Olma-Symposium zu Jagd und Biodiversität: Landwirtschaft unter Beschuss

Wolf und Bär kehren zurück – aber insgesamt geht es mit der Artenvielfalt in der Schweiz bergab. An einem Olma-Symposium zu Jagd und Biodiversität wurde deshalb die Landwirtschaft hart kritisiert.

Adrian Vögele
Drucken
Teilen
Ständerat Stefan Engler, Pro-Natura-Präsidentin Ursula Schneider, Moderator Hanspeter Trütsch, Daniela Pauli, Geschäftsführerin des Forums Biodiversität, Bauernpräsident Markus Ritter und Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen-Appenzell. (Bild: Thomas Hary)

Ständerat Stefan Engler, Pro-Natura-Präsidentin Ursula Schneider, Moderator Hanspeter Trütsch, Daniela Pauli, Geschäftsführerin des Forums Biodiversität, Bauernpräsident Markus Ritter und Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen-Appenzell. (Bild: Thomas Hary)

Naturschützer, Jäger und Bauern haben das Heu eher selten auf der gleichen Bühne. An der Olma wagten sie sich dennoch gemeinsam auf ein Podium: Bundespolitiker und Fachleute diskutierten am «Tag der Jagd» am Mittwoch über die Zukunft der Biodiversität in der Schweiz. Die Ausgangslage könnte erfreulicher sein. Die Artenvielfalt in der Schweiz nimmt ab – entgegen landläufiger Meinungen: «Zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer denken, der Biodiversität gehe es gut», sagt Daniela Pauli, Geschäftsführerin des Forums Biodiversität. Das Gegenteil sei der Fall, trotz grosser Anstrengungen, den Abwärtstrend zu stoppen. 36 Prozent der untersuchten Arten sind inzwischen bedroht.

Auch der Bündner CVP-Ständerat und Jäger Stefan Engler räumt mit einem Vorurteil auf: Jägerinnen und Jäger seien keine Feinde der Artenvielfalt. «Sie leisten schweizweit 260 000 Stunden pro Jahr für den Schutz des Lebensraums.» Auch die Jagd selber sei nachhaltig, wenn sie richtig ausgeführt werde.

«Landwirtschaft ist intensiv, aber nicht effizient»

Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen-Appenzell, nimmt die Landwirtschaft ins Visier. Früher sei diese der Biodiversität förderlich gewesen. «Ohne Landwirtschaft wären zum Beispiel keine Trockenwiesen entstanden.» Heute aber sei die Landwirtschaft der Hauptgrund für den Verlust an Artenvielfalt. Die Schweiz habe europaweit die intensivste Landwirtschaft, das zeige etwa die Anzahl Nutztiere pro Fläche. «Doch zugleich ist unsere Landwirtschaft nicht effizient.» Wenn beispielsweise Fettwiesen intensiv genutzt und sechsmal pro Jahr geschnitten würden anstatt dreimal, sei das für die Biodiversität fatal, bringe aber nur mässig höhere Erträge für die Bauern. «Die Landwirtschaft muss sich ändern», fordert Meienberger.

Markus Ritter, Bauernpräsident und CVP-Nationalrat, setzt ein Fragezeichen hinter Meienbergers Zahlen und verteidigt seine Branche: Die heutige Landwirtschaft kümmere sich sehr wohl um den Erhalt der Biodiversität. In den vergangenen Jahren habe sich diesbezüglich viel getan. Die Landwirtschaft biete Hand für Verbesserungen, etwa beim Thema Pflanzenschutzmittel. Allerdings sei sie darauf angewiesen, dass sie ihre Produkte auch verkaufen könne. «Und nach wie vor sind viele Konsumenten nicht bereit, höhere Preise für Bio-Lebensmittel zu zahlen.» Ebenso besorgt wie die Naturschützer zeigt sich der Bauernpräsident über die rasante Bebauung der Schweiz. Wenn pro Sekunde ein Quadratmeter Land verbaut werde, sei das zu viel.

Regelrecht in die Haare gerieten sich Ritter und Meienberger beim Thema Rhesi: Während der Pro-Natura-Geschäftsführer betonte, die Aufweitung des Rheins sei unabdingbar für den Erhalt vieler Arten, betonte Ritter, der Hochwasserschutz müsse in diesem Projekt Priorität haben.

Ein «Ja, aber» zu Wolf und Bär

Gute Nachrichten punkto Biodiversität gäbe es eigentlich am oberen Ende der Nahrungskette: Wolf und Bär kehren in die Schweiz zurück. Doch gerade um diese Arten wird besonders heftig gestritten. Ständerat Stefan Engler hat sich in Bundesbern zu einer Art Vermittler in der erbitterten Debatte entwickelt. Die Ausrottung der Wölfe zu fordern, sei der völlig falsche Weg. «Meine Haltung ist: Die Grossraubtiere sind in der Schweiz willkommen – aber nicht ohne Wenn und Aber.» Es müsse möglich sein, die Bestände mit Abschüssen zu regulieren. Und es sei wichtig, dass die Kantone hierbei selbstständig entscheiden könnten.

Die Freiburger SP-Nationalrätin und Pro-Natura-Präsidentin Ursula Schneider sagt, Konflikte dürften nicht einseitig auf Kosten der «grossen Beutegreifer» gelöst werden. «Die Regulierung muss die letzte Option bleiben.» Zum Herdenschutz gebe es keine Alternative. Am wichtigsten sei die Akzeptanz der Tiere in der Bevölkerung. Aber gerade hier hat Bauernpräsident Ritter Bedenken: «Wenn ein Wolf 40 Schafe gerissen hat und man darüber diskutiert, ob der Bauer einen Schutzhund zu wenig hatte, dann geht das letzte bisschen Akzeptanz verloren.» Er warte nun «auf das erste Rudel am Üetliberg», so Ritter lakonisch. Die Naturschützer wenden ein, präventive Abschüsse würden die Akzeptanz der Raubtiere nicht erhöhen. Zudem drohe ein Wildwuchs, wenn jeder Kanton auf eigene Faust entscheide.