«Neger» in Wiler Schulbuch – Expertin: «Rassistische Stereotype gehören nicht in den Unterricht»

Fünftklässler einer Primarschule in Wil verbessern ihre Lesefertigkeiten mit der Geschichte über einen «Negerhäuptling». Politisch korrekte Sprache im Unterricht ist für Schulen und Verlage ein Dauerthema.

Noemi Heule
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Die Schüler der Primarschule Wil beugten sich kürzlich über ein umstrittenes Leseheft. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Die Schüler der Primarschule Wil beugten sich kürzlich über ein umstrittenes Leseheft. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Krauses Haar, schwarze Haut. Das ist Grosser Löwe. Grosser Löwe ist ein Negerhäuptling. Richtig gelesen: ein Negerhäuptling. So will es ein Heft, mit dem Fünftklässler der Schule Kirchplatz in Wil ihre Lesefertigkeiten verbessern sollten. Die Zeichnung in Schwarz-Weiss zeigt das stereotype Bild eines Wilden, analog alten Abenteuerromanen. Abenteuerlich und veraltet ist auch die Geschichte: Es geht um Frauenraub und eine heldenhafte Rettung. Der Leser schlüpft in die Rolle von Grosser Löwe, um Kleine Blume zu retten.

«Lehrmittel, die rassistische Stereotype reproduzieren, gehören selbstverständlich nicht in den Unterricht», sagt Alma Wiecken, Geschäftsführerin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Zusammen mit Mohr oder Mohrenkopf steht der Begriff Neger im Glossar belasteter Wörter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Im Duden wird der Begriff seit 1999 als abwertend eingestuft.

«Verunglimpfungen werden nicht toleriert»

Viel älter ist das grüne Heft, das die Wiler Schüler kürzlich in der Hand hielten, nicht. Es wurde nicht etwa Mitte des letzten Jahrhunderts geschrieben, als dem Begriff bestenfalls etwas Exotisch-Kühnes anhaftete und der Mitteleuropäer von wilden Abenteuer inmitten der afrikanischen Wildnis träumte. Vielmehr wurde das Büchlein 1991 herausgegeben und 1995 überarbeitet – im gleichen Jahr, in dem das Antirassismusgesetz in Kraft trat.

Die Geschichte ist mit einer überzeichneten Darstellung illustriert (Bild: pd)

Die Geschichte ist mit einer überzeichneten Darstellung illustriert (Bild: pd)

Das Heft habe «ein gewisses Alter erreicht», schreibt die Schulleitung. «Es ist möglich, dass ältere und heute nicht mehr passende Ausdrücke verwendet werden.» Das Heft der Serie Lesespur sei eine von 40 Geschichten zu verschiedenen Themen und aus allen Kontinenten. Und weiter: «An unserer Schule leben wir das gegenseitige Sorgetragen. Im Schulalltag werden weder Verunglimpfungen noch Diskriminierungen toleriert.» Es sei geplant, im neuen Schuljahr alle Lehrmittel zu prüfen. «Dabei wird entschieden, welche noch zeitgemäss und Lehrplan-konform sind.» Die Schule betont, dass es sich nicht um ein obligatorisches Lehrmittel handelt.

Das Heft habe im Kanton keinen offiziellen Lehrmittel-Status und stamme nicht vom Lehrmittelverlag St.Gallen, bestätigt Geschäftsführerin Rabea Huber. Dennoch beschäftigt das Thema den Verlag, der ebenfalls regelmässig prüft, ob ältere Lehrmittel den Anforderungen noch entsprechen. «Lehrmittel nehmen in gesellschaftlichen Fragestellungen eine Vorbildrolle ein, weshalb mit der Thematik sehr sensibel umgegangen wird.» Auf Themen wie Diversität werde grossen Wert gelegt: Dass Mädchen und Buben abgebildet oder Menschen mit verschiedenen Hautfarben oder Handicaps dargestellt werden. «Aber es gehört eben auch eine politisch korrekte Sprache dazu, und dass Menschen nicht mit Vorurteilen überzeichnet dargestellt werden.»

Kasperli, Jim Knopf und Pippi Langstrumpf

Teilweise seien ältere Unterrichtsmaterialien allerdings Zeitzeugen mit politischem Wert, sagt Rabea Huber und nennt als Beispiel Mani Matters Lied «Eskimo». Tatsächlich ist Grosser Löwe in guter Gesellschaft: Bei Kasperli heisst der Negerkönig Krambambuli, Pippi Langstrumpfs Vater ist Negerkönig in Taka-Tuka-Land und bei Jim Knopf sagt der Postbote von Lummerland: «Das scheint mir ein kleiner Neger zu sein.» Auch bei Ottfried Preussler oder Mark Twain taucht das N-Wort auf.

Voraussetzung sei, dass die Wortwahl kommentiert werde, sagt Huber. Gleicher Meinung ist man bei der Stiftung zur Erziehung zur Toleranz. Andernfalls liessen sich belastete Begriffe auch ersetzen, sagt Geschäftsführer Urs Urech, «da ist mitunter Kreativität gefragt». Die Herausgeber von Pippi Langstrumpf machen’s vor: Der Vater der Efraimstochter ist dort kurzerhand zum «Südseekönig» umbenannt worden. Getreu dem Motto Pippis. «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.»