Nachwuchstalente
Neues Förderprogramm für Leistungssportler im Kanton St.Gallen: «Lehrabschluss und Sprung in den Profisport schaffen»

Am kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrum (KBZ) gibt es nun ein Förderprogramm für junge Sportlerinnen und Sportler. Das Ziel ist, den Nachwuchstalenten eine Berufslehre neben dem Leistungssport zu ermöglichen und den Schul- und Berufsalltag möglichst zu vereinfachen.

Alain Rutishauser
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Alina Hug ist eines von 35 Nachwuchstalenten, die am Förderprogramm des KBZ teilnehmen.

Alina Hug ist eines von 35 Nachwuchstalenten, die am Förderprogramm des KBZ teilnehmen.

Bild: PD

Leistungssport und Berufslehre? Bisher hielt sich der Glaube hartnäckig, dass sich junge Sportlerinnen und Sportler für eine der beiden Optionen entscheiden müssen. Muss nicht sein, dachte sich der Kanton St.Gallen und lancierte 2021 das Förderprogramm Leistungssport für junge Nachwuchstalente.

«Viele Sportlerinnen und Sportler würden gerne eine Berufslehre absolvieren, merken dann aber, dass sie vielen Anspruchsgruppen gerecht werden müssen.» Dies sagt Marco Walser, Koordinator des Förderprogramms am Kaufmännisches Berufs- und Weiterbildungszentrum (KBZ) in St.Gallen. Deshalb sei die Durchfallquote bei Nachwuchstalenten während des Übergangs von der Oberstufe in die Berufslehre sehr hoch.

Nachwuchstalenten die Berufslehre ermöglichen

Marco Walser ist Koordinator des Förderprogramms Leistungssport am KBZ St.Gallen.

Marco Walser ist Koordinator des Förderprogramms Leistungssport am KBZ St.Gallen.

Bild: PD

Mit dem Förderprogramm wolle man jenen entgegenkommen, die trotz allem gerne einen Beruf erlernen würden, sagt Walser. Seine Aufgabe ist es, den Sportlerinnen und Sportlern die administrativen Aufgaben abzunehmen. «Wir können Nachwuchstalente unkomplizierter von der Schule dispensieren. Die meisten sind vom Sportunterricht befreit, damit ihnen mehr Zeit zum Lernen und Regenerieren bleibt.» Auch bei kurzfristigen Absenzen seien die Lehrpersonen stets entgegenkommend und nähmen, beispielsweise für Nachprüfungen, öfters mal einen Mehraufwand auf sich.

Um in das Förderprogramm aufgenommen zu werden, müssen die Teilnehmenden mindestens zehn Stunden pro Woche trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen. Ausserdem müssen sie, sofern in der Sportart vorhanden, die Swiss Olympic Talent Card besitzen, die an junge Nachwuchstalente vergeben wird. «Es wird ein hohes Mass an Kommunikationsbereitschaft, Selbstständigkeit und Zuverlässigkeit vorausgesetzt», sagt Walser. Bei Dispensen und Absenzen müssen die Sportlerinnen und Sportler von sich aus auf ihn zukommen und das Gespräch suchen, eine Sache, die bisher problemlos funktioniert habe.

35 Nachwuchstalente im Förderprogramm

Wichtig für Walser ist zu erwähnen, dass auch die Unternehmen zum Gelingen des Förderprogramms beitragen. So gibt es Abmachungen, dass die Sportlerinnen und Sportlern früher gehen oder das Pensum reduzieren dürfen. Walser sagt:

«Die Arbeitgebenden sind sich bewusst, dass die Nachwuchstalente ein grosser Mehrwert für das Unternehmen bieten. Denn sie sind sich gewohnt, Leistung zu erbringen und sind ehrgeizig.»

Klar, es habe auch Telefonate mit gewissen Unternehmenden gegeben, die um Arbeitszeit und Schulleistung der Teilnehmenden besorgt waren. «Als ich dann fragte, wie es um den Einsatz bei der Arbeit stehe, kam stets als Antwort: ‹Doch, er oder sie arbeitet super und gibt immer Vollgas.›» Problematisch werde es erst, wenn Einsatz und Einstellung bei der Arbeit nicht mehr stimmten. Dann würde das Gespräch mit den Sportlerinnen und Sportlern gesucht.

