St.Galler Theologin lanciert Animationsfilm für bezahlte Haus- und Familienarbeit: «Niemand arbeitet gratis»

Die St.Galler Theologin und Care-Aktivistin Ina Praetorius wirbt mit einem Kurzfilm für die wirtschaftliche Anerkennung der Care-Arbeit.

Nina Rudnicki
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«Stell dir vor, du bist ein Baby. Du bist darauf angewiesen, dass die Menschen um dich herum dir Nahrung, Schutz und Zuwendung geben. Und nun hörst du diese Leute sagen, das machen wir aber nur, wenn wir dafür bezahlt werden. Niemand arbeitet gratis.» Mit dieser Szene beginnt der neue Kurzfilm «Economy is Care» der St. Galler Theologin und Care-Aktivistin Ina Praetorius. Realisiert wurde er zusammen mit dem Zürcher Filmstudio Guave Motion. Seit kurzem ist der Animationsfilm online auf Plattformen wie YouTube oder Vimeo zu sehen.

Wenn es nach ihr geht, gehört Hausfrauenarbeit ins Zentrum der Wirtschaft: Ina Praetorius. (Bild: Urs Bucher)

Wenn es nach ihr geht, gehört Hausfrauenarbeit ins Zentrum der Wirtschaft: Ina Praetorius. (Bild: Urs Bucher)

An unbezahlte Arbeit gewöhnt

Ziel des Films ist es laut Ina Praetorius, den Diskurs über Wirtschaft in den Medien, den Universitäten und in der Finanzwelt zu ändern. «Ständig geht es da um Wachstumsraten, Zölle oder Finanzkrisen, zusammengefasst also nur ums Geld. Es geht aber nie darum, was Menschen wirklich zum Leben brauchen», sagt Ina Praetorius. Sie spielt damit auf die unbezahlte Haus- und Familienarbeit an, die sie als die wichtigste Arbeit überhaupt bezeichnet. «Würde niemand diese Care-Arbeit leisten, würden wir im Chaos versinken und es würde kein Kind überleben», sagt sie.

Im Kurzfilm heisst es dazu: «Aber irgendwie scheinen wir uns daran gewöhnt zu haben, dass bestimmte Dinge Geld kosten und andere nicht.» Weltweit würde mehr unbezahlte Arbeit geleistet als bezahlte, und das vor allem von Frauen in privaten Haushalten.

Wie gross der Bestandteil der unbezahlten Arbeit in der Wirtschaft ist, zeigen auch die aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2016. So wird allein die 2016 geleistete, unbezahlte Arbeit auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt. Die Bruttowertschöpfung der privaten Haushalte macht damit 41 Prozent der erweiterten Gesamtwirtschaft aus. «Trotzdem findet Care-Arbeit keine Beachtung», sagt die 63-Jährige.

«Dabei zeigen diese Zahlen deutlich, dass Wirtschaft und Care im Prinzip dasselbe ist.»

Alle Arbeit, bezahlte wie unbezahlte, trage zu einer Care-zentrierten Ökonomie bei. Um das Thema einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, hat Ina Praetorius unter anderem 2015 den Verein «Wirtschaft ist Care» mitbegründet. Im vergangenen Jahr wurde sie vom deutschen Magazin «Edition F» als eine von 25 Frauen ausgezeichnet, die weltweit die Wirtschaft revolutionieren.

Aufwind durch Frauenstreik

Mit dem Kurzfilm möchte Ina Praetorius die Öffentlichkeit zusätzlich für das Thema Care-Economy sensibilisieren und die wichtigsten Argumente einfach und verständlich zusammenfassen. «Economy is Care» gibt es in einer deutschen und in einer englischen Fassung. Der Animationsfilm eignet sich laut Ina Praetorius, um an Schulen, im Wirtschafts-Grundstudium oder an Veranstaltungen jeder Art gezeigt zu werden. Sie ist zuversichtlich, dass es an Anfragen nicht mangeln wird. «Auch am Frauenstreik war die Care-Economy Thema und hat zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. Daher ist es jetzt Zeit, dranzubleiben.»