ODYSSEE EINES ADVENTSKALENDERS: Wenn die Post den Göttibuben nicht findet

Es war schon ein wenig seltsam, dass er noch nicht reagiert hatte. Normalerweise bedankt sich seine Mutter sofort per SMS, wenn mein Göttibub Post von mir bekommen hat. Am 29. November hatte ich das Päckli aufgegeben. Ein Adventskalender, Format B2 oder so, Hauptpost St.Gallen, A-Post, für stolze neun Franken.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Wo ist das Päckli für den Göttibub steckengeblieben? (Bild: Archiv)

Wo ist das Päckli für den Göttibub steckengeblieben? (Bild: Archiv)

Es war schon ein wenig seltsam, dass er noch nicht reagiert hatte. Normalerweise bedankt sich seine Mutter sofort per SMS, wenn mein Göttibub Post von mir bekommen hat. Am 29. November hatte ich das Päckli aufgegeben. Ein Adventskalender, Format B2 oder so, Hauptpost St.Gallen, A-Post, für stolze neun Franken. Adresse: Louis Müller, Austrasse 5, 8542 Wiesendangen.* Seither waren sieben Tage verstrichen. War etwas passiert? Wiesendangen ist ja nicht Kuala Lumpur, der Göttibub wohnt im Dorfzentrum, nicht in einer Waldhöhle. Wir machten uns langsam Sorgen.

Ein kurzer Anruf nach Wiesendangen beruhigte uns halbwegs. Der Göttibub war wohlauf. Vom B2-Adventskalender aber keine Spur. Hatte der Pöstler das Päckli beim Morgenkafi in der Beiz liegen gelassen? Hing der Adventskalender nun im Zimmer der Wirtstochter? Oder hatte ich «Wiesbaden» statt «Wiesendangen» geschrieben? Ich rief den Kundendienst an.

«Da können wir nicht helfen. Sie müssen bei Ihrer Poststelle vorbeigehen und die Sachlage schildern.» Also auf zur Hauptpost. Die Frau am Schalter lächelte kurz in ihren Computer. Dann zu mir, mitleidig: «Ihr Göttibub wohnt nicht mehr in Wiesendangen.» Ich, betont freundlich: «Gute Frau, der Bub ist zwei Jahre alt, der zügelt nicht einfach weg.» Die Schalterfrau, gelassen: «Tut mir leid. Ihr Göttibub hat einen Nachsendeauftrag erteilt, aber an seiner angegebenen Adresse in Gerolfingen konnten wir ihn nicht finden.»

Sie schob ein Papier über den Tresen, auf dem sämtliche Stationen des Adventskalenders eingetragen waren. Tatsächlich: Das Päckli war in Gerolfingen – und nicht nur dort. Das Protokoll:
29. November, 8.12 Uhr: Aufgabe in St.Gallen.
29. November, 19.08 Uhr: Paketzentrum Frauenfeld.
30. November, 16.09 Uhr: Erfolgloser Zustellversuch in Wiesendangen.
30. November, 18.43 Uhr: Paketzentrum Frauenfeld.
1. Dezember, 01.40 Uhr: Paketzentrum Daillens.
2. Dezember, 12.49 Uhr: Erfolgloser Zustellversuch in Gerolfingen.
5. Dezember, 08.01 Uhr: Paketzentrum Biel.
6. Dezember, 08.38 Uhr: Paketzentrum Härkingen.

Dieser Adventskalender hat also Orte der Schweiz gesehen, die der Göttibub möglicherweise nie zu Gesicht bekommen wird. «In den nächsten Tagen wird er bei Ihnen eintreffen. Das kostet Sie dann sieben Franken für die Rücksendung», sagte die Schalterfrau. Aha. 16 Franken für ein Päckli, das nie ankam. Leichter Service-Public-Pessimismus macht sich in mir breit.

Am 8. Dezember dann der Anruf der Quartierpost. Das Päckli liege zum Abholen bereit. «Wir wollen es nicht abholen. Wir wollen, dass es nach Wiesendangen geht.» – «Klar, aber dann müssen Sie es richtig adressieren und neu frankieren.» – «Wie bitte?» – «Ja, auf dem Päckli steht: Austrasse 5. Louis Müller wohnt an der Austrasse 5a.»

Am 14. Dezember werden wir erlöSt.Göttibub-Mama meldet per SMS: «Päckli angekommen, vielen Dank!» Am gleichen Tag liegen bei uns neun Franken im Briefkasten, in Briefmarken: Umtriebsentschädigung. Wenn der Göttibub gross ist, fahre ich mit ihm nach Gerolfingen. Ich war ja auch noch nie dort.

* Name und Adresse geändert.