NEUHEIT: Grenzenlos durch die Stadt

Weil Julian Heeb aus Wittenbach im Rollstuhl sitzt, sind für ihn kleine Schwellen grosse Hindernisse Deshalb hat er eine App entwickelt, bei der die Nutzer Mobilitätseinschränkungen bei Gebäuden selbst erfassen.

Sabrina Bächi
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App-Entwickler Julian Heeb. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 16. Mai 2017))

App-Entwickler Julian Heeb. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 16. Mai 2017))

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

Wenn Julian Heeb in die Stadt geht, weiss er genau wohin und wo durch. Das macht er jedoch nicht aus Gewohnheit, sondern weil sein Leben mehr Organisation benötigt als bei anderen – denn Julian Heeb sitzt im Rollstuhl. Will er irgendwo hin, benutzt er deshalb seine ganz eigene, alternative Stadtkarte. Diese gibt es jedoch nicht zu kaufen, sie existiert auch nicht auf Papier, sondern nur in seinem Kopf.

Geht er mit Kollegen etwas trinken oder mit Freunden essen, dann stösst er oft auf unüberwindbare Hindernisse. Solche, die zum täglichen Leben dazugehören: Eine kleine Schwelle, eine Treppe ins Restaurant, ein Trottoirabsatz, eine Türe, die sich nicht automatisch öffnet. Doch er lässt sich vom Leben nicht aufhalten – trotz Rollstuhl. Julian Heeb ist mit einer spinalen Muskelatrophie zur Welt gekommen. Deshalb muss er sein Leben mit einem elektrischen Rollstuhl meistern. Für das schwere Gerät sind selbst kleine Schwellen grosse Hindernisse. «Die Bezeichnung behindertengerecht ja oder nein reicht meist nicht aus», sagt Heeb. Durch diese Erfahrung wuchs in ihm die Idee, eine ausführliche alternative Stadtkarte zu entwickeln, die allen Formen der Mobilitätseinschränkungen gerecht wird. Diese Idee ist nun in Form einer App für alle zugänglich. Zusammen mit einem Team von vier Leuten entwickelte er «ginto». Ein Zugänglichkeitsführer für alle Formen von Mobilitätseinschränkungen. Egal ob das Grosi mit dem Stock, die Mutter mit dem Kinderwagen oder eben eine Person im Rollstuhl, sie alle können in der App nachschauen, welcher Ort auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten und daher für sie ohne Hindernisse ist. «Mich fasziniert das Prinzip von Wikipedia», sagt Heeb. Er will für seine Entwicklung ein offenes, direktes System, in das jeder seine Beschreibungen des Ortes eingeben kann. «Eine genaue Beschreibung der Örtlichkeit führt dazu, dass jeder subjektiv entscheiden kann, ob es für ihn Mobilitätseinschränkungen gibt oder nicht.» Betreffen kann es jeden. Wer ein Bein gebrochen hat oder mit jemandem unterwegs ist, der barrierefreie Eingänge benötigt, kann jederzeit auf der App nachschauen, was in seiner unmittelbaren Umgebung für ihn selbst passt. Das ist die Idee von «ginto».

Anderer Blick auf ein Problem

Jeden Tag pendelt Julian Heeb von Wittenbach nach Zürich. Es ist eine Organisationssache, aber machbar. Organisieren gehört schon immer zu seinem Leben. Die Spontanität bleibt oft auf der Strecke. Doch die positive Art zu denken, zeichnet ihn aus – er gibt nicht auf, ist hartnäckig. «Wenn mir jemand sagt, dass es nicht geht, dann glaube ich das nicht sofort.» Er sucht selbst Lösungen für ein Problem. «Ein Grund warum ich schliesslich an der ETH Ingenieurswesen studierte», sagt er. Schon als Kind wollte er sich keine Grenzen setzen lassen. Auf einen Baum zu klettern war für ihn nicht möglich. Auf einen Baum raufzukommen jedoch schon. «Ich habe mir überlegt, dass ich einfach einen Lift brauche, um auf den Baum zu kommen», sagt Heeb. Er habe dann den anderen Kindern gesagt, was sie tun sollen. So entstand mit einem Flaschenzug aus der Werkstatt des Vaters ein Lift auf den Baum. Der Haken: Der Ast, an dem der Lift hing, war zu dünn. Die Folge: Das Versuchskaninchen, ein Nachbarsjunge, fiel beim ersten Aufzug vom Brett, weil der Ast abbrach.

Vor drei Jahren startete das Projekt des Accessibility Guide. Seit Ende März ist die App für iPhone erhältlich. Bald sollte sie auch für das Androidsystem verfügbar sein. Für das «ginto»-Projekt gründete Heeb einen Verein. Ein unberechenbarer Faktor für das Funktionieren der App sind jedoch die Nutzer. Nur wenn sie mit möglichst vielen Daten gefüttert wird, bringt «ginto» überhaupt einen Nutzen. Die Möglichkeiten sind uneingeschränkt. Grenzen kennt die App keine. Ganz im Sinne ihres Erfinders soll niemand ausgeschlossen werden, niemand unverhofft auf unüberwindbare Hindernisse stossen. Wer vorher weiss, wohin er kann, organisiert sich entsprechend. So wird die grosse Hürde des Unbekannten und Unberechenbaren zu einer kleinen Schwelle. Im Endeffekt sollte die App weltweit genutzt werden können. So, dass jeder auf der Welt die Möglichkeit hat, egal wo er ist, seine eigene alternative Karte auf dem Handy mitzuführen.