willi Gerster um 1970 als feuriger Student und «Revoluzzer». (Bild: pd)

Der Ökonomiestudent und Kopf der hiesigen Studentenbewegung gehörte zum OK des Sitter-In. Der Titel eine Anspielung auf Sit-In, wie die Sitzstreiks gegen den Vietnamkrieg hiessen; solche Sit- oder Teach-Ins installierten Gerster und seine informelle Bande auch an der HSG, gegen die US-Imperialisten, für den Vietcong. Später wurde er als «feuriger Willi» bekannt, an vorderster Front unter anderem bei der Kaiseraugst-Besetzung.

Tun und dürfen, was man in St.Gallen nicht darf

Politische Botschaften finden sich auf dem selbst gezeichneten Plakat auf Packpapier keine. Doch genügte – nebst dem suspekten Titel – ein klitzekleines Zeichen für ein Verbot. Gerster erzählt:

«Das Peace-Logo neben dem Wort «Kaserne» brachte uns einen Termin beim Gemeindepräsidenten von Gaiserwald ein.»

Die Studenten waren ihm nicht geheuer. Der Festplatz wurde verboten, doch fand sich flussaufwärts eine Alternative: «Sitter-In verboten, es lebe das neue Sitter-In», schrieb die Gruppe auf ein Flugblatt. «Wenn Ihr einmal so sein wollt, wie Ihr nicht sein dürft, weil in St.Gallen nichts sein darf, was trotzdem geht … dann kommt alle.» Gern mit Instrumenten, Getränken, Wolldecken, und: «Bringt Unsinn mit».

Feiern sollten sich die Anwesenden selbst, «Lehrlinge, Arbeiter, Schüler, Studenten» (von weiblichen Formen noch keine Spur!), verstärkt mit dem schönen Spruch «Wir sind unsere eigene Witterung». Die Veranstalter boten nur «einen Fluss, ein Feuer, einen Stromanschluss und EUCH».

Zu tun gab es trotzdem einiges. Gerster, Bauernsohn aus Winden-Egnach, fuhr selber den Traktor des Vaters, um einen Stromgenerator ins Tobel hinunter zu hieven, das heikle Manöver gesichert mit Heuseilen, damit es die Fuhr nicht überschlug; den Generator hatten sie vom Vater einer befreundeten Studentin, einem Bauunternehmer.

Die Bands, darunter The Deaf, «die damals beste St.Galler Rockband», The Club, angeblich auch Shiver und Solomusiker wie «ein Joe-Cocker-Imitator», spielten die ganze Nacht. Die Leute hatten sackweise Bratwürste und Cervelats mitgebracht, dazu literweise Wein, wie algerischen Royal Kadir zu 1.50 Franken. Es blieb friedlich, keine Polizei, kein Krawall, am Ende räumten die Veranstalter wieder schön auf.

Meienberg in Paris getroffen, später Bankchef geworden

Das Sitter-In von 1969 war eine Form der kulturellen Revolution, die von Berkeley bis Tokio die ganze Welt erfasste, und es beflügelte die kleine Bewegung in der HSG-Stadt, die beileibe «kein linkes Pflaster war», wie Gerster weiss. In einer Zeit verkrusteter Strukturen bis hin zum Konkubinatsverbot herrschten an der Uni noch klare Hierarchien, «die Bürschchen machten dann den Oberst, und schon damals studierten dort viele deutsche Prominentensöhne».

Gerster 2008 als Präsident der Basler Kantonalbank. (Bild: KEY)

Gerster 2008 als Präsident der Basler Kantonalbank. (Bild: KEY)

Gerster, heute 73-jährig, kann sie namentlich aufzählen, in seinem Jahrgang etwa Joe Ackermann, Fredy Lienhard, Michael Pieper, alles keine 68er, im Gegensatz «Inform»-Aktivisten wie Dieter Freiburghaus, und zu jenen, die sich im Szenelokal Africana oder in der Spanischen Weinhalle trafen, darunter Niklaus Meienberg, Jürg Frischknecht, Jürg Wegelin. Den Wochenend-Rückkehrer Meienberg hatte Gerster im Sommer 1968 in Paris kennen gelernt.

St.Gallen und die HSG wurden ihm aber schnell «zu eng», Willi Gerster ging 1970 nach Basel, engagierte sich in der Poch und später in der SP, jahrzehntelang als Grossrat. Noch als Konzernpräsident der Basler Kantonalbank (bis 2008) versuchte er seinen Leitsätzen einer fairen Welt gerecht zu bleiben, und seinen Woodstock-Favoriten wie Bob Dylan blieb er sowieso treu.

Woodstock jährt sich im August zum 50. Mal, das Sitter-In zwei Monate zuvor steht in der Schweiz ganz am Anfang und war die Initialzündung der regionalen Festivals: Das erste Open Air in Bischofszell, offiziell ältestes und bis heute nicht-profitorientiert, fand 1971 statt; der Vorläufer des St. Gallers, gegründet von Freddy «Gagi» Geiger (noch ein Hippie-Banker!) 1977 auf dem Aetschberg in Abtwil. Der Rest ist Geschichte, wenn auch eine, die nur entfernt dem psychedelischen Folkgeist und dem freien Zusammensein von 1969 entspricht.

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