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«Ohne Zahlen kennen wir das Ausmass des Problems nicht»: Polizei soll künftig LGBTI-feindliche Gewalt registrieren – auch im Kanton St.Gallen

Wie oft Hassverbrechen gegen lesbische, schwule, bisexuelle sowie Trans- und Inter-Personen in der Schweiz vorkommen, kann nicht genau gesagt werden. Eine Statistik dazu wird nicht geführt. Neu soll diese Art der Gewalt aber erfasst werden.
Natascha Arsic
Zwei Frauen küssen sich an der Zürcher Gay Pride. (Bild: Melanie Duchene/Keystone)

Zwei Frauen küssen sich an der Zürcher Gay Pride. (Bild: Melanie Duchene/Keystone)

Am Wochenende zogen wieder Zehntausende LGBTI-Aktivisten durch die Zürcher Innenstadt und demonstrierten für Gleichberechtigung. Doch die Gay Pride verlief nicht für alle Teilnehmer friedlich. Ein homosexuelles Paar wurde nach dem Demonstrationsumzug von drei Jugendlichen als «Schwuchteln» beschimpft und angegriffen.

Wie viele Personen in der Schweiz solches erleben, ist unbekannt, denn Zahlen zu LGBTI-feindlicher Gewalt fehlen. Pink Cross, der Schweizer Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer, möchte genau das ändern. Deshalb wurden in 13 Kantonen Vorstösse zur statistischen Erfassung solcher Hassverbrechen eingereicht – auch im Kanton St.Gallen.

Was bedeutet LGBTI?

LGBTI steht aus dem Englischen übersetzt für die Wörter lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/Transgender und intersexuell.

«Das ist zwar erst der Anfang, aber doch ein wichtiger Meilenstein», sagt der St.Galler Manolito Steffen, Community Manager von Pink Cross. Auch in den restlichen Kantonen sollen etappenweise Vorstösse eingereicht werden. Die Organisation sei mit mehreren Parlamentariern in Kontakt. Das Ziel sei die Erfassung von LGBTI-feindlicher Gewalt in der ganzen Schweiz. Steffen sagt:

«Durch internationale Studien wissen wir, dass die Anzahl der Hate Crimes, also der Hassverbrechen, sehr hoch ist.»

Manolito Steffen, Community Manager von Pink Cross. (Bild: PD)

Manolito Steffen, Community Manager von Pink Cross. (Bild: PD)

Bereits 2015 sei in einem Vorstoss im Nationalrat die statistische Erfassung von Hassdelikten gefordert worden. «Damals hiess es, die Kompetenz dafür liege bei den einzelnen Kantonen», sagt Steffen. In Frankreich sei kürzlich eine Studie veröffentlicht worden, die bei Angriffen gegen Homosexuelle einen Anstieg um 20 Prozent verzeichnet. «Doch wegen der fehlenden Zahlen wissen wir nicht, wie gross das Ausmass hierzulande ist», sagt Steffen.

Die Ostschweiz hinkt hinterher

In der Ostschweiz gibt es zwar ein wachsendes Angebot für die LGBTI-Community, doch es ist noch nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in Zürich oder Bern, sagt Steffen.

«Homophobie ist in der Ostschweiz genauso ein Problem, wie in anderen Regionen der Schweiz.»

Um die Ostschweizer Community besser zu vernetzen, hat Roland Köppel die News-Plattform Queer-lake.net geschaffen. Es überraschte ihn, dass es in der Region rund um den Bodensee 60 LGBTI-Organisationen gibt. «Doch als wir mit dem Projekt begonnen haben, war der Informationsfluss in der Ostschweiz schlecht», sagt er. Queer Lake sammelt grenzüberschreitend Termine, Veranstaltungen und Nachrichten der Organisationen und veröffentlicht diese auf der Homepage. Zusätzlich organisiert Köppel regelmässige Treffen und veröffentlicht selbst Artikel zu verschiedenen LGBTI-Themen.

