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ONLINEHANDEL: Päckli schicken für 17 Franken pro Stunde

In Arbon werden seit Mitte Oktober Retourenartikel für Zalando verarbeitet. Die Logistikfirma MS Direct hat für diesen neuen Standort sechzig Mitarbeiter angestellt, darunter auch Sozialhilfebezüger. Die Stadt ist erfreut, die Gewerkschaft empört.
Maria Keller
«Unternehmen, die nicht nur hochqualifizierte Mitarbeiter suchen, sind unglaublich wichtig»: Zalando-Pakete im Postzentrum Frauenfeld. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

«Unternehmen, die nicht nur hochqualifizierte Mitarbeiter suchen, sind unglaublich wichtig»: Zalando-Pakete im Postzentrum Frauenfeld. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

Maria Keller

ostschweiz@tagblatt.ch

«Anfangs hagelte es Kritik, mittlerweile werden wir für unseren Einsatz gelobt.» Der Unternehmens- und Personalberater André Mägert hat sich dafür eingesetzt, dass zehn Personen am neuen Standort der MS Direct AG im ehemaligen Saurer-Areal in Arbon eine Arbeit gefunden habe. In der Halle werden seit dem 16. Oktober Retourenartikel für den deutschen Onlineversandhändler Zalando verarbeitet. Auf Facebook schrieb Mägert die Stellenanzeige Anfang Oktober aus. Mägert engagierte sich privat und half 30 Arbonern, Lebensläufe und Bewerbungen zu verfassen. Zehn davon hätten die Stelle bekommen. Ursprünglich waren 60 Stellen ausgeschrieben, die nun bis auf wenige alle besetzt werden konnten. Gesucht waren hauptsächlich Frauen. Das Kontingent der Männer sei schnell voll gewesen. Insgesamt arbeiten aktuell 100 Mitarbeitende im Betrieb.

«Wichtig für finanziell durchgeschütteltes Arbon»

Die Arbeit beinhaltet die Kontrolle, Reinigung und Verpackung von Textilien und Schuhen. Gearbeitet wird in zwei Schichten zu jeweils achteinhalb Stunden. «Für das finanziell durchgeschüttelte Arbon sind diese neuen Stellen wichtig», sagt Mägert. Drei Sozialhilfebezüger und genauso viele Arbeitslose hätten dadurch wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können. «Ich bin sehr stolz auf alle, die mit diesem Schritt den Weg in den ersten Arbeitsmarkt geschafft haben», schrieb Mägert auf Facebook. Sein Dank ging dabei auch an die MS Direct AG. «Unternehmen, die nicht nur hoch qualifizierte Mitarbeiter suchen, sind unglaublich wichtig.» Dabei sei noch viel Luft nach oben vorhanden. Bei so vielen Sozialhilfebezügern solle vermehrt ein Jobcoaching angeboten werden, sagt Mägert.

Geschicklichkeit und Deutschkenntnisse getestet

Nur dreieinhalb Wochen Zeit hatte die MS Direct AG, um die Saurer-Halle für die neue Nutzung startbereit zu machen. «Wir haben den Betrieb buchstäblich aus dem Boden gestampft, von allen Seiten war sehr viel Flexibilität gefragt», sagt Alex Hirzel, Marketingchef der MS Direct AG. Pünktlich auf den 16. Oktober habe man aber loslegen können. Und bisher laufe der Betrieb gut. Dazu trage auch der passende Standort bei. Das Saurer-Areal habe durch seinen historischen Hintergrund den gewissen Charme, sagt Hirzel. «Die Halle ist optimal ausgelegt und durch den nahen Bahnhof gut erschlossen.» Die Arbeit mit den Menschen unterschiedlichster Nationen unter einem Dach funktioniere reibungslos, sagt Hirzel. Um die Mitarbeiter auszuwählen, wurden die Bewerber laut Mägert zu einem Probetag eingeladen. Dort habe man deren Geschicklichkeit sowie minime Deutschkenntnisse getestet.

Zu reden gab der Einstiegslohn von 17 Franken. Das sei klar zu wenig, heisst es auf den sozialen Netzwerken von allen Seiten. In den Kommentaren auf Facebook empörten sich einige Einheimische, unter anderem fiel das Wort Ausbeuterei. «Natürlich ist das kein Superlohn, anhand der Bewerbungen war aber schnell sichtbar, wie viele für dieses Angebot dankbar sind», sagt Mägert. Die MS Direct AG sei mit fast 400 Bewerbungen überschwemmt worden.

Auch die Stadt lobt das neue Jobangebot. «Ich bin grundsätzlich positiv eingestellt, ich begrüsse diese niederschwelligen Angebote», sagt der Arboner Stadtrat Hans-Ulrich Züllig, Verantwortlicher des Ressorts Soziales und Gesellschaft. Natürlich sei der Lohn tief, «aber was ist die Alternative? Es braucht Arbeitsplätze für Menschen wie Sozialhilfebezüger. Und das Wichtigste ist, dass sie dadurch in eine Gemeinschaft und eine Tagesstruktur eingeführt werden». Auch für die Stadt sei das schliesslich eine Entlastung, wenn solche Menschen Arbeit fänden.

Lukas Feierabend, Leiter der Abteilung Soziales bei der Stadt Arbon, zeigt sich ebenfalls erfreut über diese Stellen für ungelernte Arbeitnehmer. «Die Realität sieht nun einmal einen niedrigen Lohn vor, diese Arbeit stellt aber eine Chance für viele dar, die sonst auf der Sozialhilfe sitzen bleiben würden.» Er habe eine liberale Ansicht diesbezüglich, es sei gut, dass solche Arbeitsplätze geschaffen würden. «Der tiefe Lohn bleibt dabei der einzige Wermutstropfen.»

«Übliche Löhne in der Verpackungsbranche»

Scharf fällt die Stellungnahme von Stefan Brülisauer aus, Leiter der Sektion Säntis-Bodensee der Gewerkschaft Unia. «Mit einem solchen Lohn wird die Notsituation von sozial schwachen Leuten natürlich ausgenutzt, das geht für uns überhaupt nicht», hält er fest. Auch Sozialhilfebezüger haben laut Brülisauer ein Recht auf eine faire Bezahlung. Korrekt wäre seiner Ansicht nach ein Mindestlohn von 22 Franken.

«Natürlich sind wir froh, wenn jemand den Einstieg in den Arbeitsmarkt wieder schafft, das macht das Ganze aber auch nicht korrekter», sagt Brülisauer weiter. Schliesslich hätten die Angestellten nicht viel mehr in der Tasche, als wenn sie vom Sozialamt abhängig geblieben wären. Grosse Unternehmen sollten laut Brülisauer dazu fähig sein, ihren Mitarbeitern einen gerechten Lohn zahlen zu können.

Zu einer einzelnen Firma möchte sich Judith Müller, stellvertretende Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit, nicht äussern. «Festhalten lässt sich, dass der Stundenlohn von 17 Franken in der Verpackungsbranche für ungelernte Arbeitskräfte üblich ist.» Dies sei auch so im Lohnbuch Schweiz verzeichnet, sagt Müller. Generell prüfe aber die Tripartite Kommission des Kantons regelmässig, ob ein Betrieb die orts-, berufs- und branchenüblichen Löhne missbräuchlich unterschreite.

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