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Oberster Polizeikommandant der Ostschweiz: «Wenn sich Nachbarn streiten, rufen sie heute schneller die Polizei»

Seit Anfang Jahr präsidiert der Kommandant der Kantonspolizei St.Gallen, Bruno Zanga, das Ostschweizer Polizeikonkordat. Obwohl die Deliktzahl insgesamt abnimmt, machen der Polizei vor allem Fälle von häuslicher Gewalt und Cyberkriminalität zu schaffen.
Interview: Janina Gehrig
In seiner Freizeit taucht Bruno Zanga in die Filmwelt ab. Actionfilme und komödiantische Krimis mag er besonders. (Bild: Urs Bucher)

In seiner Freizeit taucht Bruno Zanga in die Filmwelt ab. Actionfilme und komödiantische Krimis mag er besonders. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Interview aus der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Bruno Zanga, welche Ostschweizer Anliegen wollen Sie bei der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten einbringen?

Es ist mein Ziel als Präsident des Ostschweizer Konkordats, die bestehende Zusammenarbeit innerhalb des Konkordats und zwischen den Korps schweizweit zu verbessern. Dafür treffen wir Kommandanten uns regelmässig.

Die Polizeidichte in der Ostschweiz ist gering. Im Kanton Thurgau kommt ein Polizist auf 710 Einwohner. Wollen Sie wie Ihr Vorgänger das Polizeikorps verstärken?

Wir haben tatsächlich eine dünne Polizeidichte. Die muss allerdings über die Kantone und nicht über das Konkordat gelöst werden. Die Kantonspolizei St.Gallen hat das Glück, dass der Kantonsrat 2015 einem Personalausbau von fast 100 Leuten zugestimmt hat. Diese Stellen werden dringend gebraucht.

Die Anzahl der Delikte sinkt aber schweizweit seit fünf Jahren. Zudem werden gerade in den Kantonen des Ostschweizer Konkordats gemessen an der Einwohnerzahl am wenigsten Straftaten verübt.

Das ist so. Nur erfasst die Statistik nicht das ganze Spektrum der polizeilichen Aufgaben. Die häusliche Gewalt etwa beschäftigt uns sehr stark. Wenn Beamte «nur» intervenieren, aber niemanden verzeigen müssen, taucht dies etwa nicht in der Statistik auf. Tatsächlich hat die Deliktzahl abgenommen. In den letzten Jahren waren wir bei der Bekämpfung von Einbrüchen sehr erfolgreich. Wir haben international tätige Banden erwischt, die innerhalb einer Nacht eine Vielzahl von Delikten verübt hatten. Generell sind die Verfahren in den letzten Jahren aber komplexer geworden.

Wie haben sich die Ansprüche an die Polizistinnen und Polizisten in den letzten Jahren verändert?

Die Polizei übernimmt immer mehr Aufgaben. Wenn sich Nachbarn streiten, rufen sie heute schneller die Polizei, statt sich untereinander zu einigen. So etwa auch bei Lärmbelästigung oder wenn es beim Grillieren zu stark raucht. Wir sind Streitschlichter, die permanent zur Verfügung stehen müssen. Deshalb kann man nicht sagen, dass es weniger Polizisten braucht. Der Bürger möchte, dass wir präsent sind im öffentlichen Raum – vor allem ältere Menschen fühlen sich dann sicherer.

Zur Person

Von 1993 bis 2011 arbeitete Bruno Zanga bei der Fremdenpolizei, wie das Migrationsamt damals hiess. Ab 1997 leitete er das Amt. Seit 2011 ist er Kommandant der Kantonspolizei St.Gallen.

Anfang Jahr übernahm er das Präsidium für das Ostschweizer Polizeikonkordat. Er wird damit für drei Jahre oberster Fürsprecher der Ostschweizer Polizeikorps und sitzt im Vorstand der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten der Schweiz. Zanga ist 56 Jahre alt, verheiratet und wohnt in Tübach.

Ist die Gesellschaft heute anonymer?

In der eher ländlichen Ostschweiz redet man zum Glück noch miteinander. Die Situation ist sicher nicht vergleichbar mit Städten wie Zürich oder Bern.

Welches sind die grössten Bedrohungen aus Sicht der Polizei?

Es gibt viele komplexe Dossiers. Generell beschäftigt uns die Cyberproblematik stark. Das ist ein weites Feld. Dort müssen wir das Know-how auch noch aufbauen. Einbrecher sind Handwerker. Jetzt haben wir es mit Delikten zu tun, etwa mit Hackerangriffen, Betrug oder terroristischen Bedrohungen, für die es Cyber-Fachspezialisten braucht.

Der Arboner Djihadist, der für den Islamischen Staat im Irak Bomben gebaut haben soll, hat sich wohl in Rorschach unbemerkt radikalisiert. Ist die Polizei hier machtlos?

Nein. Wir beobachten solche Entwicklungen sorgfältig und haben auch Möglichkeiten.

Die verdeckte Ermittlung?

