Niemand will «Sex for free»

Auf dem Festgelände wird gefeiert, getanzt und getrunken. Etwas ruhiger ist es auf den Campingplätzen. Dort eröffnen Camper einen Basar, schenken Sangria aus oder bieten Küsse an.

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Seltener Anblick: Um Deborah Scheibens (l.) Pavillons liegt kein bisschen Abfall. (Bild: Nana do Carmo)

Seltener Anblick: Um Deborah Scheibens (l.) Pavillons liegt kein bisschen Abfall. (Bild: Nana do Carmo)

Ein Leben im eigenen Dreck, das kann sich Deborah Scheiben aus Eschlikon nicht vorstellen, nicht einmal am Frauenfelder Open Air. «Ich versuche auch hier möglichst hygienisch zu wohnen», sagt sie. Das erklärt den für ein Open Air ungewöhnlichen Anblick: Reinlich und gemütlich ist es rund um ihre Parzelle. Aufgeräumt und bis ins Detail durchdacht.

Ausgerüstet mit Plastiksofa, Radio und Tischen bieten Deborah und ihre Freunde den Passanten nicht nur Sangria an, sondern auch frisches Knoblibrot und geröstete Marshmallows. Da muss kaum jemand hungrig weitergehen. «Wenn jemand nett ist, geben wir gerne etwas ab und plaudern eine Weile», sagt sie

Küsse sind der Renner

Eine andere Möglichkeit, sich die Zeit bis zum nächsten Konzert zu vertreiben, haben der Freiburger Florian und seine Kumpels gefunden. Sie bieten am Strassenrand nicht nur «Sex for free» an, sondern auch Küsse. «Das Sex-Angebot läuft nicht so gut, aber die Kuss-Aktion ist ein Renner», behauptet Florian, obwohl jede Frau einen grossen Bogen um die Jungs zu machen scheint. Und das ist kein Wunder: Die fünf haben sich direkt neben einem miefenden Abfallhaufen niedergelassen. Ihre Füsse baumeln in einer ebenfalls stinkenden, unidentifizierbaren Flüssigkeit. Aber das scheint ihnen egal zu sein. Sie konzentrieren sich auf ihre Mission: Geld für Heroin zu sammeln. «Das Ziel kommt näher und näher, fünf Rappen haben wir schon», sagt Florian.

Selbstvertrauen zu verkaufen

Ein paar Meter weiter haben Marco Scheidegger und seine Freunde am Wegrand einen Basar eröffnet. Dort sitzen sie im spärlichen Schatten eines Baumes und preisen ihre Ware an: «Wir verkaufen Badetücher, Selbstvertrauen, Doktortitel und vieles mehr», sagt der Basler. Wer zu Hause was vergessen habe, werde bei ihnen bestimmt fündig, ist er überzeugt. Wenn es um die Open-Air-Besucher von nebenan geht, sind die Basler jedoch nicht so hilfsbereit, sondern eher hinterhältig. Als diese nämlich am Samstagmorgen aufwachten, fanden sie einen Berg Abfall vor ihrem Zelt, den Marco und seine Truppe in der Nacht dort deponiert hatten. «Warum wir das gemacht haben? Die sind halt Zürcher, das ist Grund genug», sagt er. Stephanie Martina

www.tagblatt.ch/festivals