Neuer St.Galler Operndirektor:
«Kultur ist nicht der Zuckerguss»

Das Theater St.Gallen hat einen neuen Opernchef. Jan Henric Bogen möchte Frauen im Opernbetrieb sichtbarer machen. Und er sieht seine Rolle im Theater als die eines «Kunstermöglichers».

Martin Preisser
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Noch in Antwerpen, ab 2021 in St.Gallen: der neue Opernchef Jan Henric Bogen. Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 7. November 2019)

Noch in Antwerpen, ab 2021 in St.Gallen: der neue Opernchef Jan Henric Bogen. Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 7. November 2019)

Die Drei Weieren in St.Gallen kennt er schon. Und er freut sich auf die Berge, die gleich hinter der Stadt beginnen. Und natürlich über seine Wahl zum Opernchef. Jan Henric Bogen startet 2021 mit seiner Arbeit als Nachfolger von Peter Heilker, der nach Wien wechselt. Und er wird in St.Gallen seine erste Saison eher ungewöhnlich starten: Im Provisorium. Dafür darf er in seinem zweiten Jahr dann das renovierte Theater eröffnen.

«Als Opernchef muss man strukturiert denken und organisieren können, und das kann Jan Henric Bogen», sagt Regierungsrat Martin Klöti, der die Findungskommission präsidiert hat. Dreissig Bewerber gab es um die Nachfolge Heilkers, darunter nur wenige Frauen. Für den 36-jährigen neuen Opernchef, der im pfälzischen Ludwigshafen geboren wurde, ist Kultur nicht «der Zuckerguss» in einer Gesellschaft, sondern die Hefe, die treibt und gärt.

Kurt-Weill-Festival fragt auch nach Grenzen

Bogen ist derzeit stellvertretender Intendant an der Opera Vlaanderen in Antwerpen und unterrichtet in Gent an der International Opera Academy. In Dessau, dem Geburtsort von Kurt Weill und der bekannten Bauhaus-Stadt, leitet er seit diesem Jahr das Kurt-Weill-Fest. 2020 stellt das Festival die Frage «Was sind Grenzen?», im dortigen Sachsen-Anhalt gerade eine aktuelle hochpolitische und gesellschaftliche Frage, aber nicht nur dort. Jan Henric Bogen sagt:

«Kultur soll Räume öffnen, Räume, in denen man nachdenken kann, Räume, die Fragen stellen und nicht die schnellen Antworten liefern wollen.»

St.Gallen werde in der internationalen Szene durchaus wahrgenommen, sagt Bogen, vor allem auch im Bereich Musical. «Ich mag das Musical, es muss Niveau haben, darf aber auch im besten Sinne unterhalten. Und Musical kann helfen, die Schwellen abzubauen und nochmals ganz anderen Menschen den Zugang zum Musiktheater zu öffnen.»

Eine Hauptaufgabe des Opernchefs wird es sein, weiterhin gute und neue Stimmen nach St.Gallen zu engagieren. Hier tritt Bogen in die grossen Fussstapfen von Peter Heilker, der für das Casting immer eine besonders geschickte Hand besass. Gute Stimmen finden ist das eine, sie im Haus zu fördern und zu motivieren, das andere.

«Das liegt mir am Herzen: Ich möchte mit den Künstlerinnen und Künstlern einen Parcours machen, eine Geschichte schreiben. Sie in ihrer Entwicklung bestärken.»

Als 14-Jähriger hatte Bogen sein «Erweckungserlebnis», wie er augenzwinkernd erzählt. «Schwankend und mit wackligen Beinen kam ich aus einer Wagner-Oper, dem Parsifal.» Anstrengend sei das gewesen, aber er habe da erstmals die physische Wirkung von Oper gespürt. Viele Opern transportieren feste Bilder von Geschlechterrollen, sind von weissen Männern komponiert und werden immer noch zu oft von Männern inszeniert und dirigiert. Jan Henric Bogen will auch für St.Gallen vermehrt Ausschau halten nach Frauen: Als Komponistinnen, als Dirigentinnen und als Regisseurinnen. «Da gibt es Nachholbedarf im Opernbetrieb. Und Frauen können festgefahrene Frauenbilder auf der Bühne aufbrechen helfen.»

«Ich sehe mich als Kunstermöglicher»

Selber inszenieren will er, wie auch Peter Heilker, nicht. «Mir liegt das Produzieren am Herzen. Ich sehe mich als Kunstermöglicher», sagt Bogen, der im St.Galler Opernteam «inspirierende Bedingungen» anbieten will. Statt der üblichen drei hat er einen Vertrag für vier Jahre erhalten. Aus Belgien in die Ostschweiz und erstmals auf einen Chefposten: Jan Henric Bogen hat sich um die Stelle am Theater St.Gallen beworben, weil er wahrgenommen habe, dass hier das Bestmögliche mit den vorhandenen Mitteln gemacht werde. «St.Gallen ist wirklich ein attraktives Haus, hier wird handwerklich sehr gut produziert.»

St. Galler Opernchef wechselt nach Wien

Nach Tanzchefin Beate Vollack zieht es auch Peter Heilker ostwärts. Im September 2021 übernimmt er am Theater an der Wien eine leitende Stellung an der Seite des Regisseurs Stefan Herheim.
Rolf App