Neue Richtlinien für Pflegeeltern im Kanton St.Gallen: Grosseltern erhalten künftig mehr Geld

Der Kanton St.Gallen regelt die Entschädigung für Pflegefamilien neu. Pro Tag und Kind erhalten die Familien künftig einen einheitlichen Betrag. Davon profitieren nicht alle. 

Katharina Brenner und
Adrian Lemmenmeier
Hören
Drucken
Teilen
Die richtige Familie für ein Kind zu finden ist oft schwierig.

Die richtige Familie für ein Kind zu finden ist oft schwierig.

Bild: Imago Images

Ein Satz fällt im Zusammenhang mit Pflegefamilien immer wieder: Die Situationen sind individuell. Einheitlich sind hingegen die Gelder, die Pflegefamilien im Kanton St.Gallen seit diesem Jahr erhalten. Waren es früher knapp 60 Franken pro Kind und Tag, sind es neu 83 Franken für Kinder bis vier Jahre, für alle anderen 73 Franken. Das legen die neuen Pflegegeld-Richtlinien fest. Die Regierung hat die Verordnung mit Jahresbeginn in Vollzug gesetzt. Brigitte Wüst, Bereichsleiterin Adoptiv- und Pflegefamilien im Kanton St.Gallen, sagt:

«Durch die Verordnung werden die Richtlinien verbindlich. Familien, die von einer professionellen Organisation betreut werden, erhalten künftig tendenziell weniger Geld.»

DAF, kurz für Dienstleistungen in der Familienpflege, nennen sich diese Firmen. Im Jahr 2018 haben sie 136 von insgesamt 340 aktiven Pflegefamilien im Kanton beraten und unterstützt. Häufig helfen sie bei schwierigen Fällen. Diese Organisationen hätten bisher ihre eigenen Tarife erstellt und somit auch den «Lohn» der Pflegeeltern, sagt Wüst. Jetzt seien die Beträge einheitlich – ganz gleich, ob eine Familie Unterstützung von einer DAF erhalte oder nicht.

Bei Verwandten spielt das Einkommen eine Rolle

Brigitte Wüst, Bereichsleiterin Adoptiv- und Pflegefamilien im Kanton St.Gallen

Brigitte Wüst, Bereichsleiterin Adoptiv- und Pflegefamilien im Kanton St.Gallen

pd

Zwei Gruppen dürften gemäss Wüst künftig mehr Geld erhalten: Pflegeeltern, die nicht durch eine DAF begleitet werden, und Personen, die ein verwandtes Kind aufnehmen. Rund ein Drittel der Pflegeverhältnisse bestehen zwischen Verwandten. Am häufigsten wohnen Kinder bei ihren Grosseltern. Bei Verwandten wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass sie Kinder unentgeltlich betreuen. Sie können zwar auch Pflegegeld beantragen. Oft habe man sie aber mit tieferen Ansätzen für die Lebenskosten entschädigt, als in den Richtlinien vorgesehen, so Wüst. Das werde sich nun wohl ändern.

Die Zahlen der Pflegeverhältnisse im Kanton St.Gallen sind von 2013 bis 2017 angestiegen. Wüst erklärt das damit, dass seit 2013 nicht nur die Aufnahme von unter 16-Jährigen, sondern die aller Kinder und Jugendlichen bewilligungspflichtig ist. Und die Betreuung in Pflegefamilien scheine an Bedeutung gewonnen zu haben. Seit 2017 sind die Zahlen leicht rückgängig von 354 Pflegeverhältnissen auf 330 Pflegeverhältnisse im Jahr 2019. Ob dies ein Trend sei, lasse sich noch nicht feststellen, sagt Wüst. Familien gebe es genug.

«Trotzdem sind wir froh um jede neue Pflegefamilie.»

Denn auch wenn der Pool von fast 100 freien Plätzen gross scheinen mag, seien die Bedürfnisse der Kinder individuell.

