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«Ohne Regen habe ich keine andere Wahl»: Ostschweizer Älpler müssen Alpsommer wegen Dürre früher beenden

Staubtrocken statt saftiggrün: Die Ostschweizer Alpwiesen leiden unter der wochenlangen Trockenheit. Weil ihre Kühe nichts mehr zu fressen finden, müssen immer mehr Älpler die Alpabfahrt vorziehen – um bis zu fünf Wochen. Einer der Leidtragenden ist der Bauer Werner Gmür aus Amden.
Stephanie Martina
Dürre Alpweiden, nichts zu fressen: Ostschweizer Kühe müssen früher zurück ins Tal. (Symbolbild: Keystone)

Dürre Alpweiden, nichts zu fressen: Ostschweizer Kühe müssen früher zurück ins Tal. (Symbolbild: Keystone)

So schnell wird Älpler Werner Gmür den Sommer 2018 nicht vergessen. Seit er denken kann, bringt der heute 53-Jährige seine Kühe auf die Alp. Doch noch nie musste er sie vor dem Ende des Alpsommers zurück ins Tal bringen. Wochenlange Hitze und Trockenheit haben aus der einst saftiggrünen Wiese auf dem Gulmen oberhalb von Amden eine Steppe gemacht. Die Weiden sind abgegrast, kein Halm wächst nach.

«Die Gewitter sind den ganzen Sommer über um uns herum gezogen. Es ist wie verhext.»

Die wenigen Tropfen haben nichts genützt. Sie konnten nicht verhindern, dass Gmür in diesen Tagen bereits vier seiner Kühe ins Tal bringen musste. Fünf Wochen früher als geplant. Doch das Futterproblem ist damit nicht gelöst. Denn im Tal sind die Reserven ebenfalls knapp.

«Weil ich zu wenig Futter habe, werde ich die Tiere zum Metzger bringen müssen.»

Bedauern liegt in Gmürs Stimme. Auch anderen Landwirten im Lindthgebiet ergehe es nicht besser (siehe Box), sagt der langjährige Älpler, der Mitglied in der Alpenwirtschaftskommission im St.Galler Bauernverband ist. Alle stehen sie vor demselben Problem: Futtermangel. «Weil viele Alpen oberhalb Amden sonnig sind, trocken sie besonders schnell aus. Wie ich müssen auch andere jetzt schon Heu hinauf transportieren, das eigentlich für den Winter gedacht wäre.»

Die Alp Gulmen liegt oberhalb von Amden auf knapp 1800 M.ü.M.:

Wetter entscheidet über Leben und Tod

Petrus wird auch über das Schicksal von Gmürs übrigen 21 Kühe auf der Alp entscheiden. «Eigentlich wollte ich erst am 12. September in Tal. Doch wenn es weiterhin nicht mehr regnet und kein Gras wächst, habe ich keine andere Wahl – ich muss weitere Kühe in die Metzg bringen und die übrigen in den Stall. Denn auch im Tal sind die Wiesen trocken.»

Werner Gmür hofft fest, dass es nicht soweit kommen wird. Aber er weiss, dass es nicht mehr lange so weitergehen kann. Der Ammler weist auf das nächste Problem hin:

«Wenn die Kühe dürres Gras fressen, brauchen sie auch mehr zu trinken. Es ist wie bei uns Menschen: Wir müssen trockene Guetzli auch runterspülen.»

Doch Wasser gibt es auf dem Gulmen nicht mehr. Während andere Alpen um Amden durch Helikopter der Schweizer Armee mit Wasser versorgt werden, transportiert Gmür täglich Milchkannen voll Wasser mit der Seilbahn auf seine Alp. Denn eine Kuh trinkt bis etwa 100 Liter Wasser pro Tag.

Älpler Werner Gmür belädt die Seilbahn mit den Milchkannen voller Wasser. (Bild: zVg)

Älpler Werner Gmür belädt die Seilbahn mit den Milchkannen voller Wasser. (Bild: zVg)

Weil sich der Abstieg von der Alp kaum noch aufschieben lässt, hat Gmür bereits mit dem Bundesamt für Landwirtschaft Kontakt aufgenommen. «Landwirte, die nicht die geforderte Anzahl Alptage erreichen, erhalten weniger Sömmerungsbeiträge. Weil ich aufgrund der Trockenheit mit meinen Kühen zurück ins Tal muss, kommt zum Glück die in diesem Jahr geltende Ausnahmeregelung zum Tragen.»

Finanzielle Einbussen muss Gmür dennoch hinnehmen. Etwa für das Futter, das er wegen der Dürre kaufen und auf die Alp befördern musste, um seine Kühe zu versorgen und Schlimmeres zu verhindern. «Weil die Kühe kaum noch Futter finden, steigen sie immer höher hinauf – und bringen sich in Lebensgefahr», erklärt Gmür. Er habe es schon öfter erlebt, dass Kühe auf der Suche nach Essbarem abgestürzt seien.

Die Natur bringt Älpler in schwierige Lage

Finanzielle Einbussen, mühevoller Wassertransport, beklemmende Ungewissheit, hoffen auf Regen. Der Sommer 2018 macht es dem Landwirt aus Amden nicht leicht. Trotz allem gibt sich Gmür versöhnlich:

«Wir müssen das Beste aus der schwierigen Situation machen. Wenn man mit der Natur arbeitet, läuft eben nicht alles immer rund.»

