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Glücksschock für SP-Ständerat:
Paul Rechsteiner wurde selbst in der SVP-Hochburg Oberriet von jedem Dritten gewählt

Während die SP in St.Gallen auf zwölf Prozent Wähleranteil schrumpft, steht Paul Rechsteiner vor einem neuerlichen Ständerats-Triumph. Wie ist das möglich?
Jürg Ackermann
Paul Rechsteiner gibt Tele Ostschweiz ein Interview nach dem ersten Wahlgang vom Sonntag. (Bild: Ralph Ribi)

Paul Rechsteiner gibt Tele Ostschweiz ein Interview nach dem ersten Wahlgang vom Sonntag. (Bild: Ralph Ribi)

Paul Rechsteiner ist - zumindest gegen aussen - kein emotionaler Mensch. Aber an jenem Novembertag 2011 streckte selbst er die Faust in die Höhe, weil er wusste, dass er gerade etwas Historisches geschafft hatte. Im Vorfeld des zweiten Wahlgangs für die Ständeratswahlen 2011 rechnete niemand damit, dass sich der Gewerkschafter im zutiefst bürgerlichen Kanton gegen Toni Brunner (SVP) und Michael Hüppi (CVP) würde durchsetzen können.

Die Rechnung war einfach: Hüppi und Rechsteiner nehmen sich gegenseitig Stimmen weg und SVP-Präsident Brunner wird als lachender Dritter ins Stöckli einziehen. Von einem Wunder war die Rede, als alles anders kam. In der SP sprach man gar von einem «Glücksschock». Und dieser hält im Fall der Ständeratswahlen für die gebeutelte Partei noch immer an. Auch acht Jahre nach jenem spektakulären Wahltag 2011.

Historischer Moment: Paul Rechsteiner setzt sich bei den Ständeratswahlen 2011 gegen Toni Brunner und Michael Hüppi durch. Die Parteigenossinnen Heidi Hanselmann (links) und Claudia Friedl (rechts) jubeln im Pfalzkeller mit. (Bild: Ralph Ribi)

Historischer Moment: Paul Rechsteiner setzt sich bei den Ständeratswahlen 2011 gegen Toni Brunner und Michael Hüppi durch. Die Parteigenossinnen Heidi Hanselmann (links) und Claudia Friedl (rechts) jubeln im Pfalzkeller mit. (Bild: Ralph Ribi)

Dazu genügt ein Blick auf die Zahlen vom Sonntag: Während die SP im Kanton beim Wähleranteil auf 12,3 Prozent abstürzte und nur noch knapp vor den Grünen liegt, kam Rechsteiner im ersten Wahlgang des Ständeratsrennens auf 45 Prozent der Stimmen. In praktisch allen Gemeinden konnte der 67-jährige Vollblutpolitiker gegenüber den Ständeratswahlen 2015, als er im zweiten Wahlgang souverän gegen SVP-Kandidat Thomas Müller gewann, nochmals einen Zacken zulegen.

Besonders eindrücklich ist das beispielsweise in der Gemeinde Steinach, wo bei den Nationalratswahlen nur 11 Prozent SP wählten, jedoch mehr als die Hälfte der Wähler Rechsteiner die Stimme für den Ständerat gaben (siehe Grafik). Selbst in der SVP-Hochburg Oberriet, in der die SP auf einen Wähleranteil von gerade einmal 3,8 Prozent kam, wählte beim Ständerat fast jeder Dritte Rechsteiner, den ehemaligen Gewerkschaftschef, einer der am pointiertesten links auftretenden Politiker des Landes. Wie ist das möglich?

Viele Erklärungsversuche fangen bei Rechsteiners Person an. Der SP-Politiker wird als gradlinig und vor allem hartnäckig wahrgenommen. Bei ihm glauben viele Wähler zu wissen, woran sie sind. Gute Löhne, sichere Renten, gute Arbeitsbedingungen sind seit Jahrzehnten seine politischen Slogans. Diese haben auch mit seiner Herkunft zu tun.

Zusammen mit drei Geschwistern wuchs Rechsteiner im St. Galler Stadtteil Neudorf in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Einsatz für eine sichere Altersvorsorge und gute Arbeitsbedingungen wirkt daher für viele glaubwürdig. Kommt hinzu, dass Rechsteiner seine eigene Person kaum je in den Vordergrund stellt.

Was er privat macht, lässt er nicht nach aussen dringen. Das verschafft ihm bis weit in die Mitte hinein einen gewissen Kultstatus als Politiker, der zwar nie in einer Homestory erscheint oder auch nur einen halben Witz in der Öffentlichkeit macht, aber seriös und nüchtern für seine Anliegen kämpft.