Das Pflegegeld ist Verhandlungssache

Im Thurgau nimmt die Anzahl Pflegefamilien schon seit Längerem ab. Christian Schuppisser, Leiter der kantonalen Pflegekinder- und Heimaufsicht erklärt dies damit, dass die Zahl der Fremdplatzierungen generell abgenommen habe. Grundsätzlich gebe es aber auch im Thurgau genügend Pflegefamilien. 2018 lebten in 167 Familien Pflegekinder. Deutlich weniger geworden sind die Familien mit freien Plätzen. 2015 waren es 59, drei Jahre später noch 40. Das habe damit zu tun, dass bei neuen Pflegefamilien in der Regel bereits eine Platzierung geplant sei, so Schuppisser. Die richtige Familie für ein Kind zu finden, sei aber immer eine Herausforderung. «Manchmal gelingt das nicht, obwohl es zahlreiche Familien gibt, die aktuell keine Pflegekinder betreuen.»

Eine gesetzliche Verordnung über die Höhe des Pflegegeldes, wie in St.Gallen eingeführt, gibt es im Thurgau nicht. «Grundsätzlich ist das Pflegegeld frei verhandelbar», sagt Schuppisser. In der Regel würden aber die kantonalen Richtlinien angewendet. Die dort empfohlenen Entschädigungen sind in etwa 20 Franken tiefer als im Kanton St.Gallen.

«Alles unter 80 Franken pro Tag ist zu wenig»

Olaf Stähli ist Co-Leiter der Schweizerischen Fachstelle Pflegefamilie. Der gemeinnützige Verein will die Wertschätzung für Pflegefamilien erhöhen und bietet Weiterbildungskurse für Pflegeeltern an. Stähli sagt:

«Die Leistung, die Pflegeeltern für die Gesellschaft erbringen, ist enorm.»

Die öffentliche Wertschätzung aber sei gering. Deshalb spiele die finanzielle Entschädigung für Pflegeeltern eine wichtige Rolle. «Pflegegeld unter 80 Franken pro Tag ist aus unserer Sicht zu wenig.» Oft hätten Pflegekinder im Vergleich zu Heimkindern ausserdem weniger Zugang zu Förderung. Grundsätzlich unterscheide sich die Situation stark von Kanton zu Kanton.

Was Pflegeeltern mitbringen müssen

  • Voraussetzung: Verheiratete, unverheiratete, hetero- und homosexuelle Paare sowie Alleinstehende dürfen Pflegekinder aufnehmen. Die Kriterien für die Aufnahme eines Pflegekindes sind in allen Kantonen dieselben und in einer Verordnung des Bundesrates festgehalten.
  • Bewilligung: Im Kanton St. Gallen klärt das Amt für Soziales ab, ob die Voraussetzungen für die Betreuung erfüllt sind, und besucht die Pflegefamilien regelmässig. Vier Fachpersonen aus den Bereichen Soziale Arbeit und Psychologie klären ab, ob Gesuchsteller geeignet sind.
  • Pflegearten: Es werden vier Pflegearten unterschieden. Bei der Tagespflege wird das Kind tagsüber an einzelnen oder mehreren Tagen der Woche betreut. In der Wochenpflege lebt es, mit Ausnahme der arbeitsfreien Tage der Eltern, in der Pflegefamilie. In der Dauerpflege lebt das Kind permanent in der Pflegefamilie. Befindet sich ein Kind in einer Notsituation, wird eine Notfallplatzierung vorgenommen, die in der Regel auf drei Monate beschränkt ist.
  • Pflegegeld: Für die Betreuung eines Kindes erhalten Pflegeeltern Geld. Neu sind es im Kanton St.Gallen pro Tag und Kind 33 Franken für Unterkunft, Verpflegung und Haushalt sowie 40 Franken für die Betreuung bei Kindern ab vier Jahren. Für Kinder bis vier Jahre sind es 33 Franken plus 50 Franken für die Betreuung. (al/kbr)
Mehr zum Thema

Plötzlich Grossfamilie

Bei Patricia Capurso und Matthias Burkhardt leben nebst ihrer leiblichen Tochter auch mehrere Pflegekinder.
Noemi Lea Landolt

FREMDBETREUUNG: Ein Zuhause am Ende des Weges

Seit 2013 steigt die Zahl der Pflegefamilien im Kanton St. Gallen. Vor zwei Jahren haben Astrid und Jürg Schmid den heute 16-jährigen Sebastian bei sich aufgenommen. Ein Besuch bei der Familie im Toggenburg.
Katharina Brenner