Roland Köppel, Initiant der Plattform Queer-lake.net. (Bild: Ralph Ribi)

Roland Köppel, Initiant der Plattform Queer-lake.net. (Bild: Ralph Ribi)

«Hassverbrechen und Hassreden finden statt und die Opfer haben Angst, Anzeige zu erstatten», sagt Köppel. Er nimmt an, dass die Dunkelziffer solcher Übergriffe sehr hoch ist. Teils hätten die Personen Hemmungen, zur Polizei zu gehen, weil sie ihr Outing noch nicht hinter sich haben, oder weil sie nicht ernst genommen werden. Köppel ist sicher:

«Ohne konkrete Opferzahlen fangen die Politiker nicht an, zu handeln.»

Polizeibeamte sollen sensibilisiert werden

«Letztlich ist es eine Beschimpfung, eine Tätlichkeit oder eine Körperverletzung – ungeachtet der sexuellen Orientierung eines Menschen», sagt Florian Schneider, stellvertretender Leiter Kommunikation der Kantonspolizei St.Gallen. Die sexuelle Orientierung oder die Abneigung dagegen könne ein Motiv für eine Tat sein, doch Motive werden nicht statistisch erfasst.

«Unsere Polizistinnen und Polizisten werden jetzt schon in ‹Interkulturelle Kompetenzen›, ‹Menschenrecht/Berufsethik›, ‹Psychologie› oder ‹Umgangsformen›, ausgebildet», sagt Schneider weiter. In diesen Ausbildungen werde unter anderem auch der Umgang mit verschiedensten Gruppierungen und Gesinnungen thematisiert.

Doch mit den eingereichten Vorstössen wird auch eine Aus- und Weiterbildung der Polizeibeamten im Bereich der LGBTI-feindlichen Gewalt gefordert. Steffen sagt:

«Polizeikräfte tragen in unserer Gesellschaft eine besondere Verantwortung.»

Deshalb sollen sie für Themen rund um LGBTI sensibilisiert werden, denn in solchen Situationen sei ein höherer Feinfühligkeitsgrad erforderlich. Zudem sollen Polizisten das vorhandene Angebot kennen sowie Anlaufstellen vermitteln können.

In der Schweizer Armee kümmert sich seit April eine neue Dienststelle um die Integration von Transmenschen. Zahlenmässig sind diese Fälle zwar tief, aber die Armee will damit das Vertrauen der Gesellschaft in die Institution Militär festigen. Laut Armeesprecher Stefan Hofer ist das Diversity Management wichtig, um das Thema einheitlich zu behandeln, Vorurteile abzubauen und Diskriminierungen zu verhindern.

«Dank der Erfassung von Hassverbrechen könnten künftig das Ausmass LGBTI-feindlicher Gewalt aufgezeigt und entsprechende Präventionsmassnahmen vorgenommen sowie Gesetzeslagen angepasst werden», sagt Steffen.

Opfer von homo- oder transphober Gewalt bekommen Hilfe bei der LGBT+ Helpline.

Schweiz auf Platz 27 von 49 im europäischen Ranking von LGBTI-Rechten

Die ILGA-Europa veröffentlicht jährlich eine Rangliste der europäischen Länder zur Rechtslage von LGBTI. Die Schweiz rutscht neu von Platz 22 auf 27. Gewertet wird die Rechtslage in sechs Kategorien: Gleichstellung und Nichtdiskriminierung, Familie, Hassverbrechen und Hassreden, Anerkennung der Geschlechtsidentität, Zivilgesellschaft und Asyl. Im Bereich Hassverbrechen und Hassreden erfüllt die Schweiz kein einziges Kriterium. Anders als in anderen europäischen Ländern schützt das Schweizer Recht nicht vor Hassdelikten aufgrund der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsmerkmalen.

Die Rangliste der europäischen Länder zur Rechtslage von LGBTI. (Bild: ILGA-Europe)

Die Rangliste der europäischen Länder zur Rechtslage von LGBTI. (Bild: ILGA-Europe)

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