Harmonie mit Keller-Sutter

Zudem ist Rechsteiner trotz seiner politischen Prinzipien immer wieder für Überraschungen gut. Dass er mit Ständeratskollegin Karin Keller-Sutter derart gut zusammenarbeiten würde, war aufgrund ihrer diametral entgegengesetzten Positionen in der Wirtschafts- oder der Sozialpolitik nicht abzusehen. In sieben gemeinsamen Jahren im Stöckli holten sie für die Ostschweiz und den Kanton St. Gallen einiges heraus, beispielsweise in der Verkehrspolitik, und wussten dies immer wieder geschickt medial zu inszenieren.

Auch wenn sich Rechsteiner nie gross um seine Mehrheitsfähigkeit scherte - fürs Image und für seine Wählbarkeit bis weit in die FDP hinein war dieses fast schon harmonische Zusammenspiel mit der späteren Bundesrätin und in der Ostschweiz als politische Überfliegerin wahrgenommenen Keller-Sutter sicher hilfreich.

Beobachter gingen im Vorfeld des ersten Wahlgangs davon aus, dass seine 33 Jahre in Bern und sein fortgeschrittenes Alter (67) zum Stolperstein bei den diesjährigen Wahlen werden könnten. Doch selbst das Sesselkleber-Image, das ihm seine bürgerlichen Kontrahenten Roland Büchel und Marcel Dobler im Wahlkampf anzuheften versuchten, war offenbar für viele Wählerinnen und Wähler kein Argument, Rechsteiner nicht doch noch einmal auf den Stimmzettel zu schreiben.

Vorbereitungen auf einen Fernsehauftritt mit Toni Brunner, dem Rechsteiner im zweiten Wahlgang 2011 eine der bittersten politischen Niederlagen zufügte. (Bild: Urs Bucher)

Vorbereitungen auf einen Fernsehauftritt mit Toni Brunner, dem Rechsteiner im zweiten Wahlgang 2011 eine der bittersten politischen Niederlagen zufügte. (Bild: Urs Bucher)

Selbst Politologen sprechen von «einem Phänomen», wenn man sie auf den Wahlerfolg Rechsteiners anspricht. «Sein Ergebnis vom Sonntag ist in der Tat beeindruckend. Damit hätte ich nicht gerechnet», sagt HSG-Politologe Patrick Emmenegger, der Rechsteiners Erfolg mit seinem Einfluss in Bern und seiner Bekanntheit erklärt.

Emmenegger sagt:

«Viele sehen, dass Rechsteiner im Parlament ein grosses Tier ist, dass er für den Kanton etwas bewegen kann.»

Dazu komme seine «hohe Sichtbarkeit» und seine Glaubwürdigkeit als Politiker. «Oder kennen Sie jemanden im Kanton St. Gallen, der Paul Rechsteiner nicht kennt?» Angesichts dieser Bekanntheit würden bei vielen Wählern seine dezidiert linken Positionen in Sachfragen nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Auch seine für viele Mitte-Wähler nur schwer nachvollziehbare Fundamentalopposition gegen das vom Bundesrat ausgehandelte Rahmenabkommen und damit gegen jede auch noch so kleine Aufweichung des Lohnschutzes scheint Rechsteiner nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil.

Noch zwei Bürgerliche, die sich die Zähne ausbeissen

Sicher ist: Die Liste der bürgerlichen St. Galler Politiker, die an Rechsteiner die Zähne ausbeissen, wird wohl auch in diesem Jahr um ein paar Namen länger. Nach Toni Brunner und Thomas Müller ist auch für Roland Rino Büchel und vor allem Marcel Dobler das Ergebnis am Sonntag im Vergleich zu Rechsteiner ziemlich ernüchternd ausgefallen, obwohl der Kanton weiterhin zu den konservativsten des Landes gehört und das links-grüne Wählerpotenzial bei höchstens 25 Prozent liegt. Über 18 000 Stimmen Rückstand wie im Falle von Büchel sind im Normalfall in einem zweiten Wahlgang dennoch nicht aufzuholen.

Klar ist jedoch: Sollte Rechsteiner am 17. November tatsächlich wieder gewählt werden und 2023 mit dannzumal 71 Jahren zurücktreten, stünde die SP vor der Herkulesaufgabe, ihren Sitz im Ständerat mit einer anderen Person zu verteidigen. Wohl ein Ding der Unmöglichkeit.

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