«Nur Schläge und nochmals Schläge»

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Zwangsversorgt Nur schon der Traum, Musiker zu werden, konnte zum Verhängnis werden: Der Rapperswiler Thomas A. trommelte Anfang der 1960er-Jahre in einer Jazzband. Für die Behörden Zeichen genug, dass es sich bei dem 19-Jährigen um einen Arbeitsscheuen mit liederlichem Lebenswandel handelte. So versorgten sie ihn vorläufig in der Thurgauer Arbeitserziehungs­anstalt Kalchrain, wie der Bericht über die Zwangsversorgungen im Kanton St. Gallen beschreibt. Bis in die frühen 1980er-Jahre wurden Menschen in Arbeitserziehungsanstalten, psychiatrische Kliniken und Heime gebracht, weil sie aus Sicht der Behörden einem liederlichen oder unsittlichen Lebenswandel nachgingen. Kinder traf es oft nur, weil die Eltern arm, geschieden oder nicht verheiratet waren. Manche wurden Verdingkinder auf Bauernhöfen. Ob auf Höfen oder im Heim, oft erlebten diese Kinder schweren Missbrauch.

Die Wiedergutmachungs-Initiative, aus welcher der Solidaritätsbeitrag hervorging, aber auch die Aufarbeitung vieler Fälle hat in den letzten Jahren Licht auf dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte geworfen.

Auch Ostschweizer Heime und Institutionen wurden dabei an eine unrühmliche Vergangenheit erinnert. Erst 2014, nach heftigem öffentlichem Druck, entschuldigte sich die Leitung des Klosters Fischingen bei den ehemaligen Insassen des Kinderheimes St. Iddazell. Nicht nur deren Erinnerungen, auch ein Bericht der Beratungsstelle für Landesgeschichte beschreibt einen lieblosen Heimalltag, in dem auch sexueller Missbrauch und Gewalt vorkamen. In den 1960er- und 1970er-Jahren fuhr regelmässig ein Kleinbus nach Münsterlingen. In der dortigen psychiatrischen Klinik wurden die Jugendlichen untersucht und manchmal behandelt. Dabei testete die Klinik, insbesondere ihr damaliger Leiter Roland Kuhn, Medikamente an einigen der Kinder.

Solche Verhältnisse herrschten nicht nur im Thurgau. «Ich habe nur Schläge und nochmals Schläge bekommen, sonst nichts, keine Liebe, kein Anlehnen, gar nichts», sagte eine einstige Bewohnerin über das Appenzeller Kinderheim Steig. Erst letztes Jahr bat die Innerrhoder Regierung die Opfer um Entschuldigung. Und im Kanton St. Gallen erlangte die heutige Strafanstalt Bitzi traurige Berühmtheit. Sie war 1971 als «Toggenburgische Zwangsarbeitsanstalt» gegründet worden. Kritik an der Behandlung der Insassen wurde aber schon bald laut – jahrzehntelang änderte sich aber kaum ­etwas. (ken)