Neue Ausstellung in der Stiftsbibliothek St.Gallen: Warum Geschichte immer auch ein Instrument der Macht ist

In ihrer Winterausstellung erzählt die Stiftsbibliothek St.Gallen von den Geschichtsschreibern des Klosters und ihren Motiven.

Rolf App
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Stiftsbibliothekar Cornel Dora vor einer der Vitrinen in der neuen Ausstellung.

Stiftsbibliothekar Cornel Dora vor einer der Vitrinen in der neuen Ausstellung.

(Bild: Ralph Ribi)

Als Fürstabt Ulrich Rösch 1463 die Herrschaft über das Kloster St.Gallen übernimmt, tritt er an die Spitze einer Mönchsgemeinschaft in Not. Es fehlt an Nachwuchs, das monastische Leben ist in der Krise. Und auch die politische Macht wankt, seit sich die Appenzeller vom Kloster gelöst haben und sich die Stadt mehr und mehr verselbständigt. Gegen diese Erosion der Macht hilft Propaganda, denkt Rösch sich.

Die «Kurze Chronik des Gotzhaus St.Gallen», die er in Auftrag gibt, bestreitet rundweg, dass St.Gallen je eine Reichsstadt gewesen sei, und spricht auch dem Land Appenzell jede Eigenständigkeit ab. Das ist natürlich Ausdruck von Hilflosigkeit und historisch leicht zu widerlegen. Aber das Beispiel zeigt, dass, wie der St.Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora sagt, «Geschichte immer auch ein Instrument politischer Macht ist».

Die neue Winterausstellung der Stiftsbibliothek erzählt von Geschichtsschreibern und ihren Auftraggebern, und zwar von beiden Seiten, der fürstäbtischen wie der stadtsankgallischen. Weshalb neben Stiftsbibliothekar Cornel Dora und seinen Mitarbeitern Andreas Nievergelt und Philipp Lenz auch Stefan Sonderegger mitgewirkt hat, der Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde.

Vadian ist Geschichtsschreiber und Politiker zugleich

Auch die Stadt ist sich nämlich der Macht der Geschichte bewusst, weshalb der Stadtrat denn auch im Jahr 1556 alle Bürger aufruft, die Chroniken verfassen, diese dem Rat zum Zwecke der Zensur vorzulegen. Zu dieser Zeit hat schon die Reformation den Bruch mit dem Kloster vollzogen, und Joachim von Watt, Vadian genannt, hat in seiner «Kleinen Chronik der Äbte» dargelegt, wie sich die Stadt aus deren Herrschaft losgekauft habe. Vadian ist Geschichtsschreiber und Politiker zugleich, und so zögert er denn nicht, einen der Äbte als «Werwolf und Räuber» zu bezeichnen, wie Sonderegger beim Rundgang durch die Ausstellung erzählt.

«Vadian hat zwar Urkunden studiert und damit schon sehr modern gearbeitet. Aber er hat dabei doch stets den Hut des Politikers aufgehabt.»

Doch Geschichtsschreibung folgt immer Interessen, auch wenn nicht gerade die Reformation im Raume steht. Orosius zum Beispiel schreibe Anfang des 5.Jahrhunderts mit seinen «Historiae adversos paganos» gegen die Behauptung der Heiden an, das Christentum sei schuld am Niedergang Roms, erklärt Andreas Nievergelt. Überall, auch in St.Gallen wird sein Werk aufmerksam studiert, was man gut an den vielen Randbemerkungen (Glossen) erkennen kann.

Ein Teil von ihnen stammt von Ekkehart IV., der mit seinen «Klostergeschichten», den «Casus Sancti Galli», im 11.Jahrhundert selber die «schönste und kurzweiligste Geschichte des Klosters» verfasst hat, wie Cornel Dora sagt. Aufbauen kann er dabei auf dem, was im 9.Jahrhundert der Mönch Ratpert über die Frühzeit des Klosters zu berichten weiss. Ratpert, schreibt Ekkehart, war «ein guter und verständiger Vermittler». Er setzte seinen Fuss seltener als seine Brüder hinaus aus dem Kloster «und brauchte deshalb nur zwei Schuhe pro Jahr».

Der Dichtermönch Ratpert ist der erste Chronist des Klosters St.Gallen: Von ihm stammt die um 890 verfasste älteste erhaltene Handschrift der Klosterchronik.

Der Dichtermönch Ratpert ist der erste Chronist des Klosters St.Gallen: Von ihm stammt die um 890 verfasste älteste erhaltene Handschrift der Klosterchronik.

(Bild: Ralph Ribi)

Platz für pragmatische Menschlichkeit

Was heute der Roman ist, das waren im Mittelalter die Heiligenlegenden. Wobei auch in ihnen die Realität immer wieder mal durchschimmert. Drei Jahrzehnte nach der Heiligsprechung Wiboradas zum Beispiel verfasst der Mönch Herimannus im 11.Jahrhundert eine überarbeitete Version ihrer Lebensgeschichte und erzählt darin von einer Frau, die ihr Neugeborenes umgebracht hat und von einer wütenden Menge ausgepeitscht wird. «Kindsmord war im römischen Reich verbreitet», erzählt Cornel Dora, «erst das Christentum hat ihn geächtet und mit der Todesstrafe bedroht.»

Dennoch kommt die Frau glimpflich davon, ein Jahr lang steht sie an den Festtagen in der Vorhalle der St.Mangenkirche. Und will das auch noch weiter tun. Ihr Kind, fürchtet sie, ist in die Hölle geraten, weil es noch nicht getauft war. Doch Wiborada beruhigt sie: Eines jeden Strafe werde so bemessen, «wie er es durch seine Schuld verdient hat». Das zeigt, sagt Cornel Dora, «dass es im Mittelalter durchaus Platz gab für pragmatische Menschlichkeit».

Hinweis

Stiftsbibliothek St.Gallen, bis 8.März 2020. Eröffnung heute Dienstag, 18.15 Uhr, Musiksaal im Dekanatsflügel im Stiftsbezirk