Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Video

St.Galler Regierung will nur noch vier statt neun Spitäler +++ Abbau von bis zu 70 Stellen und 330 Betten geplant +++ Spitalchef im Interview: «Man kann nicht von Misswirtschaft reden»

Die Regierung des Kantons St.Gallen will langfristig die medizinische Qualität und die wirtschaftliche Basis der St.Galler Spitalverbunde sichern. Sie schlägt vor, das stationäre Angebot an den vier Mehrspartenspitälern Grabs, Uznach, Wil und St.Gallen zu konzentrieren. Gleichzeitig soll die Bevölkerung in Altstätten, Wattwil, Flawil, Rorschach und Walenstadt auch in Zukunft an sieben Tagen die Woche während 24 Stunden ein Notfallzentrum aufsuchen können.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Spitalstrategie des Kanton St.Gallen wurde mit Spannung erwartet.
  • Die Regierung entscheidet sich für Strategie «4plus5»: Der Bevölkerung sollen vier Spitalstandorte sowie fünf Notfallzentren zur Verfügung stehen.
  • Um 10 Uhr nimmt die Regierung an einer Medienkonferenz Stellung zu ihren Vorstellungen.
  • Verkauf Spital Flawil vom Tisch.

Die Zitate aus der Medienkonferenz:

  • Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann: «Uns ist es wichtig, dass die gesamte Bevölkerung des Kantons innerhalb von 30 Minuten ein Spital erreichen kann. Das ist weiter gewährleistet.»
  • Finanzdirektor Benedikt Würth: «Dann wird es richtig teuer» auf die Frage, was geschieht, wenn die Strukturanpassung nur unvollständig erfolgt.
  • Baudirektor Marc Mächler: «Die Regierung anerkennt, dass die Notfallversorgung in den Regionen ein grosses Anliegen ist.
  • Felix Sennhauser, Verwaltungsratspräsident der St.Galler Spitalverbunde: «Die vorgeschlagene Strategie ist der einzige richtige Weg. Wir unterstützen sie einstimmig.»

Für alle App-User: Klicken Sie auf «Dieses Element anzeigen», um zum Liveticker zu gelangen.

Regierung entscheidet sich für Strategie «4plus5»

(tn/lex) Die Regierung des Kantons St.Gallen hat den Vorschlag des Lenkungsausschusses beraten. Damit die Bevölkerung auch in Zukunft eine gesicherte Gesundheitsversorgung zur Verfügung hat, schlägt die Regierung dem Kantonsrat eine Strukturanpassung vor. Die von der Regierung verabschiedete Strategie ‹4plus5› fusst auf der Basis des abgestuften Versorgungsmodells:

  • Die Versorgung durch die Rettungsdienste bleibt unverändert: Die Einsatzkräfte müssen in 90 Prozent der Fälle innert 15 Minuten bei der Patientin oder dem Patienten eintreffen.
  • Die Zentrumsversorgung mit spezialisierten und hochspezialisierten Leistungen wird unverändert durch das Kantonsspital sichergestellt.

Die stationäre Grundversorgung wird neu an vier Spitalstandorten konzentriert. Diese sind für die Einwohnerinnen und Einwohner in der Regel innerhalb von 30 Minuten Fahrzeit selbständig erreichbar. Die Spitalstandorte sind:

  • Kantonsspital St.Gallen, Zentrumsspital
  • Spital Grabs, Mehrspartenspital (Grundversorgung)
  • Spital Wil, Mehrspartenspital (Grundversorgung)
  • Spital Uznach, Mehrspartenspital (Grundversorgung)

An diesen Standorten will die Regierung das stationäre Angebot konzentrieren und ausbauen. Die wohnortnahe Versorgung wird neu durch fünf regionale Gesundheits- und Notfallzentren ergänzt. Mit diesen ist gemäss Regierung gewährleistet, dass die Einwohnerinnen und Einwohner im Notfall in der Regel eine Anlaufstelle innerhalb von 20 Minuten Fahrzeit selbständig erreichen können. Die regionalen Gesundheits- und Notfallzentren (GNZ) sind:

