Noch immer «ungut»: Der Fall Ernst S.

Kaum ein Text hat in der Schweiz mehr Sprengkraft entwickelt als Niklaus Meienbergs 1973 veröffentlichte Reportage über den Landesverräter Ernst S.

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Ernst S. an einem guten (Fischer-)Tag, vermutlich an der Sitter. (Bild: Schweiz. Bundesarchiv)

Ernst S. an einem guten (Fischer-)Tag, vermutlich an der Sitter. (Bild: Schweiz. Bundesarchiv)

Kaum ein Text hat in der Schweiz mehr Sprengkraft entwickelt als Niklaus Meienbergs 1973 veröffentlichte Reportage über den Landesverräter Ernst S., der im November 1942 bei Jonschwil hingerichtet wurde, weil er den Nationalsozialisten einige Granaten und unbeholfene militärische Pläne vermittelt hatte. Meienberg recherchierte gegen den Widerstand der offiziellen Schweiz, die ihm Archivmaterial sperrte. «Ernst S.» ist ein Reizbegriff, der älteren Semestern bis heute unheimliche Schauer über den Rücken jagt und Zorn weckt: je nach politischem Standpunkt über die damalige Gesellschaft und Militärjustiz – oder noch immer über Meienberg und andere «linke Historiker», die den Fall als Initialzündung nahmen, die bürgerlichen Deutungsmuster über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufzubrechen.

«Das war ein kleiner Fisch»

70 Jahre ist die «Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» her, wie die Verfilmung durch Meienberg und Richard Dindo heisst. Es ist – vergangenen Donnerstag – der frühere St. Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler, der den Fall wieder aufgreift. Die Reihen im Festsaal des St. Galler Stadthauses sind voll besetzt, durch die Türritzen lauschen manche, die sich im Schneechaos verspätet haben. Im Vortrag einer Reihe zum Kriegsjahr 1942 aus St. Galler Sicht sind «neue Erkenntnisse» zu Ernst S. angekündigt; das sei «zu viel gesagt», winkt Ernst Ziegler ab. Aber neu seien manche Einsichten in die Akten des Bundesarchivs, um die sich Ziegler bemüht hat und die ihm im Sommer gewährt worden ist. Die Aktensammlung, namentlich jene des Oberauditoriats der Armee, blieben Meienberg seinerzeit verschlossen, einen Teil konnte er später (1979) einsehen.

Im Vortrag steigt Ziegler mit einer Erinnerung ein: Als Bub habe er auf Spaziergängen mit seinem Vater unten beim Burentobel immer wissen wollen, «wie das dann gewesen sei, mit dem Schrämli, der da gewohnt habe». Zieglers Vater, wie Ernst Schrämli Mitglied der Musik Abtwil-St. Josefen, antwortete jeweils: «Ja, der Schrämli, den hat man als Landesverräter erschossen, aber das war ein kleiner Fisch.»

Wahre Verräter weiter oben

Nicht unten im Tobel, sondern «weiter oben in den schönen Villen seien die wahren Landesverräter gehockt», meinte der Vater. Aber die habe man halt laufen lassen nach dem Motto: «Kleine Diebe hängt man, grosse lässt man laufen.» Ein vielzitierter Satz, den später auch Ernst Zieglers «geschätzter Lehrer», der Historiker Edgar Bonjour, gegenüber Meienberg und Dindo sagen wird – und ihn trotz Drucks von oben nicht zurückziehen wird. Nicht nur da geht ein Raunen durchs ergraute Publikum; das Todesurteil gegen Ernst S. wird inzwischen mehrheitlich als ungerechtfertigt beurteilt. Der heutige Leser müsse sich in die damalige Zeit versetzen, erklärt alt Stadtarchivar Ziegler. Er habe aber nach dem Studium der Akten «bei der ganzen Sache ebenfalls ein ungutes Gefühl».

Das «ungute Gefühl» hatte wörtlich Strafrechtsprofessor Peter Noll, der in seinem Buch über die 17 hingerichteten Landesverräter (1980) die Begründung des Divisionsgerichts «nach Gesetz und Praxis rechtlich vertretbar» befand, aber den Fall des St. Gallers als «objektiv einen der leichtesten» bezeichnete. Niemand, auch kein Gericht, nahm an, dass das Deutsche Reich die Granaten nicht gekannt habe. Schrämli, «der lustige Schnuderi», wie ihn Bekannte beschrieben, soll sich gebrüstet haben, den Deutschen «einen Seich» geliefert zu haben.

Im Aktenbestand des Militärdepartements liessen Ernst Ziegler besonders die «Organisation für die Exekution von Fahrer Schrämli» sowie das «Sektionsprotokoll» erschaudern – letzteres war wegen des Gnaden- oder Fangschusses nötig geworden.

Akten sollten zu Verwandten

Das Studium der Dokumente mache ihm «ziemlich zu schaffen», sagte der St. Galler Historiker, allen voran die durch die Zensur zurückbehaltenen Briefe und rund hundert Fotografien von Ernst Schrämli. Auch da ergibt sich ein anderes Bild von Ernst S.: Der erste Kapellmeister am Stadttheater etwa lobt dessen Tenorstimme und empfiehlt ein Gesangsstudium. Der Häftling selber schreibt aus seiner Zelle in St. Gallen einem Freund, er solle doch die Rationierungsmarken holen kommen, «ist noch viel Käse und ebenso Butter dabei». Aber er solle «schön s'Maul halten: wenn jemand fragt nach mir, so bin ich in Amerika!»

Wenigstens die Briefe und Fotos müsse das Bundesarchiv den Angehörigen Schrämlis nun zurückgeben, fordert Ziegler. Er hat im Sommer ein Gesuch geschrieben – und bis heute keine Antwort erhalten. Fast meint man, beim pensionierten Stadtarchivar ein wenig vom rebellischen Geist Meienbergs zu spüren, wenn er trocken anfügt: «Vermutlich bin ich jetzt persona non grata im Bundesarchiv.»

Diese Woche geht die Reihe weiter, mit dem Russlandfeldzug Hitlers. Wohl ist da von einer ganz anderen Figur aus dem «mörderischen St. Gallen» die Rede – jenem Sohn des nazifreundlichen Textilbarons «Mettler-Specker», der 1942 für den Führer in Russland gefallen war. Und nächstes Jahr wird zum 20. Todestag Meienbergs im St. Galler Regierungsgebäude eine Ausstellung eingerichtet – Zeit, den Ernst-S.-Film wieder einmal zu zeigen. Marcel Elsener