OPEN AIR FRAUENFELD: Zeigt her eure Taschen

Erstmals dürfen die Open-Air-Besucher nur noch eine Tasche in A5-Format auf das Konzertgelände mitnehmen. Die Kontrollen hätten am Anfang jedoch zu wenig gegriffen, sagt Medienchef Joachim Bodmer.

Rahel Haag, Donat Beerli
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Die Eingangskontrollen beim Open Air Frauenfeld wurden verschärft. (Bild: Andrea Stalder)

Die Eingangskontrollen beim Open Air Frauenfeld wurden verschärft. (Bild: Andrea Stalder)

Und einmal mehr heisst es anstehen. Vor dem Einlass zum Konzertgelände hat sich eine Menschentraube gebildet. Wie Vieh werden die Besucher zwischen Absperrgittern Richtung Security getrieben. Der schaut kurz in die kleinen Taschen und schickt sie dann weiter. Das Ganze geht recht schnell vonstatten. Neu werden nur noch Taschen in A5-Format geduldet. Betreffend Getränke ist pro Person eine 0,5-Liter-PET-Flasche erlaubt. Sind sie grösser, müssen sie draussen bleiben. Das führt zu einigem Kopfschütteln bei den Besuchern – und zu schnellem Austrinken.
Die langen Zöpfe reichen bei  Naijma Kunz (16) und Tatjana Jeketa (18) bis zur Hüfte. Die jungen Frauen aus Bern haben die Kontrolle schon hinter sich. Ihnen reicht das kleine Bauchtäschli völlig. «Grosse Taschen gehen eh nur verloren», sagt Kunz. Bereitwillig öffnen sie die Reissverschlüsse. Geld, Kaugummis, ein Kamm, ein Ladekabel, und selbstverständlich darf auch das Handy nicht fehlen. Bei Jeketa kommen unter anderem zwei Päckchen Zigaretten und Kopfhörer zum Vorschein.
 

Telefonnummern statt Handy

Luca Bloch (27) aus Basel schaut neugierig herüber. «Wollt ihr auch in meine Tasche schauen?», fragt er. Hervor kommen zwei Feuerzeuge und mehrere Päckchen Streichhölzer mit dem Aufdruck «Swiss Highlife» – getrennt werden die Worte durch ein weisses Hanfblatt auf rotem Grund. Ein Handy sucht man vergebens. «Das ist gestern kaputt gegangen», sagt Bloch. Der Bildschirm sei plötzlich violett geworden. Er zuckt mit den Schultern. Dafür trägt er eine Liste mit den Telefonnummern seiner Freunde auf sich. «Wenn wir uns verlieren, frage ich eben jemanden, ob ich kurz telefonieren darf.»

Wer sich umschaut, entdeckt auf dem Festivalgelände auch Taschen, die grösser sind als erlaubt. Darauf angesprochen, lächelt Selina Gabriel aus Luzern und legt schützend den Arm um ihren rosafarbenen Rucksack. Sie sei halt durch den Helfereingang gekommen. «Dort kontrollieren sie nicht so streng.» Währenddessen kommt Sarah Liechti (17) aus Basel nicht so leicht davon. Sie muss mit ihrem Rucksack wieder kehrtmachen. «Das nervt schon ein bisschen», sagt sie. Jetzt werde sie das Gepäck eben in ein Schliessfach stecken. Das kostet zwei Franken.
 

«Turnsäckli kommen nicht mehr rein»

Die beliebten Turnsäckli, die beim Festivalbesucher fast zur Grundausstattung gehören, sind für das Frauenfelder Konzertgelände zu gross. Eigentlich. Zwei Freundinnen aus dem Rheintal sind aber nicht die Einzigen, die damit rumlaufen. «Die Kontrollen sind mehr Schein als Sein», sagt Laura Salvodelli (16). Aber man können ja auch nicht jeden kontrollieren. Medienchef Joachim Bodmer gibt zu, dass die Sicherheitskontrollen am Anfang zu wenig gegriffen haben. Das sei nun jedoch anders: «Turnsäckli  kommen nicht mehr rein.»

So viel Platz brauchen Artur Hoffmann (23) und Andreas Kinsvater (24) aus Deutschland gar nicht. Ein Bauchtäschli reicht ihnen völlig. Er habe das schon vor der Regelung so gemacht, sagt Kinsvater. «Wann man betrunken ist, verliert man die grossen Taschen sowieso nur.» Hat was. Das Bauchtäschli ist wenigstens festgeschnallt.

Und fühlen sich die Besucher denn nun auch sicherer? Die Rheintalerin Alina Zellweger (16) denkt während des Open Airs nicht ans Thema Sicherheit. «Das vermiest dir nur das Fest.» Ihre Freundinnen nicken zustimmend. 
 

Sechsstelliger Betrag für ein sicheres Gefühl

Sie strömen auf die Allmend, konsumieren, feiern und verlassen das Festivalgelände nach vier Tagen wieder. Über sämtliche Open-Air-Tage pilgern insgesamt 170000 Hip-Hop-Fans auf die Grosse Allmend. Grund genug, dass das OK um Geschäftsführer René Götz in Nachhaltigkeit und Sicherheit investiert. «Seit dem schlimmen Jahr 2014 haben wir unser Konzept nach und nach ausgebaut», sagt Götz am gestrigen Medienrundgang auf dem Gelände. Mit dabei sind auch Stadtpräsident Anders Stokholm sowie Werner Spiri, Chef Amt für Sicherheit. «Das Open Air Frauenfeld ist im Vergleich zu anderen Festivals in der Schweiz sehr gut auf- gestellt», sagt Nachhaltigkeitsexperte Rolf Schwery. Das beginne mit Massnahmen wie dem Zeltdepot und höre beim Bewusstsein der Open-Air-Besucher für Abfalltrennung auf. Positiv gestimmt ist auch Joggi Rieder, Vertreter der Grundstückeigentümerin Armasuisse: «Wir trennen das Naturschutzgebiet klar von den Festivitäten ab.» Gut zwei Wochen nach dem Open Air sehe die Allmend wieder aus wie zuvor. «Oder noch viel sauberer als sonst», meint Rieder. Heuer wird am «Frauenfelder» auch die Sicherheit grossgeschrieben. Für verschärfte Sicherheitskontrollen bei Gepäck und Personen, neue Maximalgrössen für Gepäckstücke zum Konzertgelände, vermehrt patrouillierende Polizisten oder Betonelemente an allen Zufahrten zur Allmend greift der Veranstalter ins Portemonnaie. «Wir investieren eine sechsstellige Summe», sagt René Götz. Die Investition sei in Absprache mit den Behörden zustande gekommen. Bei einem Budget von rund zehn Millionen Franken sei diese aber verkraftbar, auch ohne an den Preisen der Tickets zu schrauben, ergänzt Götz. Für Heinz Bachmann, Einsatzleiter der Kapo Thurgau, hat sich das neue Konzept bereits am ersten Festivaltag bewährt. «Es geht nicht nur um Prävention, sondern auch darum, den Besuchern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln», meint er. Klar sei aber gleichzeitig, dass es nie eine Garantie gebe, dass nichts passiert. Dass Polizisten mit geladenen Waffen präsent sind, sei nichts Aussergewöhnliches. (sko)