  • Gesundheits- und Notfallzentrum Wattwil
  • Gesundheits- und Notfallzentrum Altstätten
  • Gesundheits- und Notfallzentrum Walenstadt
  • Gesundheits- und Notfallzentrum Flawil
  • Gesundheits- und Notfallzentrum Rorschach

Leistungen der Gesundheits- und Notfallzentren

Die Regierung verpflichtet mit der Strategie «4plus5» die Spitalverbunde dazu, an den fünf regionalen Gesundheits- und Notfallzentren einen Notfallbetrieb und ein kleines stationäres Bettenangebot sicherzustellen. «Wir erkennen im wohnortnahen, durchgehenden Notfallbetrieb und der Möglichkeit zur überwachten Übernachtung einen Service Public, den wir mit höheren Beiträgen an die Spitalverbunde finanzieren wollen.» Die jährlichen Kosten hierfür belaufen sich auf rund 6,25 Millionen Franken.

Das Angebot der Gesundheits- und Notfallzentren umfasst:

  • Notfallbetrieb an sieben Tagen während 24 Stunden
  • Stationäre Kurzaufenthalte dank kleinem Bettenangebot
  • Ambulante Grund- und Spezialversorgung

Stellenabbau über «natürliche Fluktuation»

Das Personal der fünf betroffenen Spitalstandorte soll laut der Mitteilung mehrheitlich Stellenangebote an den vier zukünftigen Spitalstandorten oder den Gesundheits- und Notfallzentren erhalten. Der Grossteil der Mitarbeitenden könne somit im Spitalverbund verbleiben, heisst es im Communiqué.

Der Bevölkerung sollen weiterhin vier starke Spitalstandort und fünf regionale Gesundsheits- und Notfallzentren zur Verfügung stehen. (Bild: Michel Canonica)

Der Bevölkerung sollen weiterhin vier starke Spitalstandort und fünf regionale Gesundsheits- und Notfallzentren zur Verfügung stehen. (Bild: Michel Canonica)

Die vier Spitalverbunde benötigen jedoch am Ende der Umsetzungsphase im Jahr 2028 gemäss den Prognosen leicht weniger Personal als heute. «Konkret sind bis ins Jahr 2028 zwischen 60 und 70 Stellen betroffen», schreibt der Kanton in der Mitteilung. Diesen Stellenabbau wollen die Spitalverbunde möglichst über natürliche Fluktuationen vollziehen. Die Mitarbeitenden würden bei Neuorientierungen in- oder ausserhalb der Spitalverbunde durch die HR-Organisationen der Spitalverbunde eng begleitet.

Umsetzungphase 2022-2028

Jahr 2022

Verschiebung der stationären Angebote aus den Standorten Rorschach und Flawil (vorgängig Verlagerung der operativen Tätigkeiten nach St.Gallen beziehungsweise Wil und Aufbau der regionalen Gesundheits- und Notfallzentren in Rorschach und Flawil)

Jahr 2024

Verschiebung stationäres Angebot aus Wattwil (Verlagerung operative Tätigkeiten per Ende 2019 nach Wil; Aufbau des Gesundheits- und Notfallzentrums in Wattwil vor 2024)

Jahr 2027

Verschiebung der stationären Angebote aus Altstätten und Walenstadt nach Grabs beziehungsweise St.Gallen und Uznach (vorgängigVerlagerung der Geburtshilfe aus Walenstadt und gestaffelte Verlagerung der operativen Tätigkeiten nach Grabs, Aufbau der regionalen Gesundheits- und Notfallzentren in Altstätten und Walenstadt)

Jahr 2028

Transformation ist abgeschlossen.


Regierung rechnet mit einem Verlust von 330 Betten

Die Regierung rechnet damit, dass aufgrund der neuen Patientenströme der Spitalstandort Grabs um etwa 64 und der Spitalstandort Wil um etwa 20 Betten vergrössert werden müssen. Diese Ausbauten würden durch die Spitalverbunde realisiert. Insgesamt reduziere sich die Bettenzahl aller vier Spitalverbunde gegenüber dem aktuellen Stand um 330 Betten.

