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Nothilfe für die Seele

Die St. Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann widmet ihr Präsidialjahr der psychischen Gesundheit. Zum Start organisierte sie den ersten kantonalen Nothelferkurs von Pro Mente Sana.
Marcel Elsener
Dreidimensionales Motto: Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann und Pro-Mente-Sana-Geschäftsführer Roger Staub. (Bild: PD)

Dreidimensionales Motto: Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann und Pro-Mente-Sana-Geschäftsführer Roger Staub. (Bild: PD)

Eigentlich könnten wir über eine Depression genauso offen reden wie über einen Beinbruch. Oder vielmehr müssten wir – denn weil Betroffene einer psychischen Krankheit viel zu lange warten, um sich helfen zu lassen, wird die Behandlung sehr viel mühsamer und teurer. Reden tut not und tut gut; mit der Frage «Wie geht’s dir?» ist es einfach, über das ­seelische Wohlbefinden ins Gespräch zu kommen – und zu merken, wo eine psychische Krise Hilfe benötigt.

Dieser Überzeugung ist die St. Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann, die turnusgemäss nun den Vorsitz in der Regierung hat. Ihr Präsidialjahr widmet sie der psychischen Gesundheit, die in der Leistungsgesellschaft gefährdet ist. Zwei Drittel der Bevölkerung geben an, bereits einmal unter einer psychischen Beeinträchtigung gelitten zu haben. Und ein Fünftel befindet sich aktuell in einem andauernden emotionalen Tief. Bei solchen Zahlen würde man bei somatischen (körperlichen) Krankheiten von einer Epidemie sprechen, sagt Hanselmann.

Nur das Einkommen ist noch mehr tabuisiert

Allein die stressbedingten Kosten werden in der Schweiz auf ­­6,5 Milliarden Franken veranschlagt. Oder wenn es noch eine Zahl sein muss: Von den 80 Milliarden Franken Gesundheitskosten im Land betreffen ein Viertel, also 20 Milliarden, psychische Erkrankungen. «Viele langwierige Behandlungen und Folgekosten könnten bei frühzeitiger Hilfe vermieden oder gelindert werden», erklärt die Gesundheitschefin. Ganz abgesehen vom Leid und der Trauer: Im Terminkalender der nächsten Monate, in denen Hanselmanns Team das Thema in den acht Regionen des Kantons ins Gespräch bringen will, steht auch der Weltsuizidtag am 10. September. Die reiche Schweiz hat seit langem eine der weltweit höchsten Suizidraten.

«Wir reden über alles», verspricht Hanselmann, schliesslich soll das laut Umfragen zweitgrösste Tabu in der Schweiz geknackt werden – tatsächlich ist hierzulande nur etwas noch mehr tabuisiert: das Einkommen, wohl auch eine typisch helvetische Eigenschaft (um nicht zu sagen Krankheit). In Badis, auf Marktplätzen oder an Messen wird die Gesundheitsdirektorin auch ­persönlich Menschen nach ihrem Wohlbefinden fragen. Das dreidimensionale Logo «Wie geht’s dir?» kennt man von Plakaten oder Inseraten der gleichnamigen Deutschschweizer Kampagne, die im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz von der Stiftung Pro Mente Sana und den Deutschschweizer Kantonen durchgeführt wird. Der Kanton St. Gallen engagiert sich seit Jahren für die Förderung der psychischen Gesundheit (etwa im Bündnis gegen Depression) und hat die Problematik in die Schwerpunktplanung 2017–2027 aufgenommen. Als Pionier vorne dran ist der Kanton St. Gallen mit dem seelischen Nothilfe-Kurs, den er diese Woche für Kaderleute der kantonalen Verwaltung anbot – zum ersten Mal in der deutschsprachigen Welt.

Der Kurs «Ensa» (siehe Kasten), vergleichbar mit Nothelferkursen für körperliche Beschwerden («Gabi»), stiess auf grosses Interesse und wird wiederholt. Und ab August sollen ihn nicht nur Führungskräfte, sondern Interessierte aus der ganzen Bevölkerung besuchen können. Das Potenzial sei gross, weiss Kursleiter Roger Staub, Geschäftsführer der Stiftung Pro Mente Sana, die den in Australien bewährten Kurs für die Schweiz adaptiert hat. Laut Staub kennen neun von zehn Menschen jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet.

Im Jahr 2022 sollen 100000 Erste Hilfe leisten können

«Viele würden gern helfen, wissen aber nicht wie.» Staubs ambitioniertes Ziel sind 100000 Instruktorinnen und Instruktoren innert drei Jahren, die Nothilfe leisten können – bei den vier grossen Krankheitsbildern Depression (Burn-out), Angststörungen, Psychosen/Schizophrenie und Suchtproblemen aller Art. Der Kurs hilft auch in eigener Sache, sagt Staub: «Wer als Jugendlicher das Rettungsschwimmer-Brevet machte, musste vielleicht noch nie jemanden retten, aber er ist ein Leben lang ein besserer Schwimmer.» Freilich muss, um eine ehrliche Antwort zu erhalten, die Mottofrage zweimal gestellt werden: Wie geht’s dir? Und wie geht’s dir wirklich?

Australischen Kurs für die Schweiz adaptiert

St. Gallen ist erster Kursort für den Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit. Nach der kantonalen Verwaltung wendet sich das Zentrum für Prävention (Zepra) erstmals im August öffentlich an Laien: In viermal drei Stunden lernen 20 Teilnehmende das Grundlagenwissen zu psychischen Erkrankungen und die adäquate Unterstützung in akuten Krisen. Das Konzept der Kurse basiert auf dem australischen Programm Mental Health First Aid und ist 2019 von Pro Mente Sana für die Schweiz adaptiert worden. Das Wort Ensa (Antwort in einer Ureinwohner-Sprache) wurde belassen, doch ein hiesiger Kurzbefehl erfunden: «Roger» meint Reagieren, Offen zuhören, Ganzheitlich unterstützen, Ermutigen (zur professionellen Hilfe), Ressourcen aktivieren. Den zweiten Kurs in der Ostschweiz richtet das Rote Kreuz Thurgau in Weinfelden aus, weitere Angebote unter https://ensa.swiss/de/. Der Kurs kostet 380 Fr., im Preis enthalten: Materialheft, Zertifikat und Ausweis. (mel)

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