Interview

«Fahren Sie ins Toggenburg!»: Nicolo Paganini, Präsident des Schweizer Tourismus-Verbands, über Ferien im Coronajahr

Zweieinhalb Stunden nach der Wahl Ende März begrüsste der St.Galler die touristischen Verbände zur Videokonferenz und war gleich mitten in der Krise angelangt.

Regula Weik und Christoph Zweili
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«Im März und April brachen 80 bis 95 Prozent des Umsatzes weg», sagt Nicolo Paganini.

«Im März und April brachen 80 bis 95 Prozent des Umsatzes weg», sagt Nicolo Paganini.

Nik Roth

Wie krisenerprobt sind Sie?

Nicolo Paganini: Ziemlich. Als ich Chef des St.Galler Amtes für Wirtschaft wurde, kam es 2002 wegen der Wirtschaftskrise in vielen Unternehmen zu Entlassungen. Und: Es gab keine Olma oder Offa ohne Krise, wenn auch ganz anderer Art. Die grösste war sicherlich jene mit den Pinklern und Pöblern.

Ihre Wahl zum Präsidenten des Schweizer Tourismus-Verbands erfolgte Ende März – also bereits mitten in der Coronakrise.

Diese Krise hat eine ganz andere Dimension, sie trifft jede und jeden. Zweieinhalb Stunden nach der Wahl begrüsste ich die touristischen Verbände zur Videokonferenz und war gleich mitten in der Krise angelangt.

Ihr Verband wird häufig mit Schweiz Tourismus verwechselt. Erklären Sie uns den Unterschied?

Schweiz Tourismus ist eine dem Bund angegliederte Marketingorganisation. Wir sind ein Dachverband mit 500 Mitgliedern, dazu gehören unter anderem Gastrosuisse, Hotelleriesuisse, Schifffahrt, Seilbahnen, der Verband öffentlicher Verkehr und regionale Tourismusorganisationen. Wir sind in erster Linie eine politische Organisation.

Was ist das Reizvolle, sich für eine Branche einzusetzen, die bereits vor Corona unter Druck stand?

Die Unmittelbarkeit des Kundenerlebnisses. Sind die touristischen Angebote gut, freut es die Gäste. Haben sie Mängel, sind die Gäste enttäuscht oder gar verärgert. Diese Nähe zu den Menschen, diese Emotionalität gefällt mir.

Nicolo Paganini.

Nicolo Paganini.

Nik Roth

Kommen die vom Bundesrat für den Tourismus geplanten Lockerungen Anfang Juni zu spät?

Bis jetzt sind dies nur Andeutungen. Der Lockdown ist für die touristischen Betriebe derzeit noch immer ein Tunnel ohne Licht am Ende. Nach dem Tourismusgipfel vom Sonntag kommt Hoffnung auf, dass die Sommersaison etappiert am 11. Mai und am 8. Juni starten kann. Fix ist noch nichts.

Soll es möglichst zügig gehen?

Es nützt nichts, möglichst früh alles zu öffnen, wenn die Botschaft des Bundesrats «Bleiben Sie zu Hause» lautet. Dann kommt kein Gast. Die Kommunikation des Bundesrats müsste gleichzeitig angepasst werden, beispielsweise in «Bewegen Sie sich vorsichtig», so dass die Leute mit einem guten Gefühl nach draussen gehen.

Sollen einzelne touristische Angebote vorgezogen werden?

Teile der Gastronomie können wohl früher öffnen. Schifffahrt, Bergbahnen und die übrigen Freizeitaktivitäten müssen aber aufeinander abgestimmt werden.

Die Abstandsregeln einhalten, könnte heissen: eine Person auf einem Zweiersessellift, zwei Personen in einer Vierergondel, halb so viele Gäste im Bergrestaurant. Lohnt sich das überhaupt?

Diese Frage muss jedes Unternehmen für sich beantworten. Die Ausgangslage ist für alle gleich. Es sind auch neue Modelle denkbar, vielleicht findet das Mittagessen dann eben gestaffelt in zwei Schichten statt.

Nicolo Paganini.

Nicolo Paganini.

Nik Roth

Wie soll bei Hotelgästen Ferienstimmung aufkommen, wenn der Swimmingpool leer, die Rezeptionistin hinter einer Plexiglasscheibe und die Bedienung maskiert ist?

Das Servicepersonal wird wohl keine Masken tragen. Es wird gewisse Einschränkungen geben. Doch wenn der Gast Tennis spielen oder golfen kann, wenn er auf einen Berg fahren und wandern kann, wird es auch Buchungen geben. Den Entscheid, unter welchen Bedingungen er in die Ferien verreisen will – oder eben nicht, muss jeder Gast für sich fällen.

Geraten die Preise unter Druck?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es grosse Rabattschlachten geben wird. Kein Unternehmen hat ein Interesse, bei eingeschränkter Kapazität seine Angebote auch noch zu verschenken. Am Ende des Tages sollte ja etwas in der Kasse übrig bleiben.

Wie hoch sind die Einbussen bisher?

Im März und April ist 80 bis 95 Prozent des Umsatzes weggebrochen.

Lässt sich das mit einem guten Sommer und Herbst wettmachen?

Nach den derzeitigen Prognosen werden Ende Jahr 30 bis 35 Prozent fehlen.

Über die Hälfte der Logiernächte in der Schweiz gehen auf das Konto ausländischer Gäste. Der Tourismus hängt nun gänzlich von der Reiselust der Schweizer ab.