Laut Regierung ist es das wirtschaftliche Ziel, den Spitalunternehmen eine Ebitda-Marge von 10 Prozent zu ermöglichen. Würden die die Spitäler eine solche Marge erwirtschaften, könnten sie «ihre Entwicklung selbständig gestalten (beispielsweise die bauliche und medizinischtechnische Infrastruktur finanzieren) und damit im Markt bestehen.» Gleichzeitig könne sie genügend Eigenkapital erwirtschaften, damit sie nicht vom Kanton als Geldgeber abhängig sind.

In Altstätten ist man skeptisch:

Umfrage: Was halten Sie von der neuen Spitalstrategie?

Hinweis für unsere App-Nutzer: Klicken Sie auf «Dieses Element anzeigen», um zur Umfrage zu gelangen.

Die Vorgeschichte

Weil sich das Umfeld der Spitäler in der Schweiz in den vergangenen Jahren auch aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts und regulatorischer Anpassungen stark verändert hat, schlägt die St.Galler Regierung die Weiterentwicklung der Spitalstrategie vor. Wie der Kanton in der Mitteilung vom Mittwoch schreibt, steigen dank des medizinischen Fortschritts der vergangenen Jahre die Heilungschancen der Patientinnen und Patienten.

«Dieser führt auch zu einer zunehmenden Spezialisierung der Ärztinnen und Ärzte.»

Exemplarisch zeige sich dies bei der älteren Bevölkerung: Die Menschen werden immer älter und leiden zunehmend an chronischen und mehrfachen Erkrankungen. «Sie müssen daher von unterschiedlichen Spezialistinnen und Spezialisten behandelt werden. Ein Spital muss deshalb für jede medizinische Leistung gut ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten bereithalten.»

An kleinen Spitälern ist die Behandlungsqualität gemäss Kanton schwieriger, weil diese eine geringere Anzahl Behandlungen, sogenannten Fallzahlen, aufweisen. «Kleine Spitäler haben deshalb oft mehr Mühe als grössere Spitäler, Fachkräfte zu finden. Gleichzeitig können sie ihr Personal und die Infrastruktur nur unzureichend auslasten.»

Existenzielle Herausforderungen für Spitalunternehmen

Auch dank des medizinischen Fortschritts können Patientinnen und Patienten bei vielen Eingriffen am selben Tag wieder nach Hause zurückkehren, heisst es weiter im Communiqué. Diese ambulanten 2/11 Behandlungsmethoden seien günstiger als stationäre, was sich positiv auf die Finanzierung des Gesundheitssystems auswirke. Der Bundesrat erlaube daher seit diesem Jahr bei sechs Eingriffen grundsätzlich nur noch ambulante Behandlungen.

«Diese Entwicklung wirkt sich doppelt auf die Spitäler aus. Sie erzielen mit ambulanten Eingriffen weniger Einnahmen und sie benötigen auf lange Sicht bei weniger Übernachtungen auch weniger Betten und Personal.»

Zudem seien die ambulanten Tarife nicht kostendeckend. Im Kanton St.Gallen gilt schweizweit gar der zweittiefste Tarmed-Taxpunktwert.

Den Spitälern fehle damit das Geld, um ihre Gebäude, ihr Mobiliar und ihre medizintechnischen Apparaturen regelmässig zu erneuern. Das Eigenkapital sinkt und die Schulden steigen. Verschiedene Kantone mussten deshalb schon Spitäler finanziell stützen. So auch der Kanton St.Gallen, der kürzlich einen Überbrückungskredit für die Spitalregion Fürstenland Toggenburg bewilligte.

Die St.Galler Regierung ist die Weiterentwicklung der Strategie der St.Galler Spitalverbunde deshalb mit höchster Priorität angegangen.

Regierung muss in die Bresche springen

Mit der vorgeschlagenen Strategie würden die Spitalverbunde, laut Regierung, die 10-Prozent-Hürde um rund 2,7 Prozent verpassen. «Diese Lücke muss einerseits von den Spitalunternehmen durch Betriebsoptimierungen im Umfang von 19 Millionen Franken geschlossen werden», schreibt die Regierung. Konkrete Sparmöglichkeiten würden derzeit von den Spitalverbunden eruiert.

