Natürlicher Rhein erwünscht

Umfrage der Umweltverbände mit Überraschungen: Eine Mehrheit der Rheintaler Bevölkerung will entgegen der meisten Gemeinden Fluss-Aufweitungen, wie sie die naturnahere Variante des Hochwasserprojekts Rhesi vorschlägt.

Marcel Elsener
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Mögliche Rhesi-Aufweitung: Die Frutzmündung in den Rhein bei Oberriet heute und künftig (Visualisierung). (Bild: Internationale Rheinregulierung/ Hydra-Institute)

Mögliche Rhesi-Aufweitung: Die Frutzmündung in den Rhein bei Oberriet heute und künftig (Visualisierung). (Bild: Internationale Rheinregulierung/ Hydra-Institute)

WIDNAU. Länger hat man nichts mehr gehört vom Hochwasserschutzprojekt Rhesi, mit einer kleinen Ausnahme: Die jüngsten Nachrichten betrafen nicht aufschiebbare und nun angelaufene Arbeiten für stabilere Dämme in Kriessern, Diepoldsau oder Oberriet. Massnahmen, die nicht umstritten sind und die Bevölkerung kaum bewegen. Ganz im Gegensatz zum internationalen Grossprojekt, das allein wegen seiner Dimensionen – geschätzte 20 Jahre Bauzeit, 600 Millionen Franken Kosten – als Jahrhundert- oder Generationenprojekt bezeichnet wird. Wobei eine andere Zahl mehr erschreckt: Das Schadenpotenzial bei einem sogenannten 300jährigen Hochwasser im Rheintal liegt bei sechs Milliarden Franken.

Noch keine einzige Aufweitung

Gestern ging es an einer Medienkonferenz der Plattform «Lebendiger Alpenrhein» von Ostschweizer und Vorarlberger Umweltverbänden nicht um diese, aber auch um Zahlen. Die Organisationen, allen voran der WWF, hatte bei der Firma M.I.S Trend eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Im Spätherbst 2014 wurden 424 Privatpersonen ab 18 Jahren in den betroffenen St. Galler Gemeinden Oberriet, Diepoldsau, Widnau, Au, St. Margrethen sowie in den acht Vorarlberger Gemeinden von Hard bis Meiningen um ihre Haltung zu Rhesi und den Projektvarianten K1 (Korrekturen im Flussbett) und K2 (stark verbreitertes Flussbett) befragt.

Nicht zufällig fand die Veranstaltung in Widnau statt, im grenznahen Restaurant Habsburg: Hier liessen sich die Brunnen und Aufweitungspläne im Rheinvorland gut besichtigen, hier sei «die Akzeptanz besonders gefragt», sagte Lukas Indermaur, Projektverantwortlicher «Lebendiger Alpenrhein». Zehn Jahre besteht das Entwicklungskonzept bereits, doch sei noch keine der 19 vorgezeichneten Rhein-Aufweitungen umgesetzt worden. Dazu sei das Projekt zur Erholung und Sicherheit am Rhein – eben Rhesi – seit zwei Jahren wegen der Nutzungskonflikte in der Landwirtschaft und beim Grundwasser blockiert.

Umso erfreulicher, wie Indermaur meinte, dass laut der Umfrage-Ergebnisse die Mehrheit der Bevölkerung die Ängste der Gemeinden nicht teilt. So begrüssen zwei Drittel grundsätzlich das Projekt, und so meint eine klare Mehrheit (74 Prozent), dass Brunnen bei nachweislicher Sicherstellung der Trinkwasserversorgung verlegt werden können. Ebenso sollen verpachtete Landwirtschaftsflächen dem Rhein zugestanden werden. In diesem Punkt ist die Zustimmung sowohl in stärker und weniger stark betroffenen Gemeinden hoch. Allerdings sind die Mehrheiten in Vorarlberg durchgehend deutlicher als in der Schweiz. «Rhesi muss kommen», meinte an der Medienkonferenz Rainer Siegele, Bürgermeister von Mäder. Siegele ist im Gegensatz zu manchen anderen Gemeindepräsidenten auch überzeugt, dass die Trinkwasserversorgung trotz aller Qualitäts- und Aufbereitungsunterschiede «im Verbund geregelt werden kann». Gemäss den Umfrageresultaten genügt den meisten Rheintalern der aktuelle Hochwasserschutz – entgegen den Warnungen der Experten. Da besteht Aufklärungsbedarf, und auch grundsätzlich: Das komplexe Vorhaben ist bislang wenig bekannt, 30 Prozent der Vorarlberger wollen noch nie davon gehört haben.

Dem Fluss Raum geben

Hochwasserschutz bedeute heute, «dem Fluss Raum zu geben», sagte die St. Galler SP-Nationalrätin und Umweltwissenschafterin Claudia Friedl. Erfreulicherweise trage die Bevölkerung die naturnahe Sanierung des Rheins «gut mit» – und dies entspreche den gesetzlichen Grundlagen. «Ich gehe davon aus, dass diese deutlichen Umfrage-Ergebnisse die Entscheidungsträger darin bestärken, der Bevölkerung und der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen», betonte Friedl. Ansonsten müsse sich der Bund die Frage gefallen lassen, wie er den Einsatz der Subventionen für «ein naturfernes und damit nicht gesetzeskonformes Projekt verantworten kann». Die Mehrheitsmeinungen in der Bevölkerung müssten dem Rhesi-Projektbeirat zu denken geben. Ihm gehört auf Schweizer Seite neben Regierungsrat Willi Haag und Rolf Huber (Oberriet) auch – hier schliesst sich der Kreis – die Widnauer Gemeindepräsidentin Christa Köppel an.

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