«Ein Abbau der Vergleichbarkeit» – Thurgauer Grosser Rat kritisiert die neuen Schulzeugnisse

Ungewohnt einstimmig äussern sich die Kantonsräte zur neuen Leistungsbeurteilung in der Schule. Die Regierung müsse ein Machtwort sprechen, damit die Noten einheitlich und aussagekräftig daherkommen.

Larissa Flammer
Drucken
Teilen
Die Sammelnoten in den neuen Thurgauer Zeugnissen sorgen für Diskussionsstoff (Bild: Andrea Stalder)

Die Sammelnoten in den neuen Thurgauer Zeugnissen sorgen für Diskussionsstoff (Bild: Andrea Stalder)

Karin Bétrisey hat ihr altes Schulzeugnis in die Grossratssitzung mitgenommen: ein kleines Heftchen. In der anderen Hand hält sie das Zeugnis ihrer Tochter. Die GP-Kantonsrätin (Kesswil) sagt:

«Das heutige Zeugnis ist doppelt so gross, dafür steht nur halb so viel drin.»

Dass das aktuelle Thurgauer Volksschulzeugnis seine Schwächen hat, darin sind sich die Kantonsräte am Mittwoch in Weinfelden einig. «Chaotisch» und «überstürzt» seien die Änderungen im Sommer 2017 eingeführt worden.

Viele Kantonsräte wollen Einzelnoten

Angestossen haben die Diskussion sechs Kantonsräte mit ihrer Interpellation «Thurgauer Schulzeugnisse 2017/2018 – aussagekräftig und vergleichbar?».

Der wichtigste Punkt sei, dass die Zeugnisse innerhalb des Kantons gleich aussehen, sagt Erstunterzeichner Urs Schrepfer (SVP, Busswil). Im Moment können Lehrer selber entscheiden, ob sie gewisse Fächer zusammenfassend mit einer Note bewerten wollen.

Schrepfers Parteikollege Daniel Vetterli (Rheinklingen) findet deutliche Worte: «Wir fordern die Regierung auf, klar Stellung zu beziehen.» Viele Kantonsräte sprechen sich für einzelne Noten aus. «Sie entsprechen der zunehmenden Spezialisierung in unserer Welt», sagt etwa Karin Bétrisey.

Handreichung zur Interpretation gefordert

Lehrmeister und weiterführende Schulen kritisieren zudem die Aussagekraft der Schulzeugnisse. Viktor Gschwend (FDP, Neukirch) sagt:

«Das Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten sagt mir oft mehr als die Noten.»

Marianne Sax (SP, Frauenfeld) ruft sogar oft die Lehrperson an, weil sie dem Zeugnis nicht entnehmen kann, was sie wissen will. Neben Einzelnoten und einheitlichen Formularen fordert sie deshalb auch eine Handreichung zur Interpretation der Beurteilungen – auch für Ausbildner.

Kritik an freihändiger Vergabe des Auftrags an Lehrer-Office

Reto Ammann (GLP, Kreuzlingen) bringt eine neue Idee ein:

«Warum stärken wir nicht die subjektive Beurteilung der Lehrer?»

Sie könnten einschätzen, ob ein Jugendlicher zum Beispiel Erfindergeist oder Ausdauer zeigt, und einschätzen, ob eine Person für eine Bäckerlehre taugt.

Ein dritter Kritikpunkt ist die Vergabe des Auftrags für ein Software-Programm zur Zeugniserfassung. «Jetzt hätte die Möglichkeit bestanden, ein ideales Tool zu finden», sagt Andreas Wirth (SVP, Frauenfeld). Alternativen zu Lehrer-Office, dem heutigen Tool, seien vorhanden. Wirth ist der Meinung, dass die freihändige Vergabe des Auftrags die Finanzkompetenz der Regierung überschritten hat.

Diskussion und Übergangsphase sind ein Vorteil für den Thurgau

Ob dem so ist, kann Regierungsrätin Knill nicht sagen. Die Frage werde an die Geschäftsprüfungskommission weitergegeben. Das Volksschulamt habe aber vier Alternativen zu Lehrer-Office geprüft, vielleicht gebe es eine Wahlfreiheit.

Die anderen Kritikpunkte werden in die Erarbeitung der definitiven Beurteilungsgrundlage einfliessen. Es sei ein Vorteil für den Thurgau, dass jetzt genau geprüft werden könne, welche Ansprüche bestehen. Knill bestätigt:

«Ja, wir brauchen ein einheitliches, aussagekräftiges und gut lesbares Zeugnis.»