NATURGEFAHREN: Wo es in der Ostschweiz bröckelt

Mit Bergstürzen wie in Bondo ist in der Ostschweiz nicht zu rechnen. Gefährdet sind vor allem alpine Gebiete. Doch auch bei uns drohen spektakuläre Erdrutsche und verheerende Überschwemmungen.

Michael Genova
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Strasse oberhalb von Altstätten: Die grössten Naturgefahren in der Ostschweiz sind Erdrutsche und Hochwasser. (Bild: Urs Jaudas)

Strasse oberhalb von Altstätten: Die grössten Naturgefahren in der Ostschweiz sind Erdrutsche und Hochwasser. (Bild: Urs Jaudas)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Der Berg kam mit einer unvorstellbaren Wucht. Drei bis vier Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial stürzten am 23. August vom Piz Cengalo zu Tal. Anschliessend floss eine zähe Schlammlawine bis ins Bergeller Dorf Bondo und führte dort zu grosser Zerstörung. Könnte sich eine solche Katastrophe auch in der Ostschweiz ereignen? Eine Übersicht über die grössten Naturgefahren in den Ostschweizer Kantonen.

Innerrhoden – als die Spitze des Steckenbergs abbrach

In Appenzell Innerrhoden ist die Wahrscheinlichkeit von Felsstürzen im Alpstein am grössten. Zurzeit gebe es jedoch nur wenige gefährdete Stellen, die unmittelbar eine Überprüfung oder Massnahmen erfordern, sagt Franziska Wyss, Leiterin der Innerrhoder Fachstelle Wasserbau und Naturgefahren. Dennoch gilt: «Auf fast allen Wanderwegen besteht ein gewisses Risiko, von einzelnen, herabfallenden Steinen getroffen zu werden.»

Einige gefährliche Stellen überwacht der Kanton regelmässig. So etwa die Awand bei Wasserauen. Die Felswand erhebt sich hinter dem Wasserkraftwerk Seealpsee-Wasserauen, an dem ein Wanderweg vorbeiführt. Hier lösen sich bisweilen Steinbrocken unterschiedlicher Grösse. Glücklicherweise geschehe dies häufig im Übergang vom Winter zum Frühling, bevor die Wandersaison begonnen hat, sagt Franziska Wyss. Wenn sich trotzdem einmal grössere Steine lösten, prüfe der Kanton die Situation mit Hilfe eines Geologen.

Zur Sicherheit der Wanderer im Alpstein trägt auch der regelmässige Unterhalt der Wanderrouten bei. Erst vor zwei Wochen hätten Angehörige der Rettungskolonne und des Zivilschutzes den Wanderweg von der Schwägalp zur Tierwis von Gesteinsbrocken befreit, sagt Wegmacher Patric Hautle. Aus seiner Sicht gibt es im Alpstein keine Abschnitte, die besonders gefährlich sind. Und seines Wissens musste auch noch nie ein Wanderweg geschlossen werden. Hautle erinnert an ein historisches Ereignis. Im Jahr 1988, in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni, ereignete sich im Alpsteingebiet «ein Felssturz von gewaltigem Ausmass», wie die Ausserrhoder Landeschronik festhält. Damals donnerte nahezu die Hälfte der Steckenbergspitze zum Teil bis zum Seealpsee hinunter: je nach Schätzung zwischen 2000 und 5000 Kubikmeter Fels.

Die grösste Naturgefahr in Appenzell Innerrhoden stellen Hochwasserereignisse dar. «Sie haben das grösste Schadenpotenzial», sagt Franziska Wyss. Die Nähe zu den Bergen macht den Kanton besonders verwundbar: Nach heftigen Niederschlägen schwellen die Gewässer jeweils rasch an. «Die Reaktionszeiten sind kurz, deshalb können die Schäden relativ hoch ausfallen», sagt Franziska Wyss. Die Gefahr von Erdrutschen und Murgängen konzentriere sich vor allem auf das hügelige Vorderland. Betroffen seien unter anderem die Gebiete um Eggerstanden, den Fänerenspitz und den Hirschberg.

Ausserrhoden – die Häuser rutschen langsam mit

In Appenzell Ausserrhoden befindet sich das besiedelte Gebiet in der voralpinen Hügellandschaft. «Felsstürze sind bei uns deshalb kein Thema», sagt Heinz Nigg, Leiter des Ausserrhoder Amts für Raum und Wald. Dafür aber Erdrutsche und Murgänge. Eine besondere Herausforderung stellen permanente Rutschungen dar. Dabei handelt es sich um Hänge, die über einen langen Zeitraum hinweg in Bewegung sind: meist nur wenige Millimeter oder Zentimeter pro Jahr.

