«Niemals in Betracht gezogen»: Wils polnische Partnerstadt wehrt sich gegen den Vorwurf, eine LGBT-freien Zone werden zu wollen

Die polnische Gemeinde Dobrzen Wielki weist den Vorwurf der Homophobie von sich.

Tobias Söldi
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«Eine für alle Menschen offene Gemeinde»: Das in die Kritik geratene Dobrzen Wielki betont, man heisse Vielfalt willkommen.

«Eine für alle Menschen offene Gemeinde»: Das in die Kritik geratene Dobrzen Wielki betont, man heisse Vielfalt willkommen.

Bild: EPA

Piotr Szlapa ist irritiert, Wil überrascht, die Gay-Community erfreut. Szlapa ist Bürgermeister der beschaulichen 4500-Seelen-Gemeinde Dobrzen Wielki im Südosten Polens, 200 Kilometer von Krakau entfernt. Der Vorwurf homophober Tendenzen in seiner Gemeinde, am lautesten geteilt von der Juso des Kantons St.Gallen, veranlasste ihn zu klaren Worten in Richtung der Stadt Wil:

«Wir widersetzen uns jeglichen Schritten, die zu einer Ausgrenzung von Mitmenschen führen.»

Was ist passiert? Auf der Internetplattform Atlas des Hasses markieren polnische Aktivistinnen und Aktivisten alle Gebiete rot, die sich als LGBT-freie Zone ausgerufen haben. Eine Fläche so gross wie Ungarn gibt sich bereits offen homophob und transphob. Gelb hinterlegt sind Gebiete, in denen gemäss dem Atlas entsprechende Debatten laufen oder sogar Lobbying betrieben wird. Dobrzen Wielki ist gelb eingezeichnet. Und Dobrzen Wielki ist seit 1991 Partnerstadt von Wil.

Die Jungsozialisten üben Druck aus

Das hat Dominique Eichler, Redaktor der Online-Plattform Gay.ch, bemerkt. In einem vergangene Woche publizierten Artikel greift er das Thema auf. Neben Wil unterhält nämlich auch die Solothurner Gemeinde Balsthal eine Partnerschaft mit einer solchen «problematischen» Ortschaft. Daran störte sich nicht nur Eichler, sondern eben auch die Jungsozialisten. Mit markigen Worten forderten sie:

«Keine Partnerschaft mit homophoben Arschlöchern.»
Susanne Hartmann, Wiler Stadtpräsidentin.

Susanne Hartmann, Wiler Stadtpräsidentin.

Bild: Urs Bucher

Sollte Dobrzen Wielki tatsächlich eine LGBT-freie Zone werden, müsse Wil die Städtepartnerschaft kündigen. Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann äusserte sich auf Gay.ch zunächst diplomatisch: Diesen Fall würde man «natürlich auch verurteilen und wohl entsprechende Konsequenzen ziehen». Gegenüber dieser Zeitung fand sie deutlichere Worte:

«Für mich persönlich wäre das ein Grund, die Städtepartnerschaft aufzulösen.»

Letztlich entscheide aber der Stadtrat, Abklärungen seien im Gange.

Und nun ist Post aus Polen eingetroffen. Dobrzen Wielki sei eine «freundliche und für alle Menschen offene Gemeinde, unabhängig von deren Herkunft, Religion, politischen Ansichten sowie sexueller Orientierung», schreibt Bürgermeister Szlapa. Die Einführung von LGBT-freien Zonen sei von der Gemeinde «niemals in Betracht gezogen» worden. «Als Gemeindeverwaltung und Gemeinderat distanzieren wir uns deutlich von jeglichen homophoben Verhaltensweisen.»

Ursula Egli, Wiler SVP-Stadtparlamentarier.

Ursula Egli, Wiler SVP-Stadtparlamentarier.

Bild: PD

Auch die Wiler SVP-Stadtparlamentarierin Ursula Egli hat sich in die Debatte eingeschaltet. In einer Anfrage an den Stadtrat plädiert sie dafür, den Dialog zu suchen statt die Partnerschaft aufzukünden, und äussert ihr Unverständnis über die unterstellten diskriminierenden Entwicklungen in der polnischen Gemeinde: «Wer schon das Glück hatte, bei einem Besuch in Dobrzen Wielki dabei zu sein, weiss, was die Bewohner dieser Gemeinde uns an Gastfreundschaft bieten. Wir Schweizer können uns eine grosse Scheibe davon abschneiden.»

«Homophobie ist in Polen stark verbreitet»

So steht letztlich eine Aussage der anderen gegenüber. Wie sich die Lage in Dobrzen Wielki konkret präsentiert, sei von der Schweiz aus schwer einzuschätzen, gibt auch Dominique Eichler zu. Er beruft sich allein auf den Atlas des Hasses, mit den Betreibern hatte er keinen Kontakt. Auch die Frage, was es genau bedeutet, dass über LGBT-freie Zonen debattiert wird, bleibt offen.

«Es könnte sich auch um einen Vorstoss handeln, der von der Gemeinde abgeschmettert wurde.»

Die Nachricht aus Polen ist für ihn auf jeden Fall ein positives Zeichen. «Es ist toll, dass sich Dobrzen Wielki klar distanziert», sagt er, fragt aber: «Hat die Stadt genügend Macht, diese Tendenzen in der Region zu verhindern?» Der öffentliche Druck in Polen sei enorm, die nationalkonservative Partei PiS mobilisiere im Wahlkampf mit homophoben Themen und fragwürdigen Aussagen, erklärt Eichler. Er verfolgt die Entwicklung über Online-Medien. «Homophobie ist in Polen stark verbreitet. Ein Coming-out auf dem Land ist kaum möglich.»