OBERHELFENSCHWIL: Die Sonnenplätze sind vergeben

Die Einwohnerzahl von Oberhelfenschwil nimmt seit Jahren ab. Die Gemeinde im Toggenburg hat eine der höchsten Wegzügerquoten im Kanton St.Gallen. Ein Besuch bei denen, die geblieben sind.

Katharina Brenner
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Die Gemeinde Oberhelfenschwil liegt im Toggenburg zwischen Neckertal und Thurtal. (Bild: Ralph Ribi)

Die Gemeinde Oberhelfenschwil liegt im Toggenburg zwischen Neckertal und Thurtal. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Dorf, an Hügeln gebaut, umrahmt vom Säntis und den Churfirsten, schneebedeckt. Im Hintergrund dreht sich lautlos die Windanlage. Was macht man hier, in Oberhelfenschwil, als junger Mensch? «Es gibt immer was zu tun, langweilig wird’s nicht», sagt Anita Looser, 21 Jahre alt. Es ist später Vormittag, sie sitzt auf einer Bank auf dem Freudenberg, oberhalb des Dorfzentrums. Von ihrem Elternhaus führt ein Weg hierher zu ihrem Lieblingsplatz. Einmal die Woche sei sie hier, mehr Zeit habe sie im Moment nicht. Anita Looser macht eine Ausbildung zur Pflegefachfrau in Uznach, hilft auf dem Hof ihrer Eltern mit und ist im Vorstand der Landjugend
Neckertal. Wanderungen, Führungen, Unterhaltungen und eine Fahrt zur Expo nach Mailand hat sie für die Mitglieder schon organisiert. Alle paar Wochen gehen sie gemeinsam ins Kino in Wattwil. In St.Gallen sei sie sehr selten, sagt Looser. Hier im Dorf habe es alles, was man brauche: einen Bäcker, einen Metzger, die Post im Volg.

Was sie aber bräuchten und nicht hätten: neue Mitglieder bei der Landjugend. Rund 50 sind es im Moment, sie kommen aus verschiedenen Gemeinden in der Region. Auf Zuzüger kann der Vorstand kaum setzen: Nur wenige Personen sind in den vergangenen Jahren nach Oberhelfenschwil gezogen, dafür haben umso mehr das Dorf verlassen. Die Gemeinde hat eine der höchsten Wegzügerquoten im Kanton. Und sie ist eine der wenigen, die schrumpft. Geburten und Todesfälle eingerechnet, nimmt die Bevölkerung in der Tendenz seit 15 Jahren ab. Seit 2010 sinkt sie jedes Jahr. Im Jahr 2000 lebten 1456 Personen hier, 2016 waren es noch 1272. Sogar Mitte des 19. Jahrhunderts zählte das Dorf mehr Einwohner als heute.

Ist Oberhelfenschwil eine sterbende Gemeinde? «Nein, das kann man nicht sagen», sagt Anita Looser. Und mit einem verneinenden Lacher, als wäre diese Frage völlig abwegig, antwortet Gemeindepräsident Toni Hässig bestimmt: «Nein, bei Weitem nicht.» Wer Oberhelfenschwil als sterbend bezeichne, tue den Bewohnern unrecht. Das Vereinsleben sei sehr aktiv, die Infrastruktur sehr gut. Der Grund für die rückläufige Bevölkerungszahl sei auf dem Wohnungsmarkt zu suchen. «Wir haben praktisch keine Mietwohnungen», sagt Hässig. Wenn junge Leute von daheim ausziehen wollten, würden sie in Oberhelfenschwil keine Wohnung finden. Anita Looser kennt das: Sie hat eine Wohnung im Dorf gesucht, aber keine gefunden. Weggezogen ist sie deshalb aber nicht und stattdessen im Haus der Eltern geblieben.

Verdichtung und mehr Mietwohnungen sind das Ziel

Nicht nur Wohnungen fehlen in Oberhelfenschwil, sondern auch Bauplätze. Viele lägen in privater Hand, sagt Hässig, manche davon an unattraktiver Lage, im Schatten. «Und da will niemand hin.» In den 1980ern und 1990ern wurde viel gebaut – am beliebten Südhang. Wie Sonnenblumen strecken die Häuser in Oberhelfenschwil ihre Terrassen und Balkone der Sonne entgegen. Weil die Bevölkerung in den vergangenen 15 Jahren abgenommen habe, könne die Gemeinde ihr Siedlungsgebiet nicht mehr erweitern, sagt Hässig. Das gebe der kantonale Richtplan vor. «Wir arbeiten daran, dass einerseits mehr Mietwohnungen zur Verfügung stehen und andererseits verdichtet wird.» Konkreter wird Hässig nicht, nennt dafür aber
einen weiteren Grund für den Bevölkerungsrückgang: weniger Grossfamilien.

Ihm sei ausserdem aufgefallen, dass oft Familien aus Deutschland zuzögen, die auf dem Land wohnen wollen. «Die Ruhe bei uns ist manchen dann wohl des Guten zu viel, und sie ziehen nach kurzer Zeit wieder weg, vorwiegend in städtische Gebiete», sagt Hässig. Abgeschiedenheit ist Teil dieser Toggenburger Idylle. Ohne Auto kommt man hier nur langsam voran. Die nächsten Bahnhöfe sind in Brunnadern und Dietfurt. Das Postauto braucht zwar nur rund zehn Minuten dorthin, fährt aber nur etwa im Stundentakt.

Ob viele deutsche Familien zuziehen, weiss Renate Klein nicht. Sie selbst ist vor vielen Jahren aus Deutschland zugezogen und leitet die Pflege- und Kureinrichtung Dorfplatz an der Dorfstrasse. Mittlerweile hat sie nicht nur die Mundart, sondern auch die Schweizer Staatsangehörigkeit angenommen. Seit ihre Tochter gross ist, lebt sie nicht mehr im Dorf, arbeitet aber hier. Dieses Stück heile Welt, Kinder, die barfuss zur
Schule gehen, sei ideal gewesen, als ihre Tochter hier aufgewachsen ist, sagt Renate Klein im Restaurant Dorfplatz, das zur Einrichtung dazugehört. Die Dorfstrasse, an der das Haus liegt, führt hinauf zum Zentrum, und die Strasse ist das Zentrum: der Volg, die Metzgerei, die Gemeindeverwaltung, die Bank und die Kirche liegen hier. An einer Fassade steht «Bergfrieden». Tulpen, Primeln und Bellis blühen in den Vorgärten. Im Fenster eines Malerbedarfs steht ein kleiner Holzstall mit Fachwerk zum Verkauf.

Der Gong vom Schulhaus ist bis hierher zu hören, kurz darauf Kindergeschrei. Die Schule liegt am Freudenberg. Es ist Mittagszeit. Eine Gruppe von Mädchen und Buben kommt die Dorfstrasse herab, acht, neun Jahre alt. Ein Mädchen schiebt einen Leiterwagen, darin liegt ein Bub, die Arme lässig über die Seiten baumelnd.

Weiter oben auf dem Freudenberg steht Anita Looser von ihrer Bank auf und geht den Weg zurück zu ihrem Elternhaus. Kann sie sich vorstellen, wegzuziehen? «Wenn ich woanders einen Job bekomme, dann schon», sagt sie. Aber genauso gut könnte sie sich vorstellen, hier zu bleiben, in Oberhelfenschwil.