NOTHELFERKURS: «Eine Abschaffung ist widersinnig»

Die kantonalen Strassenverkehrsämter wollen den obligatorischen Nothelferkurs abschaffen. Der St. Galler Samariterverband, der TCS und Ostschweizer Fahrlehrer kritisieren das Vorhaben.

Adrian Lemmenmeier/ daniel Walt
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Mund-zu-Mund-Beatmung an der Puppe ist eine Übung, die in Nothelferkursen durchgeführt wird. (Bild: Keystone)

Mund-zu-Mund-Beatmung an der Puppe ist eine Übung, die in Nothelferkursen durchgeführt wird. (Bild: Keystone)

Adrian Lemmenmeier/ Daniel Walt

ostschweiz@tabglatt.ch

Wie sichert man eine Unfallstelle? Wie lagert man Bewusstlose? Wo findet man einen Defibrillator? Solche Fragen werden im Nothelferkurs behandelt. Dieser ist seit 40 Jahren für alle, die Auto fahren lernen, obligatorisch. Nun aber wollen die kantonalen Strassenverkehrsämter den Nothelferkurs abschaffen und das Erste-Hilfe-Wissen in die Theorieprüfung integrieren, wie das SRF berichtet.

Ob die Kurse tatsächlich abgeschafft werden, entscheidet der Bundesrat. Kritik am Vor­haben ist von verschiedenen Seiten zu vernehmen: «Diese Forderung ist total widersinnig», sagt Ursula Forrer, Präsidentin des ­Samariterverbandes St. Gallen und Fürstentum Liechtenstein. Schliesslich habe der Samariterbund gerade vor zwei Wochen ­gemeinsam mit dem TCS eine Umfrage über das Verhalten von Verkehrsteilnehmern in Notsitua­tionen durchgeführt. Das Fazit: 65 Prozent der Befragten glauben, Erste Hilfe leisten zu können. Aber nur 7 Prozent würden die am Unfallort zu beachten­den Grundregeln kennen. «Man müsste eher Wiederholungskurse einführen – und nicht die Kurse abschaffen», sagt Forrer. Auch beim TCS ist man irritiert: «Mit den Nothelferkursen haben wir gute Erfahrungen gemacht», sagt Mediensprecher David Venetz. «Sie abschaffen zu wollen scheint auf den ersten Blick nicht sinnvoll.»

Rettung dank Handy schneller vor Ort

Die Anzahl Unfälle im Strassenverkehr ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Dies sei mit ein Grund, weshalb die Strassenverkehrsämter den Nothelferkurs als nicht mehr zeitgemäss erachten. Auch seien die Rettungskräfte dank Handys schneller vor Ort als früher. Dies sagt Sven Britschgi, Mediensprecher des Verbandes der kantonalen Strassenverkehrsämter, im SRF-Beitrag. Für Ursula Forrer machen diese Argumente wenig Sinn: «Unfälle gibt es immer noch genug. Und selbst wenn die professionelle Rettung schnell vor Ort ist, müssen die Leute an der Unfallstelle die Verletzten betreuen und Erste Hilfe leisten können.» Auch gehe Wissen schneller vergessen, wenn man es bloss theoretisch lerne. Würden die Kurse abgeschafft, ginge den Samaritervereinen eine wichtige Einnahmequelle verloren, räumt Forrer ein. Existenzbedrohend sei dies für die Vereine aber nicht.

Kritik kommt auch aus Ostschweizer Fahrlehrerkreisen. Ravaldo Guerrini, Präsident des Ostschweizerischen Fahrlehrer-Verbandes, spricht von «Schreibtischtätern», die hinter dieser Forderung steckten. «Nothelferkurse gibt es nicht nur wegen des Strassenverkehrs – Stichwort Sportunfälle», sagt er. Wenn niemand mehr wisse, wo Defibrillatoren stationiert seien und wie man diese bediene, sei das wenig sinnvoll. Das Argument der Strassenverkehrsämter, mit dem Handy sei heutzutage rasch professionelle Hilfe alarmiert, kann Guerrini nicht nachvollziehen: «Bei einem Notfall sind die ersten drei Minuten entscheidend. Auch mit einem Natel schafft es niemand, dass in so kurzer Zeit Hilfe vor Ort ist», so Guerrini. Dass Fahrlehrer mit den Nothelferkursen selbst viel Geld verdienen und deshalb ein Interesse an deren Weiterführung haben, weist er zurück: «Viele Fahrlehrer bieten solche Kurse als reine PR-Massnahme an und verdienen praktisch nichts dabei», sagt er.

«So wird alles kaputtgemacht»

Auch Walter Zwyssig, Fahrlehrer aus Weinfelden, hat kein Verständnis für die Forderung nach der Abschaffung. «Im Moment muss in Sachen Strassenverkehr jeder seinen Senf dazugeben und wieder irgendeine Neuerung verlangen. So wird alles kaputt­gemacht, was über lange Jahre aufgebaut worden ist und gut funktioniert hat», sagt er. Für Zwyssig – er gibt selbst keine Nothelferkurse – steht fest: Der Aufwand und die Kosten für einen solchen Kurs sind unbedeutend im Vergleich zu dessen Nutzen in Unfallsituationen.

Seit 15 Jahren ist der Heris­auer Romano Widmer Fahrlehrer. Als er von der Forderung ­hörte, war sein erster Gedanke: «Wieder einmal soll etwas ge­ändert werden, das sich bewährt hat.» Für Widmer, der selbst keine solchen Kurse gibt, ist klar: Wer auf einen Verunfallten trifft, braucht Grundkenntnisse – und dann geht es um Sekunden. «Das musste ich leider schon selbst ­erleben», hält Romano Widmer fest. Das Argument, mit dem Handy sei rasch Hilfe alarmiert, nennt er «stumpfsinnig»: In solchen Situationen nütze es nichts, dem Verunfallten einfach Händchen zu halten, bis der Krankenwagen da sei.