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Interview

Christof Huber, Chef des Open Air St.Gallen: «Wir sind so exklusiv wie noch nie»

Rückläufige Ticketverkäufe, Verjüngung des Programms, Abbau von Infrastruktur: Das Open Air im Sittertobel ist im Umbruch. Festivalchef Christof Huber über Zigarettenwerbung, Partyzelte und Shitstorms.
Andri Rostetter
«Jetzt wird einmal mehr über die Ticketverkäufe spekuliert»: Festivalchef Christof Huber. (Bild: Michel Canonica)

«Jetzt wird einmal mehr über die Ticketverkäufe spekuliert»: Festivalchef Christof Huber. (Bild: Michel Canonica)

Christof Huber, Sie wollen sich zu Kritik und Gerüchten äussern, die angeblich über das Open Air im Umlauf sind. Was meinen Sie damit?

Seit Bekanntgabe der ersten Bands hören wir, das Programm sei zu jung, zu viel Unbekanntes, zu viel Hiphop. Dann kam die Debatte über die Schliessung des Eingangs West. Für uns wichtige Weiterentwicklungen und Inhalte wie Take A Stand, Klimaneutralität oder die Peace by Peace Allstars wurden leider weniger wahrgenommen. Und jetzt wird einmal mehr über die Ticketverkäufe spekuliert.

Wie viele Tickets haben Sie denn bis jetzt verkauft?

Die definitiven Zahlen kommunizieren wir erst nach den Festival. Erfahrungsgemäss gehen in den letzten Tagen nochmals ein paar tausend Tickets weg. Am Ende werden es 23'000 bis 25'000 sein. Das beunruhigt uns nicht, solche Phasen hat es immer wieder gegeben.

Aber man ist sich anderes gewöhnt. Von 2011 bis 2016 war das Open Air immer ausverkauft.

Erstens ist das überhaupt nicht selbstverständlich. Wir müssen uns jedes Jahr von neuem beweisen. Zweitens hat ein regelmässig ausverkauftes Festival zur Folge, dass wir auswärts Publikum verlieren. Die Tickets gingen immer innerhalb der Ostschweiz weg, bevor sie in Aarau oder Bern überhaupt mitbekommen haben, dass der Vorverkauf läuft.

Ist das ein Problem?

Ja. Als wir 2017 nicht mehr ausverkauft waren, musste ich in etlichen Interviews erklären, dass es noch Tickets gibt. Ausserhalb der Ostschweiz gingen die Leute mittlerweile davon aus, dass es für St.Gallen sowieso keine Tickets mehr gibt. Wir müssen jedes Jahr 15 bis 20 Prozent neue Besucher gewinnen. Das funktioniert bei einem Festival dieser Grösse nur, wenn wir überregional Publikum gewinnen.

Wie viele Tickets müssen weg?

Das kommt auf etliche Faktoren an. Letztes Jahr hatten wir gute Umsätze mit den Getränken, aber weniger gute mit dem Essen, es war zu heiss. Wenn es nach dem Festival zwei Wochen regnet, dauert der Abbau und die Rekultivierung länger. Dann reden wir sofort von mehreren 100'000 Franken zusätzlichen Ausgaben. Es geht also nicht nur um die Tickets.

Der letzte Punkt war der Eingang West, der nun geschlossen wird.

Das war kein leichter Entscheid. Ab 2012 kam der Trend auf, schon am Dienstag anzustehen. Im ausverkauften 2013 waren wir dann mit logistischen Problemen bei der Zufahrt Rechenwaldstrasse konfrontiert. Auf Forderung der Stadt haben wir dann verhandelt, Konzepte ausgearbeitet, uns in ganz Europa mit anderen Festivals ausgetauscht. Daraus entstand die Idee mit dem Warteraum.

Das hat gut funktioniert. Bei der Eröffnung 2014 haben 3000 Besucher im Warteraum übernachtet.

Mittlerweile hat sich das wieder verändert. Mit dem neuen Ticket-System sind die Wartezeiten kürzer geworden, viele kommen heute auf den Start des Festivals. Zuletzt hatten wir im Warteraum noch 600 bis 800 Besucher. Infrastruktur und Unterhalt kosten uns aber nach wie vor 200'000 bis 250'000 Franken. So gerne wir den Eingang West behalten hätten, steht der Aufwand in keinem Verhältnis zu den Kosten.

Die Leute kommen nicht nur später, sie campieren auch weniger. Open-Air-Gründer Freddy Geiger warnte bereits vor dem Verschwinden des Gemeinschaftsgefühls.

Mir macht das weniger Sorgen, ich verstehe es sogar. Von 2013 bis 2016 hatten wir mehrere Jahre, in denen es zum Campieren alles andere als angenehm war. Es war nass, schlammig, zum Teil extrem kalt. Und heute ist der öffentliche Verkehr viel besser. Wenn man nicht gerade in Hintertupfingen wohnt, kommt man auch morgens um vier mit dem Zug noch nach Hause. Dann haben wir inzwischen viele auch ältere Besucher, die sowieso nicht mit dem Zelt kommen.

Dafür hat die Präsenz der Sponsoren am Festival massiv zugenommen.

Wir bekommen kein Subventionen von der Stadt oder vom Kanton. Wir versuchen immer, das beste herauszuholen. Aber wir stehen unter einem gewissen Zwang. Wie alle Grossanlässe sind wir auf Sponsoren angewiesen.

