Oberin tot, letzter Neueintritt über 50 Jahre her: Die Klostergemeinschaft Wonnenstein in Teufen steht vor der Auflösung

Nach dem Tod der Oberin ist die Zukunft des Klosters in Teufen ungewiss. Gerettet sind jedenfalls die Gebäude. Und ein Verein hofft, dass eine neue Gemeinschaft gefunden werden kann.

Marcel Elsener
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Das Kapuzinerinnenkloster Wonnenstein in Niederteufen.

Das Kapuzinerinnenkloster Wonnenstein in Niederteufen.

Bild: Hanspeter Schiess (29. Januar 2020)

Holunder, Melisse, Silbermänteli, Benediktendistel und vor allem Eisenzucker: Das sind die Ingredienzen der Wonnensteiner Kraftessenz. Es gehört seit über 80 Jahren zu den anerkannten Heilmitteln der Schweiz und wird mit beachtlichem Erfolg verkauft. Die Frühjahrskur aus der Klosterapotheke hat das Frauenkloster selber nötiger denn je: Nachdem am Dienstag die 90-jährige Oberin Gabriela Hug nach einem Krebsleiden verstorben ist, sind die Tage der verschworenen kleinen Gemeinschaft gezählt – die zwei verbleibenden Kapuzinerinnen Ancilla Schmuki und Scolastica Schwizer sind beide fast im ähnlichen Alter, der letzte Neueintritt ist über 50 Jahre her. Im vergangenen November hatten sie mit Wehmut ihren 15. und letzten Adventsmarkt veranstaltet.

Das Bistum beschäftigt sich schon seit längerem mit der absehbaren Auflösung der Wonnenstein-Gemeinschaft, wie Claudius Luterbacher sagt. Der bischöfliche Kanzler ist für die Klöster zuständig; am Dienstag musste er das Jahrestreffen der Ordensleute aufgrund des Todesfalls frühzeitig Richtung Niederteufen verlassen.

Claudius Luterbacher.

Claudius Luterbacher.

Bild: pd

HSG-Studentenverbindung garantiert Erhalt

Das über 800 Jahre alte Kloster Wonnenstein ist – wie das ebenfalls von Kapuzerinnen bewohnte Grimmenstein in Walzenhausen – ein politgeografischer Spezialfall, der auf die Reformation zurückgeht: Sein Innenraum zählt zum Kanton Innerrhoden, der Aussenraum jedoch zu Ausserrhoden. Und sein Erhalt ist ebenfalls ausserordentlich: 2013 hat ein Verein aus Mitgliedern der Altherrenschaft der St.Galler Studentenverbindung Bodania die Klosterverwaltung übernommen und damit den Schwestern ermöglicht, bis heute im Kloster zu bleiben. Zudem hat er die Renovation der Gebäude an die Hand genommen. Luterbacher:

«Eine einzigartige Lösung und ein Glücksfall.»

Der Grund für das Engagement des 130 Mitglieder starken Vereins ist eine traditionelle Verbindung: Seit 1947 macht die Bodania jährlich eine Advents-Wallfahrt ins Kloster. Jüngst hat die Studentenverbindung dort eine letzte Ruhestätte für ihre oft im Ausland tätigen Manager und Unternehmer erstellt, ab dem nächsten Jahr wird die Kirche renoviert. Der Vorstand ist zuversichtlich, dass in naher Zeit eine neue Gemeinschaft in die renovierten Räume einziehen wird. Dabei soll sich der Klosterbetrieb wie in den Jahrhunderten zuvor weiterhin selber finanzieren. Aufgrund des spärlichen Nachwuchses ist der Erhalt eines Klosters nicht selbstverständlich.

Viele Ideen für das Kloster St.Scholastika in Tübach

Jedoch sind aufgegebene Klöster begehrte Orte für neue Projekte, wie das Beispiel Wattwil zeigt: 70 Ideen wurden dort eingereicht, das Bistum entschied sich für ein Projekt, das den Schwestern am Herzen lag – eine Lebensgemeinschaft für ehemalige Drogen- und Alkoholabhängige. Nun wird eine Lösung für das nurmehr von einem Verwalter bewohnte Kloster St.Scholastika in Tübach gesucht. Das Frauenkloster war im April 2019 nach 400 Jahren Gemeinschaft geschlossen worden; die sechs Schwestern zogen ins Notkersegg, die jüngste war 75 Jahre alt.

Die 1905 eingeweihte Klosteranlage in Tübach.

Die 1905 eingeweihte Klosteranlage in Tübach.

Bild: pd

An die zuständige Gruppe, der unter anderem alt Regierungsrat und Klosterberater Peter Schönenberger angehört, seien bereits viele Ideen herangetragen worden, sagt Luterbacher, doch sei noch kein Projekt spruchreif. «Priorität hat eine kirchliche oder kirchennahe Nutzung, die dem sozialen Auftrag der Kapuzinerinnen entspricht.» Die jüngste Meldung zum prächtig über dem Bodensee gelegenen Kloster betraf die Umgebung: Die Pappeln müssten nach einem Sturmschaden diesen Februar gefällt werden, teilte die Gemeinde mit.

«Leuchttürme der Seelsorge» für alle

Die vielen Klostergemeinschaften im Bistum St. Gallen leisten vielfältige gute Dienste an der Gesellschaft. Als «Leuchttürme der Seelsorge», wie sie Bischof Markus Büchel bezeichnet, dienen sie allen Bedürftigen als Anlaufstelle. Das gilt speziell auch für Flüchtlinge: Nach der letzten Migrationswelle fanden beispielsweise 26 syrische Flüchtlinge Aufnahme bei den Dominikanerinnen in Wil. Auch werden ehemals klösterliche Gebäude wie die Marienburg in Rheineck (Steyler-Missionare) oder das frühere Kapuzinerkloster Mariä Lichtmess in Appenzell als Zentren für Asylsuchende benützt.

Viele Klöster zeigten sich laut Bistumskanzler Claudius Luterbacher bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. «Der Wille war gross.» Oft scheiterte das Ansinnen aber an den historischen Gebäuden und mangelnden Einrichtungen namentlich im Brandschutz. Da und dort seien aber kurzfristige Beherbergungen möglich. Die Aufnahme von Menschen in der Not setze eine funktionierende Klostergemeinschaft voraus, sagt Luterbacher.

Ein viel genutztes Angebot der Klöster sind die Gebete für kranke Angehörige, psychisch Bedürftige oder Personen mit Alltagssorgen wie Stellensuche. Fast alle Klöster haben Tafeln für solche Anliegen notiert; die Schwestern oder Brüder nehmen diese dann in ihre mehrmals täglichen Gebete auf. Im Vorteil für etwaigen Nachwuchs sind Klöster mit sichtbarer Aussenwirkung wie jene in Jakobsbad oder Wurmsbach, die mit Apotheke oder Internat «frisch unterwegs» sind. Und breitenwirksam sind Zimmer im «Kloster auf Zeit», wie es etwa in Rapperswil der Fall ist. (mel)

Aus nach 403 Jahren: Das Kloster St.Scholastika in Tübach schliesst

Die Kapuzinerinnen des Klosters St.Scholastika in Tübach fühlen sich nicht mehr in der Lage, das Kloster weiter zu führen. Die sechs Schwestern übersiedeln deshalb nach St.Gallen ins Kloster Notkersegg. Was mit der denkmalgeschützten Anlage in Tübach passiert, ist noch offen.
Roger Berhalter