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Neuer IHK-Direktor Bänziger: «Ich bin keine Kurt-Weigelt-Kopie»

Markus Bänziger ist der neue starke Mann der Ostschweizer Wirtschaft. Der IHK-Direktor über seine politischen Ambitionen, die HSG-Spesenaffäre und die Narrenfreiheit seiner Organisation.
Andri Rostetter, Stefan Schmid
Markus Bänziger, neuer IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

Markus Bänziger, neuer IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

Markus Bänziger, Sie kommen aus einfachen Verhältnissen. Ein Vorteil, wenn man IHK-Direktor wird?

Ich denke schon. Das legitimiert mich, auf allen Ebenen mitzureden.

Ihr Vorgänger Kurt Weigelt war ein urbaner Akademiker. Sehen Sie sich als Gegenentwurf?

Der Vorstand wollte keine Kurt-Weigelt-Kopie. Nicht, weil Weigelt es schlecht gemacht hat, im Gegenteil. Aber es kommt nicht gut, wenn man jemanden mit dem gleichen Profil sucht.

Weigelt provozierte gern, Sie gelten als konziliant. Wird die IHK braver?

Ich sehe mich als Impulsgeber und Brückenbauer. Es gibt aber Themen, bei denen ich unruhig werde.

Bei welchen?

Mich stört Gier nach staatlichen Leistungen, diese Vorstellung, dass man alle mögliche Ideen über die Öffentlichkeit finanzieren muss. Und ich habe Mühe mit ineffizienten Staatsbetrieben. Was der Staat tut, soll er richtig machen.

Markus Bänziger am Sitz der IHK im St.Galler Klosterviertel. (Bild: Urs Bucher)

Markus Bänziger am Sitz der IHK im St.Galler Klosterviertel. (Bild: Urs Bucher)

Das tönt nach Kritik.

Wie kommen Sie darauf?

Nehmen wir die «Zukunftsagenda» der IHK. Diese liest sich wie ein Gegenprogramm zur Regierung: Die Politik gibt zu wenig Impulse, also muss sie die Wirtschaft setzen.

Darum geht es nicht. Wir haben eine gewisse Narrenfreiheit und können unsere eigenen Schwerpunkte setzen.

Das klingt nicht überzeugend.

Wissen Sie, ich erlebe das als Exekutivpolitiker selbst: Wenn Initianten den Exekutivpolitikern zuerst einmal eins an die Ohren geben, wenn sie etwas wollen, dann führt das nicht zum Ziel. Und es ist auch nicht mein Stil. Uns geht es darum, eine andere Perspektive zu bieten. Mit Regierungskritik hat das nichts zu tun.

Die IHK propagiert die Ostschweiz als Grossregion, bestehend aus St. Gallen, Thurgau und beiden Appenzell. Gibt es bald einen Ostschweizer Wirtschaftsverband?

Nein. Wir werden die Zusammenarbeit mit den Thurgauern intensivieren, aber eine Fusion wird es nicht geben. Die Oberthurgauer sind an St. Gallen interessiert, aber der komplette Rest des Kantons schaut nach Zürich.

Muss sich die Ostschweiz damit abfinden, dass sie ein Anhängsel von Zürich ist?

Nein. Das stimmt so auch nicht. In Zürich ist die Industrie praktisch verschwunden, in der Ostschweiz ist sie nach wie vor stark und vielfältig. Das Problem ist unsere eigene Wahrnehmung. Vor kurzem gab es an der HSG ein Podium mit dem Titel «Ostschweiz: Verweilen im Mittelmass oder raus aus der Schmollecke». Wenn wir noch lange solche Veranstaltungen machen, glauben wir bald selber daran, dass wir Mittelmass sind.

Seit Jahrzehnten reden wir über den internationalen Wirtschaftsraum Bodensee. In der Realität existiert die Vernetzung kaum.

Das ist so. Der Raum funktioniert allein schon geografisch schlecht, der See trennt die Regionen. Das Rheintal ist mit Vorarlberg zwar stark verwoben, aber darüber hinaus gibt es diese grenzüberschreitende Region nicht.

Wo liegt das Problem?

Wir brauchen diese Region schlicht nicht, es geht uns zu gut. Das Thema hat für die IHK deshalb auch keine Priorität. Wir sind offen und unterstützen alles, was zu einer besseren Vernetzung führt. Aber wir werden hier keine Initiative ergreifen. Wir haben selber genug Baustellen hier.

Zum Beispiel die HSG mit ihren diversen Affären. Macht Ihnen das ramponierte Image der Uni Sorgen?

Klar ist das unglücklich, gerade im Hinblick auf die anstehende Abstimmung über den neuen Campus. Ich werde aber keine Ratschläge erteilen. Nur so viel: Transparenz ist eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen. Aber es gibt Grenzen, die Persönlichkeitsrechte müssen gewahrt werden. Es darf nicht in eine Hexenjagd ausarten.

