Notfall
«Wir warteten über sechs Stunden»: Lange Wartezeiten auf der Notfallaufnahme am Kantonsspital St.Gallen häufen sich – das sind die Gründe

Die Situation auf dem Notfall am Kantonsspital St.Gallen sei «unhaltbar». Gleich mehrere Patientinnen und Patienten beklagen sich über lange Wartezeiten. Der Ansturm in den letzten Wochen sei überdurchschnittlich hoch gewesen, sagt der Mediensprecher des Spitals. Grund dafür seien nicht nur die Spitalschliessungen.

Regula Weik
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In den frühen Abendstunden und an den Wochenenden häufen sich die Fälle: Notfallaufnahme des Kantonsspitals St.Gallen.

In den frühen Abendstunden und an den Wochenenden häufen sich die Fälle: Notfallaufnahme des Kantonsspitals St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Über sechs Stunden seien sie auf der Notfallaufnahme des Kantonsspitals St.Gallen gesessen. Dann habe es ihnen «ausgehängt» und sie seien einfach wieder nach Hause gegangen. Das ältere Ehepaar ist beunruhigt und aufgebracht. Am nächsten Morgen hätten sie bei einer Privatklinik angerufen. Dort hätten sie rasch einen Termin erhalten und die Beschwerden ihres Mannes seien abgeklärt worden, erzählt die Ehefrau.

Sie ist nicht die Einzige, die sich wegen der Situation auf dem Notfall an die Redaktion wendet. Auch eine Pflegefachfrau, die seit mehreren Jahren auf der Notfallaufnahme am Kantonsspital arbeitet, tut es. Am Telefon erzählt sie:

«Es ist fast jeden Dienst so, dass der Patientenansturm kaum mehr zu bewältigen ist.»

Ihren Namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen. «Auch für uns Pflegende ist die Situation unbefriedigend. Gerne hätten wir mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten.»

Sind mehrstündige Wartezeiten auf der Notfallaufnahme am Kantonsspital heute an der Tagesordnung? Was sind die Gründe dafür?

41'000 Notfälle pro Jahr

115 Patientinnen und Patienten werden durchschnittlich jeden Tag auf der zentralen Notfallaufnahme des Kantonsspitals behandelt – 41'000 Notfälle pro Jahr. «An Spitzentagen können es bis zu 150 Patientinnen und Patienten sein», sagt Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen. So sei es auch in den letzten Wochen zu überdurchschnittlich hohen Tagesfrequenzen gekommen. Da seien längere Wartezeiten «leider nicht zu vermeiden». Insbesondere nicht in den frühen Abendstunden und an den Wochenenden, «wenn es generell viele Notfälle gibt», sagt Lutz.

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

Bild: PD

Wer den Notfall aufsucht, erachtet sein Problem als bedrohlich und dringlich. Dennoch müssen diese Personen in ihrer Not mehrere Stunden warten? Lutz erklärt und beruhigt: «Personen, die lebensgefährlich erkrankt oder verletzt sind, werden natürlich zuerst behandelt. Für andere Patienten mit weniger dringlichen Beschwerden kann es dann teilweise tatsächlich zu mehrstündigen Wartezeiten kommen.» Bei einem Notfallbetrieb in dieser Grösse liessen sich vorübergehende Engpässe und damit auch Wartezeiten nicht vermeiden.

Führten die Spitalschliessungen zum Andrang?

Anfang Jahr wurden das Spital Rorschach und der dortige Notfall geschlossen. Mitte Jahr war Lichterlöschen im Spital und auf der Notfallstation in Flawil. Ende Juni wurden am Spital Appenzell die Bettenstation und der Notfall aufgehoben. Ende Juli wurde das Spital Heiden geschlossen, die Notfallstation verkürzte ihre Betriebszeiten. Auf die Frage, ob die Spitalschliessungen zum Andrang auf der Notfallaufnahme am Kantonsspital führen, antwortet Lutz:

«Sie sind selbstverständlich spürbar. Das hatten wir erwartet.»

Das Verhalten der Patientenströme lasse sich jedoch nie vollumfänglich prognostizieren. Es brauche daher noch eine längere Beobachtungsphase, um genauere Aussagen machen zu können.

Die Spitalschliessungen sind ein Grund für den Andrang. Corona ist ein anderer. In den letzten Tagen wurde eine Zunahme von Coronapatienten oder Verdachtsfällen festgestellt. Personen mit möglichen Coronasymptomen sollten sich eigentlich an die Hausärztin oder den Hausarzt wenden. Doch es bestätigt sich ein schon lange anhaltender Trend: Immer mehr Menschen verzichten auf einen Hausarzt und suchen bei einer Verletzung oder Krankheit gleich das Spital auf. «Dies trägt zum Andrang auf der Notfallaufnahme bei», sagt Lutz. Allerdings: Auch die Dichte der hausärztlichen Grundversorgung nimmt ab. Es mangelt im Kanton an Hausärztinnen und Hausärzten.

Personalreserven wurden strapaziert

Lutz hält grundsätzlich fest: «Die Arbeitsbelastung auf der Notfallaufnahme hat mit der Coronapandemie überdurchschnittlich zugenommen.» Hinzu seien Kündigungen, Krankheitsausfälle und Schwangerschaften gekommen.

«Die Personalreserven wurden phasenweise erheblich strapaziert.»

Und, reagiert das Kantonsspital darauf? Lutz nickt: mit Anpassungen im Betreuungsprozess und personellen Verstärkungen. Im Februar sei der Personalbestand in der Notfallpflege um sieben Stellen aufgestockt worden.

«Stellen auf dem Notfall und den Intensivstationen sind in allen Spitälern schwierig zu besetzen.»

Es sei eine «sehr anforderungsreiche und zeitweise auch sehr belastende Tätigkeit». Personelle Lücken liessen sich nicht so rasch schliessen. Fachkräfte seien gesucht, der Rekrutierungsprozess aufwendig und die Einarbeitung von neuem Personal für das Team eine zusätzliche Herausforderung. «Nur dank grosser Solidarität und des Zurückstellens eigener Bedürfnisse hat es das Team der Notfallaufnahme geschafft, dass Engpässe bislang überbrückt werden konnten.»

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