Zudem erhöhe der Kanton seine Beiträge für Gemeinwirtschaftliche Leistungen (GWL) um jährlich 20 Millionen Franken. Die zusätzlichen GWL setze sich zusammen aus 11 Millionen Franken für Abgeltungen von Ausbildungskosten und weiteren Leistungen der Spitäler sowie aus 9 Millionen Franken für den Betrieb der regionalen Notfallzentren.

Ausserdem soll für die Spitalregion Fürstenland Toggenburg ein einmaliger Sanierungsbeitrag von 70 Millionen Franken zur Erhöhung des Eigenkapitals gesprochen werden. Nur so könne die wirtschaftliche Basis des Spitalverbundes Fürstenland Toggenburg ausreichend gewährleistet werden.

Unmittelbare und potenzielle finanzielle Auswirkungen auf den Kanton

Unmittelbar haben die Vorschläge der Regierung folgende Auswirkungen auf die Erfolgsund Investitionsrechnung des Kantons:

Die Erhöhung der Gemeinwirtschaftlichen Leistungen ist direkt erfolgswirksam und belastet die Erfolgsrechnung des Kantons ab dem Jahr 2021 mit jährlichen Aufwendungen von 11 Millionen Franken. Diese steigen bis zum Jahr 2027 auf 20 Millionen Franken an.

Die Finanzierung des Sanierungsbeitrags von 70 Millionen Franken an die Spitalregion Fürstenland Toggenburg erfolgt über die Investitionsrechnung des Kantons und belastet die Erfolgsrechnung nicht unmittelbar. Die Investitionsrechnung wird im Umfang von 35,2 Millionen Franken belastet, da es sich nur bei der Bareinlage und der Umwandlung von Kontokorrentdarlehen in Eigenkapital um einen Transfer von Finanz- in Verwaltungsvermögen handelt.

Kein Verkauf des Spitals Flawil

Weiter äussert sich die St.Galler Regierung zu einem möglichen Verkauf des Spitals Flawil. Private Anbieter hätten Interesse am Weiterbetrieb des Regionalspitals angemeldet. Die Regierung habe sich zu Beginn grundsätzlich bereit erklärt, einen Verkauf oder einen Weiterbetrieb mit privater Beteiligung zu prüfen, sich aber schliesslich aufgrund der Gesamtsicht dagegen entschieden.

Ein Verkauf des Spitals Flawil hätte neue Patientenströme ausgelöst mit negativen Konsequenzen für die anderen Spitalstandorte. Die Kapazitäten in der stationären Versorgung wären nicht nachhaltig bereinigt, sondern lediglich von einer öffentlichen in eine private Struktur verschoben worden.

Das hätte, laut Regierung, negative Auswirkungen auf das gesamte Versorgungssystem, insbesondere auf die angrenzenden Spitalverbunde. Für die Regierung ist ein solcher Ansatz nicht zielführend. «Sie hat sich deshalb gegen einen Verkauf des Spitals Flawil ausgesprochen», hält die Regierung abschliessend fest.

Video starten

Spitalchef im Interview: «Man kann nicht von Misswirtschaft reden»

Volk muss entscheiden

Die von der Regierung vorgesehene Weiterentwicklung der Strategie der St.Galler Spitalverbunde hat mehrere Gesetzesänderungen zur Folge. Teile davon würden dem fakultativen Referendum unterstehen. Ein weiterer Kantonsratsbeschluss sei nötig für die Erhöhung der Gemeinwirtschaftlichen Leistungen für die regionalen Gesundheits- und Notfallzentren sowie die Notfallstationen der Regionalspitäler im Umfang von 9,25 Millionen Franken. Dieser unterstehe dem obligatorischen Finanzreferendum.

Ausserdem soll für die Spitalregion Fürstenland Toggenburg ein einmaliger Sanierungsbeitrag von 70 Millionen Franken zur Erhöhung des Eigenkapitals gesprochen werden. Auch dieser Sanierungsbeitrag benötigt den Zuspruch der Bevölkerung.

Die nötigen Abstimmungen würden voraussichtlich im Herbst/Winter 2020 stattfinden.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.