Ja. Gewaltextremismus gehört grundsätzlich in die Zuständigkeit des Nachrichtendienstes des Bundes. Wir haben innerhalb der Kantonspolizei eine Abteilung, die ebenfalls nachrichtendienstlich tätig ist. Die Mitarbeiter erhalten die meisten Aufträge vom Bund und zum Teil auch von mir. Sie sind im präventiven Bereich tätig und versuchen, sich radikalisierende Personen früh zu erkennen und Schlimmeres zu verhindern. Es ist allerdings eine Illusion, dass man Menschen permanent beobachten kann. Es müssen klare Anhaltspunkte vorhanden sein, um von einer akuten Gefährdung auszugehen und eine lückenlose Überwachung zu rechtfertigen.

Der verurteilte, frühere CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler ging einem verdeckten Ermittler aus dem Kanton Bern in die Falle. Wie stark beschäftigen die Kapo St. Gallen Fälle von Pädokriminalität und Pornografie?

Auch die Kapo St. Gallen hat Polizisten, die für die verdeckte Fahndung und Ermittlung eingesetzt werden. Die verdeckten Massnahmen sind im Kanton St. Gallen gestützt auf das Polizeigesetz seit 2014 möglich. Verdeckte Ermittlungen sind sehr aufwendig und kommen eher seltener und nur gegen schwere Kriminalität zur Anwendung. Sie ist aber gerade bei Pädosexualdelikten ein probates Mittel, um Täter aufzuspüren.

Der Polizeiberuf ist komplexer geworden. Auch Übergriffe gegen Beamte haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Ist der Job noch attraktiv?

Im Moment haben wir noch genügend Interessenten, etwa 150 pro Jahr, wovon in den letzten Jahren jeweils rund 30 als Aspiranten ausgewählt wurden. Der Beruf ist vielseitig. Der Fachkräftemangel wird jedoch auch für die Polizei zu einem Problem werden. Unsere Mitarbeiter haben bereits eine erste Ausbildung absolviert, wenn sie sich für die Polizeischule bewerben. Diese Leute werden aber auch im Arbeitsmarkt gesucht. Was die Übergriffe betrifft, müssen auch wir feststellen, dass der Respekt gegenüber Polizisten abgenommen hat. In der Ostschweiz ist man ihnen aber noch näher als in den grossen urbanen Zentren.

Dort möchte man Polizisten mit Bodycams vor Angriffen schützen.

Ich glaube nicht, dass wir im Kanton St. Gallen bereits in einer Gesellschaft leben, in der man Bodycams braucht, um solche Angriffe zu verhindern. Eine Mehrheit unserer Mitarbeiter würde heute bestimmt keine Bodycams wollen. Übergriffe gehen bei uns heute fast immer von Betrunkenen oder Personen aus, die unter Drogeneinfluss stehen. Da nützen Bodycams wenig.

Honoriert die Polizei Personen, die ihr helfen?

Ja, an Leute mit besonderer Zivilcourage verschicken wir hie und da Polizei-Biber oder Dankeskarten.

Bezahlen Sie Informanten aus dem Milieu?

Wir kaufen keine Informationen. Auslagen der Mitarbeiter für einen gemeinsamen Kaffee etwa vergüten wir aber.

Als oberster Polizeikommandant der Ostschweiz kommt Ihnen eine besondere Vorbildrolle zu. Gehen Sie jetzt nie mehr bei Rot über die Strasse?

Das habe ich auch vorher nicht getan, weil ich an den Sinn und Zweck von Vorschriften glaube. Ich bin mir der Vorbildfunktion bewusst, sehe mich aber nicht als oberster Polizist. Ich bin jetzt einfach Primus inter Pares, der dieses Amt für drei Jahre übernimmt. Nach wie vor steht das eigene Korps im Vordergrund und grösstenteils wird mich die Aufgabe als Polizeikommandant von St. Gallen beschäftigen.

Sie werden ständig mit Gewalt konfrontiert. Können Sie in der Freizeit abschalten oder schauen Sie auch da Krimifilme?

Ja, tatsächlich. Ich liebe Filme, habe ein Heimkino. Das ist für mich eine Oase. Ich tauche in eine andere Welt ab, die vor allem unterhaltend statt schwermütig sein soll. Ich mag etwa den Tatort aus Münster mit Rechtsmediziner Boerne und Kommissar Thiel. Auch Actionfilme und gute Musik mag ich. Ich sage jeweils: Hirn raus, Scheibe rein.

Was ist das Ostschweizer Polizeikonkordat?

Die Polizeikorps fast aller Städte und Kantone sind in Konkordaten organisiert. Ziel ist es, die polizeiliche Zusammenarbeit und die gegenseitige Hilfe zu fördern, etwa bei Grossanlässen, Unglücksfällen und Katastrophen oder bei der Verfolgung von Verbrechen.

Auch haben die Konkordate zum Ziel, die Effizienz der Polizeikorps zu steigern und ihre Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Dem Ostschweizer Polizeikonkordat Ostpol gehören die Kantone Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden, Glarus, Graubünden, St.Gallen, Thurgau, Schaffhausen und als assoziierte Mitglieder die Stadtpolizeien St.Gallen und Chur sowie die Landespolizei des Fürstentums Liechtenstein an.

Alle drei Jahre übernimmt ein anderer Kanton das Präsidium. Seit Anfang Jahr wird das Konkordat von Bruno Zanga präsidiert. Er hat das Amt von Reto Cavelti (AR) übernommen. Rund 2000 Polizistinnen und Polizisten zählen zum Konkordat. Daneben gibt es das Konkordat der West-, Nordwest- und der Zentralschweiz.

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