Gabriel Koureya bei seinem ersten Kampf beim Boxclub Sportring St.Gallen.

Gabriel Koureya bei seinem ersten Kampf beim Boxclub Sportring St.Gallen.

Bild: PD

Am Förderprogramm nehmen insgesamt 35 Nachwuchstalente der verschiedensten Sportarten teil, darunter 19 Fussballerinnen und Fussballer und drei Handballerinnen. Und ein Boxtalent, Gabriel Koureya, Jahrgang 2002. Er macht derzeit die Berufslehre in einer Tankstelle. «Mein Tag beginnt um vier Uhr morgens, danach erhole ich mich kurz und gehe abends ins Boxtraining, im Schnitt drei Mal unter der Woche und am Wochenende», sagt Koureya. Das KBZ unterstütze ihn gut, sodass er sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren könne. Auch schulisch komme er seither besser mit. «Nun möchte ich den Lehrabschluss und danach den Sprung ins Profiboxen schaffen.»

Von Eishockey über Fussball bis Boxen

Die 18-jährige Alina Hug aus Flawil ist ebenfalls Teil des Förderprogramms. Sie spielt Tennis und befindet sich momentan auf Rang 419 der Damen schweizweit. Jährlich absolviert sie rund 60 bis 70 Tennismatches. «Das Förderprogramm ist eine tolle Sache. Ich kann mit anderen Sportlern meine Erfahrungen austauschen, wovon ich sehr profitiere», sagt Hug. Sie absolviert derzeit das dritte Lehrjahr zur Kauffrau beim Medizintechnik-Unternehmen Sigvaris in St.Gallen. Und danach?

«Möchte ich Gas geben, weniger arbeiten und mehr Zeit fürs Tennis aufwenden. Eines meiner Ziele ist es, international zu spielen.»
Harbin Ademi (links) spielt in der U18 des FC Winterthur.

Harbin Ademi (links) spielt in der U18 des FC Winterthur.

Bild: PD

Auch der 17-jährige Harbin Ademi ist im Förderprogramm, spielt Fussball und spielt seit zwei Jahren in der U18 des FC Winterthur. Gekommen ist er aus der U16 des FC St.Gallen, davor war er beim FC Wil. «Ich spiele Fussball im Verein, seit ich sechs Jahre alt bin. Mein Vater hat selbst Fussball gespielt, so ist meine Freude für den Sport entstanden», sagt Ademi.

Momentan läuft er allerdings wegen einer Innenbandverletzung an den Stöcken. «Ich kann momentan nur Physio und Krafttraining machen. Es ist ein Seich, aber ich versuche, das beste daraus zu machen und stärker zurück zu kommen», sagt Ademi. Ausserdem ist er im ersten Lehrjahr bei der Inkassofirma Creditreform Egeli, wo er in der Dienstleistung arbeitet. «Ich möchte mich nun im sportlichen wie auch im beruflichen Bereich weiterentwickeln. Und irgendwann Fussballprofi werden.»

Jakob Kleeberg spielt in der U20-Auswahl des EHC Winterthur.

Jakob Kleeberg spielt in der U20-Auswahl des EHC Winterthur.

Bild: PD

Der 16-jährige Jakob Kleeberg aus Wil ist eines von zwei Nachwuchstalenten im Eishockey. Er spielt seit elf Jahren, trainiert nun vier bis sechs Mal die Woche in der U20-Auswahl des EHC Winterthur. Er absolviert eine Lehre zum Fachmann Apotheke. «Ich hatte bis 17 Uhr Schule, das Training begann jeweils um 18.30 Uhr. Irgendwann ging das zeitlich nicht mehr auf», sagt Kleeberg. Dann wurde er auf das Förderprogramm aufmerksam, dem er sich im Frühling anschloss.

«Ich kann es nur empfehlen. Klar, du musst Leistung bringen, aktiv und zuverlässig sein, aber wenn man das sowieso macht, dann ist es eine riesige Erleichterung.»