Die Nebenbeschäftigungen der Professoren gehen in Ordnung?

Ja, man muss sie allerdings klar regeln. Schwarze Schafe gibt es überall. Die HSG ist aber gerade deshalb eine der besten Wirtschaftsuniversitäten, weil die Dozenten in der Praxis tätig sind. Wirtschaft ist keine Naturwissenschaft, es braucht den Bezug zur realen Arbeitswelt.

Die Chancen stehen gut, dass am 5. Dezember eine Ostschweizerin in den Bundesrat gewählt wird. Was erhoffen Sie sich davon?

Ich kenne Karin Keller-Sutter nicht persönlich, ich habe keinen direkten Draht zu ihr. Aber ihre Wahl würde mich natürlich freuen.

Die IHK hat sich klar im rechten Lager positioniert. Sie sind FDP-Mitglied, Politikchef Michael Götte ist bei der SVP. Ihnen kommt langsam die Mitte abhanden.

Das stimmt so nicht. Michael Götte ist nicht bei der IHK, weil er in der SVP ist, sondern weil er als Kantonsrat unsere Anliegen vertritt. Uns geht es nicht um Parteipolitik, sondern um gute Leute. Wenn jemand unsere Kernanliegen vertritt, ist es egal, ob er bei der CVP, bei den Grünliberalen oder bei der FDP ist.

Sie haben 2015 für den Nationalrat kandidiert. Treten Sie 2019 erneut an?

Das kann ich noch nicht sagen.

Sie haben damals gegen SVP-Mann David Zuberbühler verloren. Ist er die richtige Vertretung für Ausserrhoden?

Das Volk hat ihn gewählt.

Markus Bänziger, neuer IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

Markus Bänziger, neuer IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

Sie weichen aus.

Natürlich wäre es begrüssenswert, eine liberale Vertretung im Nationalrat zu haben.

Wird die IHK SP-Ständerat Paul Rechsteiner zur Wahl empfehlen? Er macht ja seine Arbeit als Vertreter der Ostschweiz gar nicht schlecht.

Das muss unser Vorstand entscheiden.

Und was finden Sie? Macht Rechsteiner einen guten Job?

Er setzt sich für den öffentlichen Verkehr ein, das ist unbestritten. Aber wirtschaftspolitisch ist er nicht die Vertretung, die sich eine IHK wünscht.

Die rechtsbürgerliche Mehrheit dominiert das St. Galler Kantonsparlament. Das müssten eigentlich ideale Voraussetzungen für die Wirtschaft sein.

So einfach ist das nicht. Die IHK hat nicht immer die gleichen Ziele wie die gewerbliche Wirtschaft. Beim Aussenhandel etwa vermisse ich die gemeinsame Strategie. Es ist nachvollziehbar, dass das Gewerbe hier anderer Meinung ist. Aber für eine prosperierende Wirtschaft brauchen wir den Freihandel.

Der Gewerbeverband unterstützt auch die Selbstbestimmungsinitiative der SVP.

Wir haben divergierende Interessen, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Das ist aber nicht nur schlecht, es gibt in der Wirtschaft unterschiedliche Bedürfnisse. Grosskonzerne wie Bühler oder SFS haben nicht die gleichen Prioritäten wie eine Dorfbäckerei.

Was sind Ihre drei wichtigsten Baustellen?

Erstens müssen wir die Ostschweiz als ganze Region verstehen. In den grossen Themen wie Bildung, Digitalisierung, Gesundheit brauchen wir eine gesamtheitliche Sicht auf die Region.

Zweitens?

Die Digitalisierung ist eine Riesenchance. Wir haben hier erste Initiativen lanciert, aber damit ist es nicht getan. Wir brauchen eine konzentriere Offensive auf allen Ebenen. Sonst werden wir abgehängt. Das gilt auch für uns dritte Baustelle, den gesellschaftlichen Wandel.

Was meinen Sie konkret?

Zum Beispiel familienergänzende Angebote, Tagesschulen und individuellere Arbeitsmodelle. Die Wirtschaft muss flexibler werden, aber auch auf Seite der Betreuung braucht es Anpassungen. Da wartet noch viel Arbeit auf uns.

Zur Person

Seit dem 1. November ist Markus Bänziger (Jg. 1967) Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Bänziger absolvierte eine KV-Lehre und studierte anschliessend an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule in St. Gallen Betriebswirtschaft und arbeitete in verschiedenen Positionen für die Helvetia-Versicherung und die Textilfirma Forster Rohner. Seit 2017 ist Bänziger Geschäftsführer der Helvetia Consulting AG. Der Sohn eines Briefträgers ist in Teufen aufgewachsen und lebt mit seiner Familie heute noch dort. Seit 2012 ist er Vizepräsident des Teufner Gemeinderats. (ar)

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