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Neonazi-Anlass war als Klassenzusammenkunft getarnt

EBNAT-KAPPEL. Am Samstagabend haben sich im Berghaus Girlen, oberhalb von Ebnat-Kappel, Neonazis zu einem Gedenkanlass getroffen. Die Rechtsextremen wählten damit eine Liegenschaft, in der auch immer wieder Asylbewerber einquartiert werden.
Daniel Walt
Idyllisch gelegen und zum Treffpunkt von Neonazis geworden: Das Berghaus Girlen. (Bild: Olivia Hug)

Idyllisch gelegen und zum Treffpunkt von Neonazis geworden: Das Berghaus Girlen. (Bild: Olivia Hug)

Im Berghaus Girlen oberhalb von Ebnat-Kappel waren in den vergangenen Monaten schon mehrfach Asylbewerber untergebracht. Die Vereinigung St.Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten hatte die Liegenschaft jeweils für eine bestimmte Zeit von der Besitzerfamilie gemietet, um Flüchtlinge dort unterzubringen. Nun hat das idyllisch gelegene Haus Besuch von einer ganz anderen Klientel erhalten. Wie die Organisation Antifa Ostschweiz in einer Mitteilung schreibt, feierten in der Nacht auf Sonntag Neonazis den 20. Todestag von Ian Stuart Donaldson. Donaldson war Leadsänger einer Naziband und Mitbegründer des internationalen Neonazi-Netzwerkes Blood & Honour ("Blut und Ehre"). Er starb am 24. September 1993 bei einem Autounfall.

Die mehreren hundert Teilnehmer aus dem In- und Ausland hätten sich bei Rapperswil-Jona getroffen und seien anschliessend in Autos zum Bahnhof Ebnat-Kappel gefahren, schreibt die Antifa Ostschweiz in ihrer Mitteilung. Beim auf 1150 Meter über Meer gelegenen Berghaus Girlen sei der Anlass dann über die Bühne gegangen - "ohne Polizeipräsenz", wie die Antifa Ostschweiz behauptet.

Polizei wurde kurzfristig informiert
Auf Anfrage von Tagblatt Online bestätigt Gian Andrea Rezzoli, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, dass der Anlass in Ebnat-Kappel stattgefunden hat. Die Polizei habe erst sehr kurzfristig von der Veranstaltung erfahren, sagt er - "einige Teilnehmer waren bereits beim Berghaus Girlen eingetroffen." Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass der Anlass ursprünglich im zürcherischen Gossau hätte stattfinden sollen. Weil dieser Ort aber vorzeitig publik geworden war, wurde den Organisatoren die Bewilligung wieder entzogen, wie der Tagesanzeiger am Samstag berichtete. In der Folge verlegten die Nazis die Gedenkveranstaltung offenbar kurzerhand ins Berghaus Girlen oberhalb von Ebnat-Kappel.

Festzelt auf der Terrasse
Die St.Galler Kantonspolizei beobachtete und begleitete den Anlass, an dem laut ihrer Schätzung 250 bis 300 Personen teilnahmen. Die Gegenseite habe die Polizeipräsenz auch bemerkt, sagt Gian Andrea Rezzoli. "Wir haben keine Rechtsverletzungen festgestellt, und auch beim Abzug und der Nachkontrolle gab es keine Probleme." Zumindest ein Teil des Anlasses ging in einem grossen Festzelt über die Bühne, welches laut Rezzoli auf der Terrasse des Berghauses aufgestellt war. Ob es beim Auftritt allfälliger rechtsextremer Bands zu Verstössen gegen die Antirassismus-Strafnorm gekommen ist, vermag er nicht zu sagen - "klar ist, dass die Erkenntnisse, die wir während unseres Einsatzes gesammelt haben, nun ausgewertet werden." Die Frage, weshalb die Polizei nicht im Zelt präsent gewesen sei, beantwortet der Polizeisprecher wie folgt: "Das Gesetz erlaubt das nicht, da es sich um einen privaten Anlass handelte." Hätte die Polizei frühzeitig von der Veranstaltung erfahren, hätte sie laut Rezzoli versucht, sie zu verhindern.

Gemeinde wusste von nichts
Christian Spoerlé, Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel, erklärt auf Anfrage, er habe am Sonntag zum ersten Mal vom Neonazi-Anlass in seiner Gemeinde gehört. "Ich wurde von einer Journalistin danach gefragt", so Spoerlé. Anrufe aus der Bevölkerung habe er am Samstagabend keine erhalten. Möglicherweise hätten die Anwohner das Verkehrsaufkommen rund ums Neonazi-Treffen fälschlicherweise auf das Bergrennen Hemberg zurückgeführt, das im ganzen Toggenburg zu Mehrverkehr geführt habe. Laut Spoerlé erteilte die Gemeinde keinerlei Bewilligung für einen Anlass dieses Wochenende im Berghaus Girlen - wobei das auch nicht zwingend nötig sei, denn das Berghaus werde immer wieder von grösseren Gruppen für Aktivitäten genutzt. "Es ist für eine gewisse Anzahl Leute zugelassen", so Spoerlé. Seinen Aussagen zufolge hatte die Person, die das Berghaus für den Anlass bei der Besitzerfamilie mietete, angegeben, es handle sich um eine Klassenzusammenkunft mit rund 50 Teilnehmern. "Weder bei der Schlüsselübergabe noch bei der Rückgabe machten die Besitzer des Berghauses verdächtige Feststellungen", sagt Christian Spoerlé. Es seien zwar einige Beschädigungen festgestellt worden - solche kämen aber auch bei anderen Anlässen vor.

Flüchtlinge kommen im November zurück
Laut Christian Spoerlé haben die Asylbewerber, die über den vergangenen Winter im Berghaus Girlen lebten, die Liegenschaft im vergangenen Frühling verlassen. Sie sind seither in Heiligkreuz untergebracht, sollen im November aber wieder nach Ebnat-Kappel zurückkehren. Für Christian Spoerlé ist klar: Auch nach dem Neonazi-Treffen sollen die Flüchtlinge wieder im Berghaus Girlen leben. "Man würde den Neonazis viel zu viel Gewicht geben, wenn man die Asylbewerber nun nicht mehr im Berghaus unterbringen würde", sagt er.

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