Ein solches Gebiet ist das Schlittertobel bei Gais, in der Nähe des Passüberganges Stoss. Bereits um 1930 kam es hier zu einem grossen Erdrutsch, bei dem die alte Kantonsstrasse komplett zerstört wurde. Seither wird das Gebiet regelmässig überwacht. Alle drei Jahre kontrolliert ein Geometer fest installierte Messpunkte. Weitere Beispiele sind die Gebiete Sumpf und Städeli in Speicherschwendi. Hier bewegt sich ein ganzer Hang mit den darauf liegenden Häusern kontinuierlich abwärts, auch hier wenige Zentimeter pro Jahr. Heinz Nigg spricht von «langsamen Prozessen». Diese seien nicht vergleichbar mit einer Felswand, die von heute auf morgen plötzlich abbreche. Deshalb reiche es auch, wenn der Zustand solcher Gebiete alle drei Jahre neu überprüft werde. «Für die Bewohnerinnen und Bewohner besteht keine Gefahr.»

Zu Hochwasser komme es im Kanton vor allem, wenn es in kurzer Zeit unerwartet viel regne. So zum Beispiel im Juli 2011 in Herisau. Damals liess ein Unwetter den Sägebach über die Ufer treten und verwandelte die Alpsteinstrasse in einen reissenden Strom. Seither wurde der Hochwasserschutz in diesem Gebiet verbessert. Permanent installierte Überwachungssysteme sind in Appenzell Ausserrhoden zurzeit keine geplant. Im Jahr 2009 hat der Kanton die Erstellung der Naturgefahrenkarte abgeschlossen. «Uns sind die kritischen Punkte bestens bekannt», sagt Nigg. Eine Überwachung mit elektronischen Mitteln sei deshalb nicht notwendig.

St. Gallen – Fluten bedrohen das Rheintal

Dimensionen wie in Bondo gebe es im Kanton St. Gallen nicht, sagt Hubert Meusburger, Vorsitzender der St. Galler Naturgefahrenkommission. Beim Bergsturz im Bergell habe vermutlich auftauender Permafrost eine wichtige Rolle gespielt. Solche Permafrostgebiete ­existieren in St. Gallen nicht. «Wir sind eher ein Hochwasserkanton», sagt Meusburger.

Von Hochwasser bedroht ist vor allem das Rheintal. Die Hauptgefahrenquellen sind der Rheintaler Binnenkanal und der Alpenrhein selber. «Insgesamt haben wir hier ein grosses Schadenpotenzial», sagt Hubert Meusburger. Zuletzt Anfang September trat nach heftigen Regenfällen der Binnenkanal bei Rüthi über die Ufer, auch in Au und Widnau war der Pegelstand bedrohlich hoch. In Altstätten trat der Stadtbach über die Ufer und überflutete mehrere Keller. Doch im Vergleich zum verheerenden Unwetter von 2014 hielten sich die Schäden in Grenzen. Auch, weil ein neu installiertes Frühwarnsystem die Rettungskräfte rechtzeitig warnte.

Von Hochwasser gefährdete Gebiete befinden sich grundsätzlich entlang grosser Gewässer. Betroffen sind auch die Gebiete entlang der Seez, zwischen Mels und Walenstadt. Oder Wattwil, wo als Schutz gegen Hochwasser die Flusssohle der Thur verbreitet werden soll. Neben Hochwasser gehören Erdrutsche zu den grössten Naturgefahren im Kanton St. Gallen. Wie in Appenzell Ausserrhoden sind auch hier tiefgründige Rutschungen ein Thema. Solche permanenten Rutschhänge befinden sich zum Beispiel auf dem Gemeindegebiet von Grabs und Gams. Vor allem der nördliche Grabserberg ist seit langem in Bewegung.

Felspartien gibt es zurzeit keine, die rund um die Uhr überwacht werden. Dennoch existieren Orte, die regelmässig von Steinschlag betroffen sind. So zum Beispiel das Gemeindegebiet von Amden. Im Juli donnerten nach einem Gewitter Steine auf ein Auto, das auf der Strasse zwischen Weesen und Betlis unterwegs war. Dabei ging die Windschutzscheibe zu Bruch, der Fahrer blieb unverletzt. Im Februar wurde eine Fussgängerin bei Betlis von einem faustgrossen Stein am Kopf getroffen und erlitt schwere Verletzungen.

Thurgau – die Thur ist ein wilder Fluss

Im Kanton Thurgau sind zwar einige lokale Steinschlag-Risikostellen bekannt. Wegen der moderaten Topografie sind jedoch Überschwemmungen und Erdrutsche die dominierenden Naturgefahren. «Das grösste Risiko geht von der Wassergefährdung aus», sagt Beat Baumgartner, Leiter des Thurgauer Amts für Umwelt. Regelmässig zu Überschwemmungen kommt es im Thurtal. Drei Überwachungsstationen messen automatisch den Wasserstand der Thur, die Fachleute als wilden Fluss bezeichnen. Kreuzlingen, Weinfelden und Frauenfeld liegen in Gebieten, in denen vor allem Bäche über die Ufer treten können. Und von Bodensee-Hochwasser sind insbesondere die Gemeinden Steckborn, Berlingen, Gottlieben, Arbon und Horn betroffen. Seit vielen Jahren wird das Rutschgebiet zwischen Bischofszell und Kradolf-Schönenberg, mit Zentrum in Halden, regelmässig überwacht. Im Jahr 1999 kam es nach starken Niederschlägen zu einem spontanen Erdrutsch am Thurufer. Durch diese Entwicklung ist die Gemeindestrasse gefährdet.