Dem ist so. Die Grenzöffnung wird nicht so rasch kommen und die Länder werden sehr vorsichtig und gegenseitig misstrauisch sein. Wir werden noch länger in der Schweiz eingeschlossen bleiben und irgendwann das Bedürfnis haben, zu reisen – im eigenen Land. Das fehlende Geschäft mit ausländischen Touristen lässt sich damit nicht wettmachen.

Wie wollen Sie Schweizern, die im Sommer ans Meer fahren, Ferien im Inland schmackhaft machen?

Wir haben Seen, wandern ist im Trend und die Leute sind flexibel, wie Ostern zeigte, als nichttypische Wanderer den Alpstein stürmten. Nun müssen sie nur noch anständige Schuhe kaufen.

Sie wollen noch mehr Leute im Alpstein?

Es gibt nicht nur den Seealpsee. Es gibt in der ganzen Schweiz unzählige Wege und Routen, auf denen sich die Wanderer nicht auf den Füssen herumstehen.

Der Verband suchte für seine Spitze explizit einen nationalen Politiker. Ihr Netzwerk in Bern ist wichtig fürs Tourismus-Lobbying?

Ich konnte bereits Anliegen in der nationalrätlichen Kommission platzieren. Und ich nahm am Sonntag in Bern am Tourismusgipfel mit drei Mitgliedern des Bundesrats teil.

Erhielten Sie konkrete Zusagen?

Der Bundesrat kann zu dritt nichts beschliessen. Es kam aber klar zum Ausdruck, dass er eine touristische Sommersaison für Schweizer Gäste möglich machen will. Natürlich hängt dies auch weiterhin von den Corona-Fallzahlen ab.

Tut der Bundesrat genug für den Tourismus?

Die diskutierten 40 Millionen für Schweiz Tourismus und die 27 Millionen für die regionalen Organisationen sind eine gute Grössenordnung. Wichtig ist nun das Timing der Kampagnen. Jetzt in den USA für die Schweiz zu werben, ist rausgeworfenes Geld.

Weshalb?

Man muss sich um jene Märkte kümmern, die «reif» sind für die Botschaften zum Schweizer Tourismus. Das sind zuerst die Schweiz, dann die nahen europäischen Märkte, später Asien und wohl zuletzt die USA, bei denen die Krise erst später eingetreten ist.

Welche Schweizer Gegenden sind im Sommer am meisten gefragt?

Die alpinen – Graubünden, Berner Oberland, Wallis, Innerschweiz. Da spielt auch die Erinnerung mit, dass es im vergangenen Hitzesommer in den Bergen angenehm war.

Luzern, Engelberg oder Interlaken haben wesentlich von asiatischen Touristen gelebt. Die Ostschweiz nicht. Ist dies nun ein Vorteil?

Das kann sich als Vorteil erweisen. Umgekehrt sind Jungfraujoch und Titlis nun quasi für die Schweizer reserviert, diesen Sommer ist ein Ausflug dorthin ohne Gewusel und Gedränge möglich.

Ist der Tourismus in der Ostschweiz gut aufgestellt?

Bei der Zusammenarbeit der einzelnen Regionen gibt es noch immer Verbesserungspotenzial. Generell sind die Destinationsstrukturen in der Schweiz eher zu kleinräumig, es herrscht noch immer viel Kirchturmdenken.

Wo hinkt die Ostschweiz andern Regionen hinten nach?

Der Tourismus hat in der Ostschweiz nicht die gleiche Bedeutung wie im Wallis oder in Graubünden. Touristische Anliegen gehen daher eher etwas unter. Im St. Galler Stadtparlament brauchte es immer einen speziellen Effort, um für St. Gallen-Bodensee-Tourismus etwas rauszuholen. Den St.Gallerinnen und St. Gallern fehlt häufig das Bewusstsein, auch in einer Tourismusdestination zu leben.

Sie waren bis vor kurzem Olma-Direktor. Wie wichtig ist der Kongresstourismus für die Ostschweiz?

Grad für die Stadt St.Gallen ist er sehr wichtig, für Hotels, Restaurants, Geschäfte, aber auch für die Ausflugsziele in der ganzen Region. In dieser Tourismussparte läuft momentan gar nichts. Das sind hohe Ausfälle.

Findet die Olma statt?

Die Olma hat viel Publikum, ein Grossteil der Ausstellung ist in Hallen, die Gäste stehen eng...

... also keine Olma?

Das kann ich nicht sagen. Ich bin nicht mehr Olma-Direktor und auch nicht Epidemiologe.

Haben Sie Ihre Sommerferien schon gebucht?

Meine Frau und ich fahren für vier Wochen ins Engadin. Das planten wir schon lange vor Corona.

Haben Sie für Ratlose einen Geheimtipp in der Schweiz?

Das Toggenburg. Es wurde wegen des Bergbahnenstreits so viel Negatives über die Region geschrieben – zu Recht. Aber es ist «cheibe» schön dort, die Gegend ist fantastisch.

Mann mit vielen Talenten

Die Wurzeln von Nicolo Paganini sind im Val Poschiavo, aber aufgewachsen ist der ehemalige Olma-Direktor in Bischofszell. Heute lebt der 53-Jährige mit seiner Frau in Abtwil. Aus erster Ehe hat er drei mittlerweile erwachsene Kinder. Paganini hat an der Universität Bern und an der Universität St. Gallen zwei Studien in Wirtschaft und Recht absolviert und abgeschlossen, bevor er das Anwaltspatent erworben hat. 2018 rückte der CVP-Politiker in den Nationalrat nach, im Oktober 2019 wurde er wiedergewählt. Paganini wandert gern und ist Bier-Sommelier. (cz)

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