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OBEREGG: Die Sennen-Coiffeuse im Alpstein

Giulia Kurer aus Oberegg schneidet Sennen im Alpstein gratis die Haare. Ihr Begleiter ist das Train-Maultier Tintin. Die 21-Jährige lernte eigens für ihre Tour den Umgang mit Mulis.
Daniela Ebinger
Giulia Kurer und Maultier Tintin auf der Route beim Seealpsee.

Giulia Kurer und Maultier Tintin auf der Route beim Seealpsee.

Daniela Ebinger

ostschweiz@tagblatt.ch

Die schwarzen Wolken hängen im Alpstein fest, und immer wieder regnet es. Doch davon lässt sich Giulia Kurer nicht beirren. Wie geplant startet die junge Coiffeuse ihre Tour im Alpstein. Im Gepäck hat sie Werkzeug, um den Sennen die Haare zu schneiden. Die Utensilien sind feinsäuberlich in eine der drei selbst gemachten Holzkisten verpackt. Nein, diese trägt sie nicht selbst auf dem Rücken. Das übernimmt Tintin. Das grosse, vollbepackte Maultier läuft friedlich neben der 21-Jährigen über die unebenen, steinigen Wege mit. Plötzlich bleibt es stehen und bewegt sich keinen Schritt vorwärts oder rückwärts. Giulias Vater Markus Kurer hilft von hinten mit einem liebevollen Klaps, um das Tier wieder in Bewegung zu bringen. In solchen Situationen drückt bei Tintin wohl die väterliche Abstammung vom Esel durch. «Ein Maultier stammt mütterlicherseits von einem Pferd und väterlicherseits von einem Eselhengst ab», sagt die junge Frau aus Oberegg. Das weiss sie noch nicht so lange. Erst vor kurzem hat sie den Umgang mit dem Muli gelernt. Dies extra für ihre Haarschneidaktion im Alpstein. Die Idee dazu hatte Giulias Vater vor einigen Jahren während ihrer Lehrzeit als Coiffeuse. «Doch damals fand sie es eine peinliche Grufti-Idee», sagt Markus Kurer, der seine Tochter auf der zehntägigen Tour ein Stück begleitet.

Plötzlich war die Idee interessant

«Der Alpstein ist für mich eine pure Energiequelle», sagt Giulia Kurer. Ihr Umdenken löste der Bruder einer Kollegin aus. «Er verbrachte den Sommer als Senn auf der Alp und sah bei seiner Rückkehr aus wie der Alpöhi persönlich», erzählt Giulia Kurer und erinnert sich, wie sie die Idee ihres Vaters plötzlich nicht mehr peinlich, sondern interessant fand.

Ein Kollege, der beim Train Militärdienst leistet, war ihr bei der Auswahl der Route und der Organisation behilflich. «Er brachte mir vieles im Umgang mit dem Muli bei und vermittelte mir Tintin», sagt Kurer. Beim Besitzerehepaar Philipp und Daniela Schmid aus Zezikon erhielt sie ebenfalls einige Lektionen. Schmids stellen ihre fünf Maultiere hauptsächlich dem Militär zur Verfügung. Für private Zwecke können die Tiere ebenfalls ausgeliehen werden. Dafür wird ein tiergerechter Umgang von den Besitzern vorausgesetzt. Der Hufschmied und Pferdezüchter und die pädagogische Reitlehrerin geben ihr Fachwissen rund ums Tier weiter und fanden die Idee der Alpstein-Tour toll. «Ich habe viel von ihnen gelernt und fühle mich im Umgang mit Tintin sicher», sagt Giulia Kurer.

Im Bergrestaurant Seealpsee wärmen sich Tochter und Vater nach dem Abstieg vom Messmer auf und stärken sich für die nächste Etappe. Zugleich schneidet Giulia Kurer hier dem Senn Albert Streule die Haare. «Normalerweise gehe ich erst kurz vor der Alpabfahrt zum Coiffeur – jetzt ist das schon erledigt. Ich habe gern bei der jungen Frau hingehalten», sagt dieser mit einem Lächeln. Von der «Alpcoiffeuse» erfuhr er via Mund-zu- Mund-Propaganda von anderen Sennen.

Über 20 Kunden im Gebirge

Die Alpstein-Route führte Giulia Kurer von Wasserauen via Alp Hütten, Gasthaus Forelle, Messmer und Restaurant Seealpsee wieder zurück nach Wasserauen. Blasen an den Füssen zwangen sie zu einer Pause. «Das nasse Wetter in der ersten Woche lief mir regelrecht in die Schuhe und hinterliess seine Spuren», sagt sie. Dennoch nahm sie die Abschlussroute in Richtung Äscher in Angriff. «Ich kam einige Mal an meine Grenzen, und es war streng.» Damit meint sie nicht das Wandern an sich, sondern das nicht alltägliche Laufen mit dem Maultier.

In den zehn Tagen liessen sich über 20 Sennen, Käser und Gasthausbetreiber sowie ihre Angestellten die Haare von Giulia Kurer schneiden. Sie beschreibt die verschiedenen Begegnungen als sehr freundlich und unkompliziert. «Bei den meisten Sennen ist man willkommen, wird mit viel Herzlichkeit empfangen und erhält für den Gratishaarschnitt etwas zu essen, zu trinken oder sogar ein Dach über dem Kopf», sagt sie. Nur wenige liessen sich nicht überzeugen, ihre Haare vor der Alpabfahrt stutzen zu lassen. Dies steht für Giulia Kurer aber auch nicht im Vordergrund. Sie wolle lediglich ihre Dienstleistung kostenlos anbieten. Die Begegnungen, das Wandern und die vielen Erlebnisse seien ihr viel mehr wert.

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