Partyzelte wie die Casa Bacardi stören aber tatsächlich. Es gibt sogar Bands, die es zur Bedingung machen, dass während ihres Auftritts die Musik in den Zelten abgestellt wird.

Ja, diese Kritik kenne ich. Es gibt Leute, die sich an den Partyzelten stören. Auf der anderen Seite ist die Casa Bacardi täglich von 12 Uhr mittags bis 4 Uhr morgens gestossen voll. Es gibt also ein Publikum, das das sucht.

Wenn Sie einen Mäzen hätten, würden Sie die Casa Bacardi vom Gelände verbannen?

Natürlich würde es uns freuen, wenn gewisse Dinge etwas dezenter funktionierten. Aber Sponsoring ist nicht per se schlecht. Heute will jeder sein Handy auf dem Gelände aufladen können. Das geht nur dank Sponsoren. Das heisst nicht, dass wir nicht mit unseren Partnern diskutieren.

Bringt das etwas?

Ja. Die Migros hatte früher diesen riesigen Turm vor der Bühne. Der ist jetzt weg. Aber wir machen auch nicht alles mit. Dieses Jahr kam ein Getränkesponsor mit einem neuen Konzept. Sie wollten, dass wir ihre Dose auf dem Gelände verteilen. Andere Festivals machen mit, wir nicht. Wir haben Werte, die wir nicht über den Haufen werfen.

Welche denn? Festivals wie das Gurten verzichten auf Tabak- und Spirituosenwerbung. St.Gallen nicht.

Dafür haben sie die Ticketpreise markant erhöht, auf 320 Franken für den Viertages-Pass. Und wer will, kommt auch auf dem Gurten zu Zigaretten und Drinks. Das finde ich scheinheilig. Wir haben eine Gesetzgebung. Daran halten wir uns. Wer unter 18 ist, kommt bei uns nicht in eine Winston-Lounge. Was unsere Werte angeht, so werden wir dieses Jahr als erstes der grossen Festivals der Schweiz klimaneutral. Und mit den Kampagnen Take a Stand oder Peace by Peace Allstars greifen wir gesellschaftliche Themen auf.

Reden wir über Musik. Auch dieses Jahr mussten Sie für das Programm wieder Kritik einstecken.

Dabei ist unser Programm gerade dieses Jahr so exklusiv wie noch nie. Die Ärzte spielen nur vier Shows in Europa, Florence And The Machine sind in der Schweiz sonst nirgends zu sehen. Das gleiche gilt für Diplo, Brockhampton und The 1975. Diese Bands haben nur wir. Trotzdem werden wir kritisiert.

Können Sie sich vorstellen, woran das liegt?

Das Lineup 2019 ist frischer, anspruchsvoller und etwas jünger als in anderen Jahren. Brockhampton zum Beispiel ist einer der glaubwürdigsten neuen Hiphop-Acts, vergleichbar mit The Roots. The 1975 ist zusammen mit den Arctic Monkeys die grösste britische Band der Stunde, die haben alles abgeräumt. Aber hier hören wir oft: Kennen wir nicht, interessiert uns nicht.

Das ist aber nicht das Problem des Publikums.

Ja, vielleicht sind wir zu früh mit gewissen Künstlern. Ich weiss es nicht. Wir animieren die Leute immer, sich auf das Programm einzulassen: Hey, hört euch das an. Heute hat ja jeder Spotify und kann ganz einfach reinhören.

Das Open Air St.Gallen wird auch als Gemischtwarenladen kritisiert. Frauenfeld hat sich auf Hiphop spezialisiert, das Greenfield in Interlaken setzt auf Gitarrenrock. Hat St.Gallen den Trend zur Sparte verpasst?

Als 2005 das Greenfield kam, hiess es: St.Gallen, jetzt könnt ihr es vergessen, Spartenfestival sind das neue Ding! Ich habe nie daran geglaubt. Die Mehrheit der Jungen ist heute weniger auf Sparten fixiert. Wir setzen auf dieses Publikum, das offen ist für verschiedene Stilrichtungen. Das spiegelt sich in der friedlichen und offenen Atmosphäre im Sittertobel. Deshalb sind wir noch lange kein Gemischtwarenladen. Wir springen nicht auf jeden Zug auf.

Aber auf viele. Electronica, Hiphop, Comedy, Pop, Singer-Songwriter: Im Sittertobel gibt es mittlerweile fast alles.

Wenn wir Rock der Nullerjahre bis zum Gehtnichtmehr machen, gibt es uns bald nicht mehr. Wir müssen uns weiterentwickeln. Schon vor 20 Jahren rümpften viele die Nase, als wir elektronische Acts wie Chemical Brothers und Fatboy Slim brachten. Nehmen wir den Freitagabend: Da setzen wir bewusst auf ein jüngeres Programm, weil wir dann eher die jüngeren Leute auf dem Gelände haben. In diesem Jahr haben wir hier einen grossen Schritt vorwärts gemacht, mit Acts wie Diplo, K.I.Z. und Yung Hurn.

Mit dem Risiko, dass sich ältere Besucher weniger angesprochen fühlen.

Damit müssen wir leben. Wir setzen uns aber jedes Jahr aktiv mit den Rückmeldungen und Wünschen des Publikums auseinander und fühlen mit Umfragen den Puls. Ich kenne fast kein Festival in Europa, das in diesem Jahr noch keinen Shitstorm wegen des Programms erlebt hat. Die Festivalszene ist allgemein im Umbruch. Und St.Gallen ist ein Festival, das diesen Umbruch immer wieder leben muss.

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