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Interview

«Diese Schulreform ist völlig überflüssig» –Markus Isenrich kritisiert St.Galler Bildungsdepartement

Markus Isenrich kann der Zentralisierung der St.Galler Berufsfachschulen wenig abgewinnen. Er kritisiert Führungsschwäche im Bildungsdepartement und die Ausschaltung der Regionen.
Interview: Silvan Lüchinger, Regula Weik
Markus Isenrich ist Präsident der Berufsfachschulkommission des Berufs- und Weiterbildungszentrums für Gesundheits- und Sozialberufe. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 5. Mai 2017))

Markus Isenrich ist Präsident der Berufsfachschulkommission des Berufs- und Weiterbildungszentrums für Gesundheits- und Sozialberufe. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 5. Mai 2017))

Am 25. November entscheidet sich, ob die St. Galler Berufsfachschulen neu dem Amt für Berufsbildung unterstellt werden. Stimmt die Bevölkerung zu, wären die einflussreichen und weitgehend autonomen Berufsfachschulkommisionen entmachtet. Ihnen bliebe in praktisch allen Fragen nur noch ein Antragsrecht. Markus Isenrich ist Präsident der Berufsfachschulkommission des Berufs- und Weiterbildungszentrums für Gesundheits- und Sozialberufe.

Markus Isenrich, die Führungsstruktur der Berufsfachschulen wird auf den Kopf gestellt. Weshalb?

Das frage ich mich auch. Eine Notwenigkeit dafür ist nicht gegeben.

Die Regierung sieht das anders.

Das heutige System wurde 2002 mit der Kantonalisierung der Berufsschulen eingeführt und 2008 bestätigt. Ich bin seit 2011 dabei. Seither habe ich von einer einzigen Unregelmässigkeit an einer der neun Berufsfachschulen im Kanton gehört. Das reicht anscheinend, um das gesamte System in Frage zu stellen und eine Neuordnung anzustossen.

Worum ging es bei diesem einen «Problemfall»?

Das weiss ich nicht. Es wurde keine Transparenz geschaffen. Das Departement informierte uns nur, dass es ein Problem gegeben habe, mehr nicht, weder wo noch was.

Die Reform deutet darauf hin, dass auch sonst nicht alles stimmt.

Das System hat funktioniert, weil das Bildungsdepartement in den ersten Jahren nach der Kantonalisierung der Schulen klar geführt hat. Das hat sich mit den personellen Wechseln geändert. Plötzlich waren die Zuständigkeiten von Departement, Amt für Berufsbildung und Berufsschulen ein Thema.

Die Regierung behauptet, die Zuständigkeiten seien unklar geregelt. Stimmt das nicht?

Das sind vorgeschobene Gründe. Zu 95 Prozent ist im Gesetz klar geregelt, welche Ebene was zu tun hat. Die wenigen offenen Schnittstellen muss man absprechen. Als Präsident der Berufsfachschulkommission bin ich Bildungschef Stefan Kölliker unterstellt. Wenn er mir sagt «Das machen wir so», dann ist das Problem erledigt. Das ist ein klarer Führungsentscheid. Daran mangelt es.

Heisst das, die Departementsleitung hat die Kommissionen nicht mehr im Griff?

Die Kommissionen werden vom Departement gewählt. Alles, was wir machen, muss von ihm abgesegnet werden. Wenn das Departement will, hat es die Kommissionen durchaus im Griff.

Mit dem Amt für Berufsbildung wäre wieder eine klare Führung vorhanden.

Die Departementsspitze zieht sich zurück und bürdet dem Amt für Berufsbildung eine Führungsrolle auf, die es in der heutigen Konfiguration gar nicht bewältigen kann. Die neun Berufsfachschulen sind neu direkt dem Amtsleiter unterstellt; er muss sie alle führen. Dazu kommt sein eigenes Amt.

Aus Ihrer Sicht braucht es die angestossene Reform also gar nicht.

Wenn alle Instanzen ihre Führungsverantwortung wahrnähmen, bräuchte es die Änderung tatsächlich nicht.

Welches sind denn die wahren Motive hinter der Systemänderung?

Die Grundidee war die Abschaffung der Kommissionen und die Zentralisierung beim Amt für Berufsbildung. Dagegen gab es massiven Widerstand aus den Regionen; sie wären geschwächt worden. Also schwenkte man auf eine letztlich unehrliche Mittellösung ein.

Eine Mogelpackung?

Das sagen Sie. Auf jeden Fall versteckt man sich jetzt hinter Kommissionen, denen alle Zähne gezogen wurden. Bisher konnte ich mit dem Leiter des Amtes für Berufsbildung auf Augenhöhe diskutieren. Neu bin ich nur noch sein Briefträger. Konsequent weitergedacht heisst das: Es braucht eigentlich die Kommissionen gar nicht mehr. Wenn das Amt etwas anordnet, kann es das dem Rektor auch direkt mitteilen. Er ist ja ebenfalls dem Amtsleiter unterstellt.

