Onur lässt Frau und Kind frei

Ein halbes Jahr dauerte das Martyrium der Ehefrau. Gegen ihren Willen hat sie der Arboner Jihadist Onur im syrischen Kriegsgebiet festgehalten – sie gebärt dort die gemeinsame Tochter. Seit Samstag befinden sich Frau und Kind in Freiheit.

Peter Exinger
Drucken
Teilen
Onur – einst unterwegs für die Gratis-Koran-Aktion «Lies!». (Bild: ky/SRF)

Onur – einst unterwegs für die Gratis-Koran-Aktion «Lies!». (Bild: ky/SRF)

Endlich sind Frau und Kind in Sicherheit. Seit Samstagabend befinden sich die deutsche Ehefrau des Arboner Jihadisten Onur* und ihr anderthalb Monate alter Säugling in der Türkei.

Der Meldung vom Sonntagvormittag des deutschen Auswärtigen Amtes – in deren Obhut sich Johanna* und ihr Kind befinden – ging ein regelrechtes Familiendrama voraus. Onur lebte bis vor zwei Jahren als Schweizer Moslem unauffällig mit seinen Eltern in Arbon. Er war ein junger Mann wie andere gewesen, «mit Autos, Frauen, Alkohol. Der ganze Scheiss», wie sich ein Bekannter Onurs äussert. Er trug einen Ohrring, und es machte die Runde, er hätte sich tätowieren wollen.

Er entglitt seinen Eltern

Dann entglitt den Eltern ihr Sohn zunehmend, er beschäftigte sich mit religiösen Fragen, radikalisierte sich, änderte seine Ansichten total und engagierte sich für die Aktion «Lies!». Dabei verteilen junge Moslems in den Fussgängerzonen von Städten Gratisexemplare des Korans. In Zürich. Auch in St. Gallen. Auf Diskussionen mit seinem Vater und dessen zweiter Ehefrau ging Onur schliesslich nicht mehr ein. Alles Reden habe nichts genützt, sagt der Vater. Er wusste nicht mal, wie Onur seine Freizeit verbrachte. «Er sagte mir jeweils, er fahre mit Kollegen nach Deutschland oder Österreich.» Mehr war aus dem jungen Mann nicht herauszubringen.

«Beide sind impulsiv»

Im Sommer 2013 heiratet Onur in einer deutschen Moschee eine Konvertitin aus Tübingen: Johanna, 22 Jahre alt. Die Eltern der beiden waren bei der Zeremonie nicht dabei. Sie erfuhren von der Heirat erst später. «Ich kenne sie nicht», gibt Onurs Vater zu Protokoll. Das junge Ehepaar zog zuerst nach Arbon zu Onurs Vater. Dann in eine eigene Wohnung. Laut Aussagen einer Nachbarin in der SRF-Sendung «Rundschau» soll es immer wieder zu heftigem Geschrei zwischen Onur und seiner Frau gekommen sein. «Beide sind impulsiv», sagt Onurs Vater.

Der verlorene Sohn

Eines Tages war Onur weg. Der Vater vermutet seinen Sohn in Deutschland, gibt eine Vermisstenanzeige auf. Wochenlang kein Kontakt, kein Wort, keine Sicherheit. Schliesslich meldet sich Onur. Aus Syrien. Er ist Jihadist geworden. Will an der Seite radikaler Moslems gegen die Ungläubigen kämpfen. «Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kufar abzuschlagen.» Solche Nachrichten hinterlässt Onur.

Im Oktober 2014 reist seine schwangere Frau ebenfalls ins syrische Kriegsgebiet. Sie will ihren Mann zur Rückkehr bewegen. Doch es kommt ganz anders. Onur bleibt. Und hält sie ab diesem Zeitpunkt gegen ihren Willen fest. Mitten im Krieg. Anfang März dieses Jahres kommt sie mit dem gemeinsamen Kind nieder. Johanna sendet Hilferufe an ihre nächsten Verwandten in Deutschland. An ihre Schwester. An ihre Mutter. «Ich hasse es hier. – Ich kann nicht mehr. – Ich will hier weg.» Die deutschen und die Schweizer Behörden schalten sich bereits im Herbst vergangenen Jahres ein. Nun liess Onur am Samstagabend seine Frau und die gemeinsame Tochter überraschend im türkisch-syrischen Grenzgebiet nahe der türkischen Stadt Reyhanli frei. Die Schweizer Bundesanwaltschaft nimmt die neusten Entwicklungen zur Kenntnis. Sie führt seit November 2014 eine Strafuntersuchung wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation gegen Onur. Der schweizerisch-türkische Doppelbürger soll sich in Syrien dem Qaida-Ableger Al-Nusra-Front angeschlossen haben. Wegen des Festhaltens seiner Frau in Syrien ermittelt die Bundesanwaltschaft nicht.

* Name geändert