OASG-Chef zum Line-up: «Das Festival soll und muss sich immer wieder erneuern, das war früher schon so»

Zwei Drittel des Programms des Open Air St.Gallen sind nun bestätigt. Zu den Headlinern Florence + the Machine und den Ärzten kommen Musiker, die noch nicht in aller Munde sind. Dahinter steckt eine klare Absicht.

Michael Gasser
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Wie lockt man Besucher an? Der sommerliche Open-Air-Kalender gilt nach wie vor als übersättigt. (Bild: Urs Bucher)

Wie lockt man Besucher an? Der sommerliche Open-Air-Kalender gilt nach wie vor als übersättigt. (Bild: Urs Bucher)

Noch bevor die finalen Akkorde am letztjährigen Open Air St.Gallen verstummt waren, wurde bekannt: Für die Ausgabe 2019 werden Die Ärzte, die deutschen Fun-Punker, nach sechsjährigem Unterbruch wieder ins Sittertobel zurückkehren – natürlich als Headliner. Eine Ankündigung, die nach «Nummer sicher» klang. Obschon Festivalleiter Christof Huber zum Schluss des Open Air betonte, mit der nicht ganz ausverkauften Ausgabe 2018 zufrieden zu sein, hat er mittlerweile seine Schlüsse gezogen. Gegenüber dieser Zeitung erklärte er zu Jahresbeginn: Die damaligen Headliner seien zu alt gewesen.

Seit Anfang Januar gelangten tagtäglich Namen von Acts an die Öffentlichkeit, die fürs Festival verpflichtet worden sind. Eine neue Strategie, um die Vorfreude auf den Anlass anzukurbeln. Seit gestern sind nun zwei Drittel des Line-ups bestätigt. Dabei sticht insbesondere Florence + the Machine hervor. Die britische Formation um Sängerin Florence Welch (32) steht nicht nur für stimmgewaltigen Rock, sondern auch für Starappeal. Dieser ist in St.Gallen unterdessen selten geworden. Huber zeigt sich überzeugt:

«Das Programm ist sehr durchmischt.»

Noch fehlen die Namen von 12 Künstlerinnen und Künstlern inklusive einem Headliner, die zwischen dem 27. und 30. Juni auf der Sitter- und Sternenbühne auftreten sollen. Diese werden zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

Einen etwas jüngeren Musikgeschmack treffen

«Nachlegen wollen wir unter anderem noch in den Bereichen Rock und Indie», sagt Huber. «Und wir haben vor, noch zusätzliche Frauenbands zu verpflichten.» Ziel sei es, dass das Ganze einmal mehr St.Gallen-mässig wirke. Will heissen? «Anders als Frauenfeld sind wir kein Spartenfestival. Stattdessen bieten wir viel Eklektisches und ein sehr heterogenes Line-up. Das soll auch so bleiben.» Während das letztjährige Hauptprogramm allzu stark auf Rock fokussiert habe, ist man überzeugt, nun einen etwas jüngeren Musikgeschmack getroffen zu haben.

«Das Festival soll und muss sich immer wieder erneuern, das war früher schon so.»

Die 1982 gegründeten Ärzte stehen zwar eindeutig für den Sound von gestern, doch als Publikumslieblinge dürfen sie das auch. Mit Diplo (40), dem US-amerikanischen DJ, dem deutschen Rapper Rin (25) oder dem Wiener Hip-Hop-Musiker Yung Hurn (23) spricht man zweifelsohne ein Publikum deutlich unter 30 Jahren an. Als Event, der von einer sehr breiten Zuhörerschaft lebt, sucht das Open Air St.Gallen den Balanceakt zwischen alt und neu. Und einen Weg zwischen bewährt und innovativ. Das birgt die Gefahr, immer wieder mal jemanden zu vergraulen. Das gestern kommunizierte Line-up wirkt – nicht ganz überraschend – nach leisem Aufbruch. Wer einheimisches Schaffen schätzt, darf sich zweifelsohne auf Popdarling Faber, die Lokalmatadoren Knöppel und insbesondere auf das Basler Musikprojekt Zeal & Ardor freuen, das Gospel mit Heavy Metal verbindet. Freunde des gepflegten Synthie-Pops dürften bei The 1975 auf ihre Rechnung kommen, und den Fans moderner Singer/Songwriter-Sounds ist das Set des israelischen Musikers Dennis Lloyd ans Herz gelegt.

Kampf um zugkräftige Künstler wird zusehends härter

Kaum einer der hier genannten Namen besitzt wirklichen Wow-Faktor. Zumindest nicht aus Sicht jener Besucher, die sich alljährlich einen Stadionevent à la Depeche Mode erhoffen. Huber merkt an: «Heute kann man quasi über Nacht zum Headliner werden. Ein Hit genügt und schon schnellt ein Act von 0 auf 100.» Dennoch scheint das Line-up nicht verhehlen zu können, dass der Kampf der Festivals um zugkräftige Künstler zusehends härter wird. Zumal der sommerliche Open-Air-Kalender nach wie vor als übersättigt gilt, gerade in der Schweiz.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Fans dank anhaltend tiefer Flugpreise immer häufiger von einem internationalen Musikevent zum nächsten zu hüpfen. Zumal es als chic gilt, mal am Roskilde Festival in Dänemark oder am ungarischen Sziget in Ungarn, das über 60 Bühnen bietet, teilgenommen zu haben. Der Plan der St.Galler Festivalleitung scheint es hingegen zu sein, vermehrt auf Künstlerinnen und Künstler zu setzen, die noch nicht in aller Munde sind. Am 4. Februar beginnt der Vorverkauf für das Open Air St.Gallen. Was sagt das Bauchgefühl von Christof Huber? «Das ist schwierig zu sagen. Ich werde an diesem Datum aber ganz gewiss nicht am Computer sitzen, um die verkauften Tickets zu zählen. Fakt ist, dass ich zu 100 Prozent hinter unserem Programm stehe.» Jetzt muss nur noch das Publikum mitspielen.