Nerds predigen in der Olma-Halle an der TEDxHSG-Konferenz

Auf TED-Konferenzen verkünden Programmierer und Blogger ihre Ideen und Einsichten. HSG-Studenten haben gestern den Event aus dem Silicon Valley erstmals aufs Olma-Gelände gebracht. Dafür mussten sie strenge Vorgaben erfüllen.

Marlen Hämmerli
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Der Designer Erik Kessels berichtet am vierten TEDxHSG-Anlass von seiner Kunstaktion «Jump Trump»: Besucher sprangen von einer Plattform auf eine riesige Matte, bedruckt mit Donald Trumps ­Gesicht. (Bild: Urs Bucher)

Der Designer Erik Kessels berichtet am vierten TEDxHSG-Anlass von seiner Kunstaktion «Jump Trump»: Besucher sprangen von einer Plattform auf eine riesige Matte, bedruckt mit Donald Trumps ­Gesicht. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Dabei hat eben noch alles perfekt gewirkt. Drei Rednerinnen und zwei Redner sind aufgetreten. Haben ein rhetorisches Feuerwerk versprüht, die Zuhörer zum Denken und Philosophieren angeregt und dabei gestrahlt, ganz erfüllt von ihrer Idee, ihrem Lebensziel. Alles ganz so, wie es die Besucher eines TED-Events erwarten.

Besucher, die Glück hatten. Denn sie mussten sich nicht darum bewerben, am Samstag in der Olma-Halle 2.1 bei der vierten TEDxHSG-Konferenz dabei sein zu dürfen. Es genügte 55 Franken Eintritt zu zahlen. Auch in dieser Hinsicht hatten die Besucher Glück: Ein Eintritt für die ursprüngliche TED-Konferenz in Vancouver kostet mindestens 10'000 US-Dollar – und eben ein Bewerbungsschreiben. Wobei die Mutterkonferenz natürlich auch fünfmal länger dauert als ihre unabhängigen Ableger.

Den dafür steht das X. Für einen unabhängigen Anlass, organisiert durch einen Lizenznehmer von TED. Das Akronym steht für Technology, Entertainment und Design. Spezialisten aus diesen drei Bereichen sollen bei TED-Events ihre Einsichten und Ideen mit dem Publikum teilen und die Zuhörer inspirieren.

Ein technisches Problem, das keinen Sinn ergibt

Als in der Olma-Halle die Technik versagt, steht ein Spezialist für Design auf der Bühne. Erik Kessels, niederländischer Künstler und Mitgründer der Werbeagentur KesselsKramer. Eben zeigte die Leinwand hinter ihm noch eines seiner lustigen Werbevideos. Nun ist sie schwarz. Überrascht schaut Kessels hoch: «Wir haben ein technisches Problem, das keinen Sinn ergibt. Kann jemand helfen?»

Eine Gestalt huscht nach vorn, Kessels geht auf der Bühne hin und her. Eben noch versuchte er dem Publikum zu erklären, wie aus Unsinn, mehr Sinn entsteht. Denn Verwirrendes, ist das, was bleibt – und manchmal wirkt.

Etwa bei unordentlichen Schulkindern. Eine Schule bat Kessels um Hilfe, weil die Schüler den Kehricht nicht in die Abfalleimer sondern auf den Boden warfen. «Wir beschrifteten die Kübel mit den Worten ‹Wirf den Kehricht hier rein. Wie schwer kann das sein›»?, erzählt Kessels. «Und taten dann das.» Auf der Leinwand erscheint das Bild eines Mülleimers, umgeben von einem hohen Zaun. Ein weiteres zeigt einen Mülleimer, dessen Deckel die Form einer Hantel hat. Ein weiterer Eimer wurde hoch oben an einem Baum befestigt, nur zu erreichen über eine Leiter. «Es nützte», sagt Kessels. «Die Kinder warfen den Abfall in die Kübel, filmten sich und stellten die Videos auf Youtube.»

Auch die Videos des heutigen Anlasses werden online zu sehen sein. Doch nicht ohne das die Mutterorganisation die Videos geprüft hat. Beide Punkte sind Teil der strengen Vorgaben, die TED den Lizenznehmern macht.

TED stellt Vorschriften an die Lizenznehmer

Die rund 600 Besucher des Anlasses in der Olma-Halle kümmert das kaum. Für sie zählt viel mehr die Qualität der Redner und ihrer Ideen sowie die Atmosphäre. Genau dieser dienen die Vorschriften, zu denen auch die Gestaltung der Bühne gehört. Um einen TEDx-Anlass organisieren zu dürfen, muss der Lizenzhalter zudem die TED-Konferenz besuchen, die jeweils Monate im Voraus ausverkauft ist.

Ideen sollen Sex haben

Die Hürden für die Lizenznehmer sind also hoch. Dabei versteht sich TED als innovatives Forum, in dem auch Unbekannte ihre Einsichten verbreiten dürfen. Ideen sollen nicht in Büros, Bibliotheken oder Labors verkümmern, sondern frei zirkulieren, im Idealfall «miteinander Sex haben», wie es der Soziologe Matt Ridley in einem TED-Video ausdrückt. Immerhin: Für die Besucher in St.Gallen ist die Teilnahme einfach. Wobei das nicht für alle TEDx-Anlässe gilt, die gedacht sind als lokale Plattformen für das Teilen von Ideen.

Damit genau das möglich wird, folgt immer nach drei Talks – wie die Reden genannt werden – eine Pause: Frühstück, zweites Frühstück, Mittagessen, Dessert, Apéro. Diese Unterbrechungen sind tatsächlich nötig – als Denkpause. Und dienen in Zürich, Berlin oder London zudem als Gelegenheit für Networking. Etwas, das in St.Gallen nur beschränkt möglich ist, denn der grösste Teil der Teilnehmer sind HSG-Studentinnen oder -Studenten.

Vier der 24 HSG-Studentinnen und -Studenten, die den Anlass organisiert haben, posieren für ein Foto. (Bild: Urs Bucher)

Vier der 24 HSG-Studentinnen und -Studenten, die den Anlass organisiert haben, posieren für ein Foto. (Bild: Urs Bucher)

Das entspricht durchaus dem Gedanken, den die Westschweizer Studentin hatte, die 2015 den TEDxHSG-Anlass ins Leben rief: «Sie wollte, dass die HSG-Studenten mal was anderes sehen als VWL und BWL», sagt Benoît Bourban, Präsident des Organisationskomitees.

Zum zweiten Mal geschieht etwas Überraschendes

Das technische Problem ist noch immer nicht behoben. Das Publikum schwatzt, der Designer Kessels tigert hin und her, denkt laut darüber nach, Witze zu erzählen. Dann plötzlich erscheint ein Bild auf der Leinwand. Bevor alle realisiert haben, dass das Problem behoben ist, huscht der Techniker zurück an seinen Platz. Da passiert zum zweiten Mal an diesem Tag etwas Unerwartetes: Spontaner Szenenapplaus ertönt.