Heute sind die Berufsfachschulen in den Regionen verankert. Was bleibt diesen?

Wenig. Sie dürfen zwar noch Kommissionsmitglieder stellen, aber diese haben kaum etwas zu sagen. Es wird schwierig werden, gute und engagierte Leute zu finden. Für Sitzungen, in denen sie nichts entscheiden können, haben qualifizierte Leute keine Zeit.

Immerhin bleibt den Kommissionen das Antragsrecht...

Die Kommissionen unterstützen gemäss Gesetzestext die übergeordnete Stelle, «nach Massgabe von deren Weisungen und Aufträgen». Von Gestaltungsmöglichkeiten und Mitsprache kann bei dieser Generalklausel keine Rede mehr sein. Das ist «plein pouvoir» für das Amt.

Ein konkretes Beispiel?

Nehmen wir die Löhne. Das kantonale Lohnsystem erlaubt uns heute beispielsweise, den Lohn des Rektors innerhalb einer definierten Bandbreite festzusetzen. Neu müssten wir jeden Lohn – auch jenen der Putzfrau – dem Amt zur Genehmigung vorlegen. Die Kommissionen werden zu Alibiorganen.

Dennoch ist der Widerstand gegen die Neuregelung verhalten.

Das ist so, und ich bedaure das. Immerhin geht es um über 20000 Schülerinnen und Schüler im ganzen Kanton. Das sind wesentlich mehr als etwa an den Mittelschulen. Offensichtlich finden die entscheidenden Finessen im Gesetzestext zu wenig Beachtung.

Weshalb fanden sich Kommissionspräsidenten oder Rektoren nicht zu einem gemeinsamen Protest?

Einzelne Präsidenten haben resigniert. Andere stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Kanton, etwa in ihrer zivilen Funktion. Kommissionen und Schulleitungen haben in der Vernehmlassung kritisch Stellung bezogen und auch den Departementschef auf die unmögliche Umsetzbarkeit hingewiesen.

FDP und SVP, die sich sonst gegen Zentralisierung und Verstaatlichung stellen, begrüssen die Reform. Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Bei der FDP habe ich den Eindruck, dass dieses Geschäft mehr oder weniger unbeachtet mitgelaufen ist, weil sie andere Themen im Fokus hatte. Was die SVP betrifft: Das Geschäft kommt aus dem Departement ihres Regierungsrats. Die Partei will ihn nicht im Regen stehen lassen, auch wenn viele erkannt haben, dass da etwas schief gelaufen ist.

Auch die Haltung der Wirtschaftsverbände erstaunt.

Schauen Sie sich den Vorstand des Gewerbeverbandes an – FDP und SVP. Zudem ist der Verband Auftragnehmer des Bildungsdepartements, zum Beispiel bei den Qualifikationsverfahren zum Lehrabschluss. Und wer ist in der IHK für Politfragen zuständig? Der Fraktionschef der SVP im Kantonsparlament.

Der Lehrerverband nahm pointiert für die Neuregelung Stellung.

Ich weiss nicht weshalb, und ich weiss auch nicht, wer dahintersteckt. Für mich zeugt seine Stellungnahme von grosser Unkenntnis der Realität. Es sind Behauptungen, die nicht belegt und teils schlicht unanständig sind.

Wo stehen denn die Berufsschullehrer?

Ich kann nur für diese Schule reden: Kommission und Schulleitung sind geschlossen gegen die Neuregelung; die Lehrer, mit denen ich geredet habe, sind es auch.

Was ändert sich konkret für Ihre Schule, wenn die Vorlage angenommen wird?

Heute sind grosse Teile von dem, was die Schule bietet und anbietet, von der Praxis beeinflusst. Die Fachleute in der Kommission tragen dies in die Schule. Heute steuert der Inhalt die Struktur. Nachher wird die Struktur den Inhalt steuern.

Wie sieht Ihre Idealvorstellung aus?

Ein Leistungsauftrag mit Globalbudget, Controlling und Rechenschaftsbericht zu Zielerreichung und Finanzen. So wie es für Fachhochschulen gilt. Die Bildungswissenschaft zeigt: Teilautonome Schulen sind die erfolgreichsten Schulen.

Vielseitig engagiert

Bank, Versicherung, Tourismus: Diese drei Bereiche schiessen einem durch den Kopf, wenn der Name Markus Isenrich fällt. Der Stadtsanktgaller ist Verwaltungsratspräsident der Acrevis Bank AG und Präsident von St. Gallen-Bodensee Tourismus. Bis zur Pensionierung war er fast 30 Jahre in leitenden Positionen für Helvetia Versicherungen tätig gewesen. Weniger bekannt ist, dass der 65-Jährige Präsident der Wildparkgesellschaft Peter und Paul ist und seit sechs Jahren die Schulkommission des Berufs- und Weiterbildungszentrums für Gesundheits- und Sozialberufe präsidiert. Isenrich liebt das Motorradfahren, ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. (rw)

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