Nur ein Teil der St.Galler Alpen von Dürre betroffen

Mit seinen 360 Alpen ist der Kanton St.Gallen ein klassischer Alpenkanton. Dass die Bedingungen auf den Alpen ganz unterschiedlich sind, zeigt der Hitzesommer 2018: Alpen in sonnenexponierten, mittleren und tiefen Lagen seien von der Dürre am meisten betroffen, erklärt Markus Hobi, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St.Gallen und Präsident der Alpwirtschaftskommission des St.Galler Bauernverbandes. Die Hotspots seien das Linthgebiet und die tieferen Lagen des Toggenburgs von Nesslau bis Mosnang sowie teilweise das Rheintal. Vor allem im Gebiet Amden mussten bereits einige Landwirte Tiere vorzeitig von der Alp holen, weitere müssen den Alpsommer mangels Futter in den nächsten Tagen vorzeitig beenden.
Andere St.Galler Alpregionen sind von der Trockenheit hingegen weniger flächendeckend betroffen: «Auf hochgelegenen, schattigen Alpen wie zum Beispiel jene im Weisstannental, bei Flums und Mels können die Älpler die Alpzeit voll ausnutzen – wir hoffen sehr, dass sie das auch tun», sagt Hobi. Denn die zurückkehrenden Tiere verschlimmern das Futterproblem im Tal.
Dass die Lage auf vielen Alpen noch nicht allzu prekär ist, hängt laut Hobi auch damit zusammen, dass sich der Kanton seit Jahren auf den Klimawandel vorbereitet. «Die St.Galler Alpenwirtschaft verfolgt das Ziel, die Wasserversorgungssysteme auf den Alpen zu verbessern und zu erweitern. In den Churfirsten kommen die Älpler dank in den letzten Jahren getätigten Sanierungen bisher gut über die Runden.»
Der Kanton sei an langfristigen Lösungen interessiert, betont der Alpspezialist, kurzzeitig mit Geldern aushelfen, wolle man nur in einzelnen Härtefällen, wenn die Dürre für Landwirte zum Existenzproblem werde. Beispielsweise mit Betriebshilfedarlehen oder der Stundung von Tilgungsraten zinsloser Darlehen. Noch würden die Betriebsberater nicht von besorgten Bauern überrannt, Hobi rechnet jedoch damit, dass die Anfragen in den nächsten Tagen und Woche zunehmen werden.

Auch Ausserrhoder Älpler kehren ins Tal zurück

Braun und dürr statt saftig und grün. Auch die Alpwiesen im Appenzellerland leiden unter der wochenlangen Trockenheit. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden mussten bereits zwei Älpler einen Teil ihrer Kühe ins Tal zurückbringen – eine Ausnahmesituation, wie Jakob Scherrer, Leiter Landwirtschaftsamt Appenzell Ausserrhoden, sagt.

«Es kommt ganz selten vor, dass Älpler aufgrund des Wetters gezwungen sind, früher heimzukehren.»

Die betroffenen Alpen liegen im Gebiet Hochalp und Dürren bei Urnäsch. Der Regen am 1. August hat allerdings etwas Linderung gebracht: «Im Appenzellerland hat es ausgiebig geregnet, das hat unseren Wiesen gut getan. Das grössere Problem als das Futter ist das Wasser. Viele Quellen und Brunnen sind inzwischen versiegt.»

Auch die ersten Schwägalp-Bewirtschafter haben letzte Woche bereits die Kühe ins Tal getrieben – allerdings nicht wegen der Dürre, sondern weil auf der Schwägalp die gesetzlich festgelegte Alpzeit von neun Wochen zu Ende war. Rückblickend ist der Alpmeister Hannes Biser froh, dass die Alp diesen Frühling besonders früh bestossen wurde. «Seit die Vegetation bereit ist, grasen die Kühe da oben. Im Nachhinein war das absolut der richtige Entscheid, denn die Tiere finden auf den Alpen wegen der Trockenheit immer weniger zu fressen.»

Im Kanton Appenzell Innerrhoden hat sich noch kein Älpler beim Amt für Landwirtschaft gemeldet, weil er den Alpsommer frühzeitig beenden muss – das kann sich aber ändern. Betriebsberater Primus Bärtschi erklärt, dass der Zustand auf einigen Alpen kritisch sei. «Die Alp Sigel, der Chüeboden und die Alp Obere Mans sind besonders trocken. Das Wasser ist bereits knapp und muss teilweise zugeführt werden.»

Ist der traditionelle Appenzeller Alpabzug in Gefahr?

Im Appenzellerland wird der Abschied von der Alp alljährlich feierlich zelebriert. Nicht nur für die Bauern und die Einheimischen ist die Alpabfahrt ein wichtiger Festtag, sondern auch für Touristen. Dieses Jahr haben Tourismus und Bauern den grossen Alpabzug nach Urnäsch mit 10 bis 15 Alpabfahrten auf den 15. September terminiert. Doch was wird aus diesem Brauch, wenn die Älpler aufgrund der Trockenheit ihr Vieh früher ins Tal zurücktreiben müssen?

Bei Appenzellerland Tourismus hat man sich auf diesen Fall eingestellt. «Wir nehmen's, wie's kommt», sagt Kommunikationschefin Susanne Thuma. Man hoffe, dass an diesem Tag noch einige Älpler mit ihrem Vieh ins Tal zurückkehren werden, aber wenn es so heiss und trocken bleibe, sei es denkbar, dass der Abzug dieses Jahr deutlich kleiner ausfallen könnte. «Von den meisten Bauern erfahren wir erst ein bis zwei Tage im Voraus, dass der Alpabzug ansteht. Deshalb haben wir für Touristen und Interessierte eine Webseite eingerichtet, die wir laufend aktualisieren. Die Trockenheit zwingt nicht nur die Älpler, sondern auch uns, spontan zu sein.»

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